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Gebäude auf Insel Utoya

SCANPIX NORWAY

10 Jahre nach dem Anschlag auf Utøya

Genau zehn Jahre ist es her, dass ein Rechtsextremist 77 Menschen, davon 69 auf der Insel Utøya nahe Oslo, ermordet hat. Wo steht Norwegen heute in dem langen und teils konfliktreichen Prozess der Aufarbeitung und des Gedenkens?

Von Jan Hestmann

„Utøyafestivalen 2021“ wird da in großen Buchstaben angekündigt, wenn man die Website der AUF, der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei, aufruft. Das politische Sommerlager auf der Insel Utøya nahe Oslo findet auch heuer wieder statt. Diesmal sogar gleich an drei Terminen hintereinander. Aufgrund der aktuellen Corona-Situation hat man die einzelnen Sektionsgruppen der sozialdemokratischen Jugend aufgeteilt, um eine zu große Menschenansammlung auf der Insel zu vermeiden. Immerhin ist die AUF die größte politische Jugendorganisation des Landes.

Seit 2015 findet das Sommerlager der AUF wieder regelmäßig auf der Insel Utøya statt. Unmittelbar nach dem Anschlag vom 22. Juli 2011, bei dem der Rechtsextremist Anders B. Breivik die Insel schwer bewaffnet gestürmt und dabei 69 Teilnehmer*innen des Camps ermordet hat, hieß das Motto bereits: Utøya zurückerkämpfen. Schon im Folgejahr 2012 wollte man wieder ein Sommerlager auf der Insel stattfinden lassen. Als Zeichen, dass man sich von einem Rechtsextremisten trotz allem nicht unterkriegen lässt. So schnell war die Rückkehr auf Utøya dann aber doch nicht möglich, zu tief saß der Schock und der Schmerz. Es dauerte drei weitere Jahre, bis zum Jahr 2015, um das neue Utøya bereit zu machen und auch emotional zurückzugewinnen.

Insel Utoya aus der Vogelperspektive

Lasse Tur Mapaid AS

Die Insel Utøya liegt etwa 30 Kilometer entfernt von der norwegischen Hauptstadt Oslo. Seit 2015 finden hier wieder alljährlich die Sommerlager der sozialdemokratischen Jugend AUF statt.

Die Anschläge vom 22. Juli 2011 in Oslo und auf Utøya haben Norwegen nachhaltig erschüttert. Sie markieren die schrecklichste Gewalttat in dem sonst so friedlichen Land seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der damalige Premierminister Jens Stoltenberg von der damals regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei stellte sich dem Terrorakt mit einer Rhetorik der Toleranz entgegen: Noch mehr Demokratie, noch mehr Offenheit will das Land jetzt leben. Entgegen der menschenfeindlichen Ideologie des Attentäters. Jetzt erst recht.

Debatte über Rechtsextremismus - quo vadis?

Doch was war dann passiert? Unmittelbar nach den Attentaten hat sich die Støttegruppe etter 22. juli, die norwegische Vereinigung zur Unterstützung der Opfer des Attentats gegründet. Denkmäler wurden errichtet, „Aldri glemme“ („Niemals vergessen“) wurde zur Parole. Im Osloer Regierungsviertel, wo Breiviks Autobombe detoniert war, wurde 2015 das 22.-Juli-Zentrum eröffnet, das mit Ausstellungen an die Gräueltaten erinnern soll. Dabei regte sich durchaus auch Widerstand in der norwegischen Bevölkerung gegen diese Gedenkstätte im Zentrum Oslos. Von vielen wurde sie damals schon abschätzig als „Breivik-Museum“ bezeichnet, das Erinnerungen weckt, die man lieber vergessen würde.

Gedenkfeier Anschläge in Oslo

Jan Hestmann

Juli 2011. Drei Tage nach den Anschlägen stehe ich am Osloer Rathausplatz, wo zwischen 200.000 und 300.000 Menschen der Opfer gedenken, viele strecken Rosen in die Luft. Der damalige Premierminister Jens Stoltenberg ruft dazu auf, dem rechtsextremen Angriff nun „noch mehr Offenheit, noch mehr Demokratie“ entgegenzuhalten.

Denkmal Anschläge Utoya

Oslo Kommune/Nyebilder

2019 wird ein Mahnmal in Oslo enthüllt. Das Monument „Jernrosene“ zeigt um die 1.000 eiserne Rosen.

Eine breit angelegte Diskussion zum Thema Rechtsextremismus war bald im Keim erstickt. Die Arbeiterpartei unter Jens Stoltenberg wurde 2013 abgewählt, abgelöst wurde sie von einer Koalition bestehend aus der konservativen Høyre und der rechtspopulistischen Fortschrittspartei. Breivik wurde als lone wolf terrorist kategorisiert, einer umfassenderen Debatte über Rechtsextremismus in der Gesellschaft konnte man so leichter aus dem Weg gehen.

Heute gibt es in Norwegen zwei entgegengesetzte Auffassungen, um über den Anschlag zu sprechen. Während die einen die Tat losgelöst von politisch extremistischen Strömungen und den Täter als Einzelgänger begreifen wollen, setzen die anderen die Tat in einen gesellschaftspolitischen Kontext. Es wird die Frage gestellt: Wie haben etwa Medien und Politiker*innen durch ihre Sprache Breivik in seinem Vorhaben bestärkt? Dem zweiten Ansatz folgen auch viele Vertreter*innen der norwegischen Arbeiterpartei und der AUF.

Filme über die Attentate vom 22. Juli
In den letzten Jahren hat es gleich zwei größere Spielfilmproduktionen gegeben, die die Attentate vom 22. Juli auf sehr unterschiedliche Weise filmisch verarbeiten.

Wahlen in Norwegen

In Norwegen finden im September 2021 wieder landesweite Parlamentswahlen statt. Im Vorjahr war die Fortschrittspartei aus der Koalition ausgetreten, die Regierung Solberg unter der Führung von Erna Solberg (Høyre) wurde seither als Minderheitenregierung geführt. Chancen hat bei diesen Wahlen nun auch wieder die Arbeiterpartei. Diese Arbeiterpartei besteht mittlerweile auch aus AUF-Mitgliedern von damals, die den Anschlag auf Utøya 2011 überlebt haben. Doch ihr traumatischer Hintergrund bringt ihnen auch Kritik, teilweise sogar wüste Beschimpfungen und Drohungen in sozialen Netzwerken ein. Es wird ihnen vorgeworfen, mit der Tragödie von Utøya politisches Kleingeld zu schlagen, weil sie sich nach wie vor dafür einsetzen, die Attentate vom 22. Juli in einen gesellschaftspolitischen Kontext zu rücken.

Aldri glemme! Niemals vergessen!

„Aldri glemme“ lautet das Motto auch noch 10 Jahre nach den Anschlägen. In Oslo und auf Utøya finden dieser Tage die ganze Woche lang Gedenkveranstaltungen statt. Die Opfer vom 22. Juli und deren Angehörige haben es verdient, nicht vergessen zu werden. Sie stehen im Zentrum dieses Gedenkjahres. Menschen, die für eine offene Gesellschaft eingestanden sind, ihre Ideale hochgehalten haben und dafür sterben mussten. Ermordet von einem Norweger, der sich einbildete, sein Land vor zu viel Offenheit und Toleranz beschützen zu müssen. Es bleibt wichtig, sich diesen Kontext immer wieder zu vergegenwärtigen, auch um der Opfer gebührend zu gedenken. Aldri glemme.

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