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Die Welt hat kein Talent zur Anständigkeit: Tom Schilling im Interview

Im Alter von sechs Jahren begann er mit der Schauspielerei: Aus dem deutschen Film ist Tom Schilling in den letzten 20 Jahren nicht wegzudenken. Sein neuer Film „Fabian“ läuft ab 6. August in den österreichischen Kinos. Im Interview schwärmt der Schauspieler von Regisseur Dominik Graf und erzählt auch, was er an seinem Beruf nicht mag, welche seiner Filme er schätzt - und welche gar nicht.

Von Pia Reiser

Wie konnte das Wort „kolossal“ bloß je aus der Mode kommen, frage ich mich, als der Film „Fabian“ zu Ende ist, ein wirklich kolossaler Film von Dominik Graf, beruhend auf dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner. Der Roman erschien 1931 mit dem Untertitel „Die Geschichte eines Moralisten“. Die Hauptfigur Jakob Fabian, ein Germanist und Zweifler, beobachtet die Welt der zu Ende gehenden Weimarer Republik.

„Fabian“ startet am 6. August 2021 in den Kinos in Österreich.

Der Absinthrausch und der Überschwang der goldenen Zwanziger Jahre ist vorbei, die Wirtschaftskrise stampft durch das Land und Jakob Fabian sieht sich verwundert um und (ver)zweifelt an der Welt und deren Moralverfall. Dabei ist er aber auch durchaus charmant, dem Nachtleben Berlins nicht abgeneigt und - dank Kästners Sprache - vor allem auch schlagfertig. Als „entartet“ und „undeutsch“ bezeichnen die Nazis Kästners Roman, „Fabian“ wird wie so viele andere Werke öffentlich verbrannt. Kästner selbst sieht bei den Bücherverbrennungen zu.

2013 erscheint „Fabian“ unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“ in der ursprünglichen Fassung, Kästner war vor der Veröffentlichung 1931 noch um Änderungen und Entfernung von „brisanten“ Passagen gebeten worden.

Die „Fabian“-Verfilmung von Dominik Graf, die Anfang August in den österreichischen Kinos startet, bezieht sich auf diese neue Veröffentlichung. In die Anzüge des Jakob Fabian, des jungen Mannes, der sich über die Welt wundert, ist Tom Schilling geschlüpft. Auf der Terrasse eines Hotels in Wien habe ich mit ihm über „Fabian“, Regisseur Dominik Graf, sein Hadern mit seinem Beruf und das Weinen im Flugzeug gesprochen.

FM4: Du spielst Jakob Fabian, die Titelfigur des Romans von Erich Kästner, in der Verfilmung von Dominik Graf, wie würdest du den Germanisten und Moralisten Fabian beschreiben?

Tom Schilling: Jakob Fabian ist ein desillusionierter Fatalist, der in der Marketing-Abteilung einer Zigarettenfabrik arbeitet, eigentlich aber lieber Schriftsteller wäre. Er liebt seine Mutter sehr und bringt ihr immer noch die Schmutzwäsche, obwohl sie in Dresden und er in Berlin lebt, er geht sehr gerne raus in die Welt und ist Voyeur, er liebt es, Frauen kennenzulernen und sie zu verführen, Geschichten mit ihr zu erleben, die er dann vielleicht literarisch verarbeiten kann. Er versucht in Berlin sein Glück zu finden, wäre aber in der Provinz ein bisschen besser aufgehoben.

Regisseur Dominik Graf hat gesagt, er hatte gleich dich für die Rolle des Jakob Fabian im Kopf – kannst du immer nachvollziehen, warum dir Rollen angeboten werden?

Tom Schilling: Durchaus. Ich glaube schon, dass man mir gewisse Gedanken vielleicht mehr zutraut als Anderen, wahrscheinlich auch einfach, weil ich mit „Oh Boy“ mal einen Film gemacht habe, in dem ich auch einen Chronist und Melancholiker gespielt habe. Jemanden, der ein Zuschauer seiner Zeit ist, einer, der dem Leben und der Welt abhandengekommen ist. Und dass ich den ganz gut spielen konnte, das prädestiniert mich für andere Figuren. Und grade der Fabian hat viel mit dem Niko Fischer aus „Oh Boy“ gemeinsam und die beiden Filme haben eine große Geistesverwandtschaft.

Der Autor des Romans „Fabian“, Erich Kästner, wird oft nur als Kinderbuchautor wahrgenommen. Kästner ist einer, der mit einfacher, sehr unprätentiöser Sprache sehr große Effekte und vor allem große Komik auch erreichen konnte, deine Figur ist sehr schlagfertig - ist das eine Sprache, die du magst, die dir entgegenkommt?

Szenenbild aus "Fabian"

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Tom Schilling: Ganz und gar nicht, die ist total schwer. Die größte Aufgabe in der Vorbereitung auf „Fabian“ war, sich diese Sprache zu eigen zu machen und diese Sätze auch so hervorzubringen, dass sie mit dem gleichen Style wie andere Sätze um die Ecke kommen, weil sonst haut dich das ja immer kurz raus aus dem Film. Und da geht es natürlich für mich als Schauspieler schon darum, irgendwie eine halbwegs perfekte Illusion zu erschaffen von jemandem, der eine echte Figur ist und nicht, dass man dauernd sagt „Ach das war jetzt wieder so ein Kästner-Satz“.

Dominik Graf hat dich als jemand beschrieben, „der große Emotionen mit kleinen Gesten transportieren kann. Mit minimalistischer Mimik agiert und der auf berührende Art verloren wirkt.“ Ein großes Lob von einem großen Regisseur. Was fasziniert dich denn am Regisseur Dominik Graf?

Tom Schilling: Seine Begeisterungsfähigkeit, seine Leidenschaft. Seine wirklich aufrichtige Liebe für Schauspieler. Er ist jemand, der sich wie ein Kind darüber freuen kann, dass etwas entsteht und beschützt es mit all seiner Kraft, dass es weiterhin irgendwie echt und pur für ihn eingefangen wird.

Ein Film, an den ich oft während „Fabian“ denken musste, war „Cabaret“ von Bob Fosse aus dem Jahr 1972. Der spielt ungefähr zur gleichen Zeit wie „Fabian“ und erzählt auch auf die gleiche Art nebenbei von der Machtergreifung der Nationalsozialisten ...

Tom Schilling: Lustig, dass du es sagst. Einer der wenigen Filme, die uns Dominik Graf hat gucken lassen, war „Cabaret“. Den hab ich zusammen mit meinen „Fabian“-KollegInnen Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch zusammen geschaut und der stand insofern auch ein bisschen Pate für unseren Film.

Dominik Graf ist ja bekannt dafür, eher schnell zu drehen. Ihr habt diesen Drei-Stunden-Film in 33 Tagen gedreht. Ist das eine Arbeitsweise, die dir auch lieber ist als große Produktionen?

Tom Schilling: Ja, ungemein! Ich fand es schon früher schwierig, wenn Filme so aufgeblasen sind und sich so sehr um die Hülle drehen, dass Szenenbild, Licht, Kamera und alles so einen Stellenwert bekommt. Fast schon wie in der Werbung, wo ein Tag oder zwei Tage eingeleuchtet wird, damit das Bier schön schaumig aussieht. Und dann sollst du irgendwie in diesem ganzen Gewusel für 20 Sekunden oder so echt und gut sein. Und das ist mir ganz oft nie gelungen. Also wenn es heißt „Danke, aus“, dann habe ich gerade erst die Kamera um mich herum vergessen. Und deswegen finde ich das natürlich super. Also ein bisschen ist die Arbeit mit Dominik Graf so, wie ich mir die Arbeit der dänischen FilmemacherInnen bei Dogma 95 vorstelle. Das macht natürlich die SchauspielerInnen viel, viel freier.

Wenn man Interviews mit dir liest, dann fällt einem eine gewisse Skepsis seinem Beruf gegenüber auf. Manchmal nennst du es Hass-Liebe und hast letztes Jahr in einem Interview als momentanen eigentlichen Berufswunsch Tischler angegeben. Wie geht’s dir denn momentan mit deinem Beruf?

Tom Schilling: Also heute hatte ich nur nette Interviews. Spricht für Österreich, wirklich, es fiel mir extrem leicht, hier über den Film zu sprechen. Aber das ist normalerweise ein Teil meines Berufs, den ich wirklich nicht gerne mache und heute Abend muss ich in eine Fernsehsendung gehen, das ist für mich das Furchtbarste. Ich bin nicht gern in einer Umgebung mit fremden Menschen, ich schäme mich sehr schnell für Sachen, die ich sage, ich rede nicht gerne vor vielen Leuten und damit bin ich einfach in einer Fernsehshow falsch aufgehoben. Ganz viele Dinge, die ich wirklich von Natur aus eigentlich nicht gut kann, muss ich Schauspieler machen - daran wird sich nichts ändern.

Hast du schon mal nachgeschaut, was bei dir in der IMDB unter Trivia steht? Da steht nämlich, du hättest im Flugzeug bei „Bohemian Rhapsody“ geweint. Stimmt das?

Tom Schilling: Ja, auf jeden Fall. Ich weiß nicht mehr an welcher Stelle, aber ich hab danach auch bei einem Film, wo Mark Wahlberg und Rose Byrne Pflegeeltern werden, geweint. Also ich bin schon eher sentimental.

Laut einer Studie, weint man auch leichter im Flugzeug.

Tom Schilling: Ach, komm. Echt? Aber ich bilde mir ein, dass man auch schneller lacht. Also ich finde auch Komödien oft durchaus lustiger im Flugzeug als im Kino.

Hast du eigentlich einen Lieblingsfilm aus deiner eigenen Filmographie? Oder ist es immer der aktuelle, den du am liebsten hast?

Tom Schilling: Nee, das ist nie der aktuelle. Aber es gibt wirklich ein paar, die ich als sehr gelungen empfinde. Und manche, die mir nicht so nahe sind. Einer, der mir sehr nahe ist, ist „Oh Boy“. Weil ich den nur mit Freunden gemacht hab. Einer meiner ältesten Freunde hat hier die Kamera gemacht. Mein Trauzeuge und Paten-Onkel von einem meiner Söhne war dabei. Das ist so ein Herzens-Familien Projekt. Dann gibt’s andere Filme, die finde ich sehr gelungen. Und dann gibt’s z.B. so einen Film wie „Woyzeck“, den fast niemand gesehen hat, den ich ganz toll finde.

Tom Schilling in "Oh Boy"

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Tom Schilling in „Oh Boy“

Ich finde auch „Hai-Alarm am Müggelsee“ klasse, wo du einen Haifisch-Experten spielst.

Tom Schilling: Den mag ich gar nicht.

Und „Verschwende deine Jugend“?

Tom Schilling: Da dachte ich immer, dass ich ihn nicht so gut finde. Und dann hab ich ihn mit viel, viel Abstand bestimmt 10-15 Jahre später nochmal gesehen und dachte: Gar nicht mal so schlecht.

Zum Abschluss die schöne Frage, die deine Figur Fabian im Film an seine Vermieterin stellt: Hat die Welt überhaupt Talent zur Anständigkeit?

Tom Schilling: Ja, also für mich ist es leider ganz klares „Nein“. (lacht). Aber ich arbeite dran, dass ich irgendwann denke „Ja“.

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