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Little Simz "Sometimes I Might Be Introvert" Bilder

Nwaka Okparaeke

Little Simz und ihr neues Album „Sometimes I Might Be Introvert“

Little Simz geht den Dingen auf den Grund und sich selbst an die Substanz. Sie macht auf ihrem lang erwarteten, neuen Album Privates öffentlich und vergisst dennoch nicht auf die soziopolitische Realität dahinter.

Von Natalie Brunner

Letzten Freitag hat die afro-britische Rapperin Little Simz ihr lang erwartetes Album mit dem Titel „Sometimes I might be introvert“ veröffentlicht. Es besteht aus 19 Songs, die alle von Little Simz und ihrem Produzenten Inflo während des Lockdowns geschrieben und produziert wurden.

Little Simz performt diese Songs in verschiedenen Flows, die sie alle formidabel beherrscht. Sie ist eine sehr vielseitige Rapperin. Ihr Repertoire umfasst die Stile roh, entspannt, elastisch, präzise, druckvoll und sogar verletzlich, aber sie verliert nie den Faden oder die Dringlichkeit ihres Vortrags.

Die Thematisierung und mögliche Aufarbeitung von familiären und gesellschaftlichen Traumata ist die Mission, der sich die Rapperin auf ihrem neuen Album gestellt hat. Ihre Raps sind privat, fast intim, aber trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - so glaubwürdig, dass sie vielen Menschen und vor allem Frauen ihrer Generation aus der Seele und dem Herzen zu sprechen scheinen.

Über den ersten Track ihres Albums, den Song „Introvert“, sagt Little Simz im Interview: „With ‘Introvert’ there are certain lines like ‘I’m a black woman and I’m a proud one’ that’s for someone. I want young black girls to say that at my shows with chest and be proud of that. But also it’s just me venting and expressing this is how I feel and these are things I avoid normally. I tend to avoid conflict and my music works as a space for me to address those things. A lot of things I wouldn’t say in a conversation the music gives me that space and hence the track.“

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Tilla Arce

Little Simz erzählt auf „Sometimes I might be Introvert“ ihre Familiengeschichte und die Geschichte ihres Aufwachsens durch die Linse der Selbstermächtigung. Sie versucht zu entwirren, was ihre öffentliche Person ist und was ihre Privates Ich, damit aus dem Spagat kein Bänderriss wird.

Im Lockdown war die direkte Interaktion mit Menschen eingeschränkt und anstatt sich abzulenken hat sich Little Simz - was bemerkenswert ist - auf sich selbst fokussiert, auf ihre Familie und die soziopolitische Realität, die auch in die Beziehungen der Menschen, die Little Simz nahe stehen, hineinspielt.

„Sometimes I might be introvert“ ist zum Großteil einzig mit ihrem Produzenten Inflo eingespielt. Inflo ist, genauso wie die auf dem Little Simz Track „Woman“ gefeaturte Sängerin Cleo Sol, Teil des Londoner Kollektivs Sault. Sault haben das in den letzten 18 Monaten drei Alben mit bewegender, politischer Protestmusik zwischen Soul und Hip Hop, illustriert mit Kinderchören, Sirenen und Field Recordings, veröffentlicht. Die 2020 erschienen Alben „Untitled (Black is)“ und „Untitled (Rise)“ haben große Resonanz erzeugt, da sie eine bewegende musikalische Reflexion der Hoffnung und der Wut der britischen Black Lives Matter Uprisings sind.

„Sometimes I might be introvert“, ist eine persönlicher angelegte, komplexe Erzählung der Rapperin über sich selbst, ihre öffentliche Reflexion, über die Frauen in ihrem Leben und auch über den durch Abwesenheit alles andere als glänzenden Vater. Es sind Erzählungen, denen trotz der musikalischen Einbettung in Harmonien und Streicher kein Druck oder politische Eindringlichkeit abgehen.

Little Simz "Sometimes I Might Be Introvert" Bilder

Universal Music

„Sometimes I might be introvert“ von Little Simz ist am 3.9.2021 bei Universal Music erschienen

Little Simz hat ein ausgeprägtes Verständnis dafür, wie das Private mit dem Politischen zusammenhängt, d.h. wie „Race and Class“ Faktoren sein können, die zusätzlichen Druck auf Familien ausüben, was viele in der Pandemie eindringlich zu spüren bekommen haben.

In der Nummer „I Love You I Hate You“ thematisiert sie die ambivalente Beziehung zu ihrem abwesenden Vater, einem Mann, den sie kaum kennt, von dem sie aber glaubt, ihm ähnlich zu sein. Nicht er wird in dem Songtitel herausgefordert, sondern die Projektionen, die Little Simz auf ihn gemacht hat und deren Einfluss auf ihr eigenes Leben: “The song allowed me to look at things from a different perspective that maybe if I did earlier in my career on my first album, I would not have been emotionally mature enough. Even though the song is called „I Love You I Hate You", I feel it offers a bit more perspective on maybe why I am the way I am.“

„Sometimes I Might Be Introvert“, die ersten Buchstaben des Albumtitels, bilden Little Simz Spitznamen S.i.m.b.i. und das Album ist auch eine Liebeserklärung an jene Menschen, die sie so nennen. Es geht um ihre Familie und die Struktur der Beziehungen untereinander. Beziehungen, die nicht nur von Gefühlen geprägt sind, sondern auch von den politischen und sozialen Realitäten, die die Menschen beeinflussen.

In gewisser Weise ist der Titel das Gegenteil von dem, was Little Simz auf dem Album macht. Sie ist absolut ehrlich und aufrichtig mit sich selbst, ihren Familienmitgliedern, die in den Tracks angesprochen und erwähnt werden, und in der Art wie sie als öffentliche Figur Persönliches mit uns teilt.

Little Simz geht den Dingen auf den Grund und sich selbst an die Substanz. Sie thematisiert das Innerste und Nächste, und das öffentlich zu machen, ist ein bemerkenswerter Verarbeitungsprozess und ein intellektueller Kraftakt, der andere mitzieht.

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