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APA/AFP/Louisa GOULIAMAKI

Erich Moechel

Athen warnt mit Mobilfunk-Alarmsystem gezielt vor Bränden

Das in Griechenland seit 2019 eingesetzte Warnsystem entspricht technisch weitgehend der kommenden EU-Verordnung, die alle Mitgliedsstaaten zur Implementierung eines solchen Mobilfunk-Alarmsystems verpflichten wird.

Von Erich Moechel

Wenn in Athener Restaurants derzeit alle Mobiltelefone synchron klingeln, dann ist ein neuer Alarm eingetroffen. In den akut bedrohten Vorstädten werden die Einwohner gezielt über näherkommende Feuerwände informiert oder zur Evakuierung aufgefordert. In Griechenland wurde das kommende EU-weite Alarmsystem schon 2019 fertig implementiert.

Auch in Italien ging Ende 2020 ein solches System nach dem „Cell-Broadcast-Standard“ in Betrieb, Schweden hat mit der Umsetzung gerade begonnen. Bei A1, Magenta und Drei, die jeweils zu internationalen Mobilfunkkonzernen gehören, wurde deshalb zum Stand der Dinge in Österreich und in Europa nachgefragt.

Warnung vor Feuern

Cell Broadcast Athen

Das ist eine der typischen, nicht direkt ortsspezifischen Warnungen speziell auch an Touristen, die Wälder um Athen keinesfalls zu betreten. Auf Griechisch liest sich die Warnung um einiges dramatischer als im englischsprachigen Text. Die Message ist im Cell-Broadcast-Format von maximaler Länge und entspricht in der Umsetzung in allen bisherigen Features dem kommenden EU-Standard „EU-Alert“. Mehr dazu weiter unten. Für diesen Screenshot gehen Credits an den Twitter-User mit dem Handle „@rhineshine“, der sich gerade in Athen aufhält.

Probleme, die hierzulande noch zu lösen sind

Die technischen Features des Cell-Broadcast-Systems als Super-Longread in (fast) allen technischen Details.

Vorwegzunehmen ist, dass weder die drei österreichischen Mobilfunkunternehmen noch deren Konzernmütter irgendeinen direkten Einfluss darauf haben, ob und wann in welchem Land eine Version des Cell-Broadcast-Standards implementiert wird. Die Einführung von „EU-Alert“ - wie ein solches System auf der EU-Ebene heißt - benötigt eine politische Entscheidung, vor allem die gesetzlichen Grundlagen müssen dafür erst noch geschaffen werden.

Darauf verweist auch die A1 in ihrer Stellungnahme: „Aktuell dürfen laut TKG die Teilnehmer nicht ohne Einverständnis mit SMS beschickt werden, da das neue TKG noch nicht bekannt ist, gibt es entsprechend auch keine rechtliche, zeitliche oder kostenmäßige Abschätzung.“ Implementationen von Cell Broadcast oder vergleichbaren Systemen gibt es im Bereich der Konzernholding Telekom Austria AG nicht, zu der alle Konzerntöchter in Osteuropa zählen. Auch von aktuellen Gesprächen mit österreichischen Ministerien war der A1 Telekom zum Zeitpunkt der Anfrage am Donnerstag nichts bekannt.

Grafik: Warnsystem über das Mobilfunknetz

DTAG

Diese Grafik stammt von der Deutschen Telekom AG, veröffentlicht wurde sie direkt nach der Hochwasserkatastrophe in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Inzwischen gehen die Behörden dort von mehr als 200 Toten aus. Die meisten Menschen waren im Schlaf überrascht worden, denn im am ärgsten betroffenen Gebiet hatten nicht einmal die Sirenen funktioniert. Der Bildausschnitt zeigt vier Funkzellen verschiedener Mobilfunkbetreiber, über die alle im Wirkungsbereich einer drohenden Hochwasserkatastrophe befindlichen Mobiltelefone erreicht werden.

Auch Österreich setzt auf Cell Broadcast

Bei der jüngsten Flutkatastrophe in Deutschland haben vom internen IT-Warnsystem der deutschen Bundesregierung bis hin zu den Sirenensystemen vor Ort, gleich mehrere Elemente der Sicherheitskette völlig versagt.

Bei Magenta Austria, die zu 100 Prozent der Deutschen Telekom AG gehört, ist das etwas anders. „Cell Broadcast ist bereits in einigen Ländern des Deutschen Telekom-Konzerns im Einsatz. Beispielsweise in Griechenland. Hier wurde die Lösung vor Jahren implementiert, um vor Erdbeben sowie Bränden zu warnen“, hieß es auf Anfrage von ORF.at. Bei Magenta Austria weiß man auch bereits von aktuellen Gesprächen hierzulande, Tests eines Cell-Broadcast-Systems habe es in Österreich jedenfalls noch keine gegeben.

Von Drei heißt es wiederum: „Das BMLRT führt seit Anfang 2021 Gespräche mit den Betreibern, um alle Anforderungen und Herausforderungen bei der Implementierung des öffentlichen Warnsystems zu evaluieren. Derzeit wird der Fokus auf Cell Broadcast gelegt. Es gibt unterschiedliche Umsetzungsvarianten, die noch nicht fertig ausspezifiziert wurden. Danach richten sich auch technische und finanzielle Aufwendungen auf Betreiberseite und auch auf Seiten der Behörden.“ Das Akronym BMLRT steht für das Landwirtschaftsministerium, bei dem die Telekomagenden derzeit angesiedelt sind.

Grafik: Warnsystem über das Mobilfunknetz

DTAG

Das ist der erste Teil der oben zitierten Grafik. Der „Single Point of Failure“ des Cell-Broadcast-Systems ist hinter Punkt zwei verborgen, denn vom Beschluss zur Warnung bis zur Weitergabe durch die Mobilfunker liegt noch ein weiter Behördenweg.

Implementierung von Cell Broadcast für Österreich

Dazu in ORF.at

Seit der Flutkatastrophe wird in Deutschland darüber diskutiert, ob Warnungen nicht hinreichend erfolgt oder beachtet worden sind..

Die Umsetzungsdauer ab dem Einlangen eines Auftrags durch die österreichische Bundesregierung - in dem Fall ist es das Landwirtschaftsministerium - bis zur fertigen Implementierung eines Cell-Broadcast-Systems schätzen Magenta und Drei etwas unterschiedlich ein. „Die Dauer der Implementierung ist von den technologischen Anforderungen abhängig und beläuft sich auf mindestens ein Jahr“, heißt es von Magenta, „und dazu braucht es neue Hardware und Software“. Bei Drei hingegen „wird nach derzeitigem Gesichtspunkt das System eher nicht auf eigener Hardware, sondern in einer Cloudumgebung laufen. Im Moment ist jedoch noch unklar, welche Anforderungen im Detail zu erfüllen sind“.

Sobald das geklärt ist, geht man bei Drei davon aus, „dass die Implementierung im Drei Netz nach der Herstellerauswahl 3-4 Monate lang und die Herstellerauswahl mehr als 3 Monate lang dauern wird. Daher rechnen wir mit einer Projektlaufzeit nach Beauftragung und Sicherstellung der Finanzierung von mindestens 6, wenn nicht 8 Monaten“. Zu den von beiden Mobilfunkunternehmen genannten Zahlen über die Dauer der technischen Implementierung muss also noch eine derzeit nicht einschätzbare Zahl von Monaten addiert werden, bis die österreichische Bundesregierung entschieden hat, welche Features sie dafür genau bestellen will.

Sirenensignale

BMI

Diese Grafik des österreichischen Zivilschutzverbands der zum BMI gehört, zeigt die Abfolge und Dauer der Sirenensignalebei Katastrophenalarm. Der auf- und abschwellende Ton mit der Legende „schützende Räumlichkeiten aufsuchen“ ist - wie sich in Deutschland gezeigt hat - bei Hochwasserlagen nur bedingt nützlich. Ein System wie „Cell Broadcast“ wäre sehr dafür geeignet, diese notgedrungen allgemein gehaltenen Weck- und Warnsignale der Sirenen um konkrete Informationen und Handlungsanweisungen zu der aktuellen Bedrohung ergänzen.

Zwischenbilanz und wie es weiter geht

Die Zwischenbilanz der verheerendsten Waldbrände in der jüngeren Geschichte Griechenlands bis Sonntagmittag: Umgekommen sind bis jetzt ein Feuerwehrmann und zwei Zivilisten. Der Feuerwehrmann hatte sich zu weit vorgewagt und war von den Flammen eingeschlossen worden. Die beiden Zivilisten starben nicht im Brandinferno, sondern kamen durch die Begleitumstände ums Leben. Diese Information stammt von Iraklis Kontoes, einem am Sonntag dazu befragten Athener Arzt.

Da die Effizienz jedes Warnsystems vollständig von der rechtzeitigen Auslösung eines Alarms und damit von der Behördenorganisation dahinter abhängt, werden ab Sonntagabend vier österreichische Ministerien angeschrieben. Mindestens so viele sind in Österreich für Katastrophenschutz zuständig, je nachdem, ob es sich etwa um eine atomare Katastrophe oder ein flächendeckendes Blackout etc. handelt.

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