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Szene aus "Once Upon A Time In Hollywood"

Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

„Es war einmal in Hollywood“: Tarantinos Debütroman

Quentin Tarantino kehrt ins Jahr 1969 zurück. In seinem Debütroman erzählt der Regiestar eine eigene Geschichte aus neuen Perspektiven. Und hinterlässt gemischte Gefühle.

Von Christian Fuchs

Fragt man Literaturfans nach gelungenen Verfilmungen ihrer Lieblingswerke, erntet man meistens enttäusche Blicke. Kinoadaptionen, lautet die gängige Meinung, hinken fast immer den fantasievolleren Buchvorlagen hinterher.

Kaum diskutiert dagegen wird der umgekehrte Fall. Aus Filmen ein Buch zu destillieren, das war das letzte Mal in den 70ern Jahren populär. Sogenannte Novelizations verwandelten die Plots von Erfolgsfilmen wie „Alien“ oder „Dawn of the Dead“ in Romane, die es an jedem Bahnhofskiosk zu kaufen gab. Der erste „Star Wars“ Streifen löste sogar eine ganze Reihe von Begleitbüchern aus.

Von der Literaturkritik verachtet, waren diese Filmschmöker doch ziemlich erfolgreich. In der Zeit vor dem Heimvideo-Boom, als selbst VHS-Kassetten noch Zukunftsmusik waren, gab einem ein Roman die einzige Gelegenheit, noch einmal in die Welt des geschätzten Films einzutauchen. Betont auch Quentin Tarantino, der in aktuellen Interviews von den Buchfassungen diverser Filme schwärmt.

Das Loblied auf die unterschätzte Kunstform hat einen Grund: Tarantino hat selbst eine Novelization verfasst. Und zwar zu seinem bislang letzten Film, der den Regisseur ohnehin nicht loslässt. „Once Upon A Time In Hollywood“ soll auch zu einer vierstündigen Serie für Netflix adaptiert werden, mit tonnenweise unveröffentlichtem Material.

Szene aus "Once Upon A Time In Hollywood"

Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Zwei Männer symbolisieren eine vergangene Leinwandära

Zuvor kehrt Quentin Tarantino in seinem literarischen Debüt aber auf etwa 400 Buchseiten ins Jahr 1969 zurück. Dort treffen wir auf die vertrauten Hauptfiguren aus dem Film, der bei Presse und Publikum für Begeisterung sorgte. Der etwas abgehalfterte Fernsehdarsteller Rick Dalton und sein Stuntdouble und Freund Cliff Booth stehen auch im Mittelpunkt des Romans „Es war einmal in Hollywood“.

Beide sehr konträren Männer mittleren Alters symbolisieren eine Leinwandära, die 1969 obsolet wirkt. Rauhe B-Movie-Männlichkeit gehört der Vergangenheit an, der befreite Hippiespirit erfasst plötzlich auch Hollywood.

Wie im Film wurschtelt sich Dalton auch im Buch, in ähnlichen Szenen, durch einen Alltag zwischen quälenden Castings und Afterwork-Alkoholismus. Booth, der Weltkriegs-Veteran hat zwar ebenfalls ein schwieriges Dasein. Aber der unerschütterliche Stuntman ist seinem Arbeitgeber stets eine treue seelische Stütze.

So weit, so gut. Schließlich hat man beim Lesen die Gesichter von Leonardo DiCaprio und Brad Pitt vor dem geistigen Auge. Die beiden großartigen Darsteller verleihen ihren Charakteren vielfältige Facetten. DiCaprio treibt das quälende Selbstmitleid des ausrangierten Rick Dalton auf köstliche Weise ins Komikhafte. Pitt wiederum verleiht dem dubiosen Stuntman eine charismatische Coolness. Auch wenn diese Kerle den Prototypus des konservativen weißen Amerikaners verkörpern, wir mögen sie wegen den Schauspielern dahinter.

Szene aus "Once Upon A Time In Hollywood"

Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Explizite Kaltschnäuzigkeit

Ob Rick und Cliff auch nach der Lektüre von „Es war einmal in Hollywood“ noch etwaige Sympathiepunkte abräumen, ist allerdings fraglich. Quentin Tarantino erzählt uns nämlich viel mehr über das Innenleben als wir aus dem Film erfahren. Oder vielleicht wissen wollen.

Da verwandelt sich der B-Movie Akteur stellenweise vom Grantscherben in einen hasserfüllten Rassisten und Reaktionär. Und sein best buddy mutiert durch eine ausführliche Backstory zu einer nahezu monströsen Figur. Cliff Booth ist nicht nur ein dekorierter Kriegsheld, der Unmengen feindlicher japanischer Soldaten getötet hat. Er entpuppt sich auch im Zivilleben als mehrfacher Mörder, der dem Gesetz immer entkommen konnte.

An einem Kapitel kann man dabei den Unterschied zwischen Film und Buch besonders deutlich machen. Während wir in der Kinoversion im Dunkeln gelassen werden, ob Cliff tatsächlich seine Frau auf dem Gewissen hat, schildert der Autor Tarantino deren brutalen Tod ausführlich. Der Stuntman, der uns durch den Roman begleitet, ist ein gnadenloser Killer, wird das Buch nicht müde zu betonen.

Die Explizitheit, mit der Tarantino die Kaltschnäuzigkeit von Cliff Booth nahezu feiert, passt zwar zu den Antiheld*innen in „Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“ oder „Kill Bill“. „Once Upon A Time In Hollywood“ faszinierte als Film aber gerade durch einen milderen Blickwinkel. Zusammen mit zwei Oldschool-Losern einfach den Sunset Boulevard entlang zu düsen, machte einfach auch enormen Spaß. Bei den Buch-Pendants von Rick und Cliff möchte man aber nicht am Rücksitz hocken, während sie homophobe Verächtlichkeiten austauschen.

Szene aus "Once Upon A Time In Hollywood"

Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Niedrige Instinkte und trashige Zitate

Filmische Meisterwerke zehren oft von der Kunst des Weglassens. David Lynch hat aus Klassikern wie „Blue Velvet“ bewusst so viel rausgeschnitten, dass geheimnisvolle Leerstellen im Plot bleiben. Auch „Once Upon A Time In Hollywood“ verdankt der Ambivalenz viel. Die Manson Family geistert etwa als schwer greifbare Bedrohung durch den Film, ihr Anführer Charlie hat bloß einen gespenstischen Kürzestauftritt.

Im Buch widmet sich Quentin Tarantino der Hippie-Sekte entschieden ausführlicher. Auf den Spuren diverser True-Crime-Autoren präsentiert uns der Autor den Sektenführer Charles Manson als gescheiterten Rockstar mit dämonischen Guru-Gesten. Nichts Neues für Auskenner, aber Tarantino gelingen einige gruselige Passagen. Gleichzeitig trivialisiert das Zuviel an Wissen die tolle Struktur des Films.

Aber Novelizations gehören in den Bereich der Pulp-Literatur, der Groschenhefte und Strandbücher, sie zielen vom Ansatz her schon ein bisschen unter die Gürtellinie. Darauf wird sich Tarantino wohl ausreden, wenn er niedrige Instinkte seitenweise zelebriert.

Auf der anderen Seite ist „Es war einmal in Hollywood“ aber natürlich Meta-Pulp, so wie sämtliche Filme des Regisseurs. Statt einer spannend-schundigen Geschichte dominieren elendslange Einzelszenen, trashige Zitate, cinephile Wikipedia-Aufzählungen. Dabei, und jetzt wird es kontrovers, verschwimmt die Autorenposition oft mit dem Blickwinkel der Protagonistinnen.

Quentin Tarantino

Art Streiber AUGUST

Bruce Lee und der Rassismus-Verdacht

Dieser Perspektivenwechsel kann charmant sein, wenn Quentin Tarantino in die Gedankensphäre von Sharon Tate eindringt. Auch die 1969 von Mansons Gang ermordete 60ies-Schauspielerin, der in „Once Upon A Time In Hollywood“ ein neues Leben geschenkt wurde, hat einen größeren Part im Buch. Tarantino huldigt ihr als einzig bodenständiger, leichtfüßiger Figur inmitten des kaputten Ensembles. Ob die Stilisierung zum naiven It-Girl nicht auch leicht sexistische Züge trägt, darüber streiten wohl längst Rezensenten*innen.

Definitiv rassistische Ansätze blitzen im umstrittensten Teil des Romans auf. Sorgte bereits das Leinwand-Duell zwischen dem fiktiven Cliff Booth und dem echten Kung-Fu-Gott Bruce Lee für hitzige Reaktionen, legt Tarantino nun literarisch nach.

Gegen den eiskalten Stuntman, der „schon Männer mit bloßen Händen getötet hatte“, kann der berühmteste Kampfkünstler aller Zeiten nur verlieren. Bloß ein kurzes Aufflackern der Vernunft hindert Cliff im Buch daran, dem Kleinen Drachen bei einer Filmset-Schlägerei nicht das Genick zu brechen.

Dass Bruce Lee, der junge Migrant, sich als Chinese in einem feindlichen Hollywood beweisen musste, spielt für Quentin Tarantino keine Rolle. Seine Charaktere verachten den „Gnom“ und das „Schlitzauge“, vergleichen ihn als energischen Netzwerker sogar mit dem berechnenden Charles Manson. Moment, dieser Vorwurf stammt vom Erzähler, nicht von Cliff Booth. Zurecht attackierte Shannon Lee, die Tochter der verstorbenen Martial-Arts-Ikone, das Buch und fragte Tarantino, wo all die Verachtung für Bruce Lee herkommt.

Szene aus "Once Upon A Time In Hollywood"

Andrew Cooper / Columbia Pictures

Seitenhiebe gegen Cineasten-Lieblinge

Um es klarzustellen: Natürlich darf ein Autor seinen literarischen Schöpfungen menschenfeindliche Sätze in den Mund legen. Viele meisterliche Werke von James Ellroy, Cormac McCarthy oder Michel Houellebecq sind voll davon, auch Heinz Strunk brilliert mit misanthroper Prosa. Bei Quentin Tarantino hat man aber das Gefühl, hier will ein Popkultur-Star bewusst die Woke-Gegenwart provozieren.

Buchcover "Es war einmal in Hollywood"

Kiepenheuer&Witsch

Sogar die clevere Kinderdarstellerin Trudi, in „Once Upon A Time In Hollywood“ umwerfend von Julia Butters personifiziert, benützt der Autor für seine Agenda. Während die Szenen mit Rick Dalton im Film köstlich amüsieren, legt ihr Tarantino im Buch strenge Bemerkungen gegen das Gendern (anno ’69 noch kein Thema) in den Mund - und lässt die 8-Jährige mit dem TV-Cowboy nicht ganz unschuldig flirten. Nehmt das, ihr fragilen Schneeflöckchen, vermeint man den schreibenden Regisseur flüstern zu hören.

Überdeutlich wird das Sprechen durch die Figuren, wenn sich Hawaihemdenträger Cliff Booth im Roman als verkappter Cineast outet. Der Ex-Soldat verehrt Kurosawa und den italienischen Neorealismus, verachtet aber den „scheißlangweiligen“ Truffaut, den „Blender“ Antonioni oder den „Nazi-Drecksack“ Otto Preminger. Brachial-Filmkritik á la Tarantino, aus Brad Pitts Mund kann man sich diese Seitenhiebe eher nicht so vorstellen.

Und das bringt mich zum Fazit. „Once Upon A Time In Hollywood“ war eines der Kinohighlights 2019. Ein komischer, brutaler, wehmütiger Film über eine Zeitenwende, mit einem irrwitzigen Finale, das einem historischen Exorzismus gleicht. Aber vor allem auch ein Triumph von Kamera und Musik, berauschenden Farben und flirrender Atmosphäre. Ein Loveletter an die Stadt der Engel. Ein großer Film, den das dazugehörige Buch jetzt unnötig kleiner macht.

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