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Jugger Vienna beim Training auf der Donauinsel

Florian Wörgötter

Jugger: Science-Fiction-Rugby meets Gladiatorenspiele

Der Trendsport Jugger wurde in den Achtzigern für einen Science-Fiction-Film erdacht. Auch in Wien spielt eine eingeschworene Gemeinde diesen Spielmix aus Rugby, Fechten und Ringen. Ein Besuch beim Training des Teams von Jugger Vienna auf der Donauinsel.

Von Florian Wörgötter

„In einer von Krieg verwüsteten Zukunft erfanden die Menschen ein neues Spiel: Jugger. Ausgestoßene spielen ein Spiel ums Überleben.“ Mit diesen dramatischen Worten beginnt der postapokalyptische Trailer des Science-Fiction-Films „Die Jugger“ (1989). Seit den Neunzigern spielen Fans weltweit diesen Sci-Fi-Stilmix aus Rugby, Fechten und Ringen auch im Real Life.

Auch in Wien trainiert eine kleine, eingeschworene Gemeinde jeden Sonntag Jugger auf der Wiener Donauinsel. Ob auch sie Ausgestoßene sind? „Natürlich nicht“, lacht Stephan vom Vorstand von Jugger Vienna. Im Unterschied zum Film geht’s bei ihnen nicht um Leben und Tod, sondern um den Spaß am Spiel und das Basteln eigener Trainingsgeräte. Das naheliegende Wort „Waffen“ erweckt für sie zu kriegerische Assoziationen.

Dennoch zeigt Stephan auch Verständnis dafür, dass Beobachter*innen verwundert seien, wenn zwei Horden mit gepolsterten Plastikstöcken brüllend aufeinander loslaufen. Auf den zweiten Blick sei Jugger aber eine „dynamische, taktische und sehr harmlose Sportart, bei der man sich nur beim Aufwärmen verletzt“.

Tatsächlich erkennt man nach mehreren Spielzügen, wie variantenreich Jugger gespielt werden kann. Wie flott die Spieler*innen fechten. Wie schnell sie die Meute umlaufen. Wie präzise sie miteinander kommunizieren.

3, 2, 1, Jugger!

Doch worum geht’s eigentlich? Beim Jugger lautet das Ziel, ähnlich wie beim Rugby, einen eiförmigen Ball ans Ende der gegnerischen Hälfte zu bringen. Im Film ist dieser Ball („Jug“) das Gebein eines Hundeschädels – auf der Donauinsel: eine vegetarische Version aus Kunststoff und Gaffa-Tape.

Jedes der beiden Teams besteht aus vier bewaffneten Spieler*innen und einem/einer Läufer*in, der/die alleine den Spielball in den Händen tragen darf. Die einen haben die Aufgabe, mit ihren gepolsterten Stöcken, Schwertern, Schildern und Ketten das andere Team aufzuhalten, damit ihr/e Läufer*in den Ball in das Platzierfeld am Ende des 40 × 20 Meter großen Spielfeldes stecken kann.

Martialische Trommelschläge („Steine“) aus einem Lautsprecher am Spielrand geben den Takt vor; im Film kommt der Rhythmus vom Trommler. Wird man getroffen, pausiert man für fünf Trommelschläge (ca. 7 Sekunden) kniend am Boden. Danach darf man zurück ins Spiel. Immer wieder betonen die Wiener*innen, dass Fairness oberste Priorität hat.

Do it yourself-Pompfen

Die Waffen aka „Pompfen“ werden von den Jugger*innen selbst entworfen. „Wir basteln unsere Pompfen aus Plastikstöcken und Poolnudeln“, erklärt Stephan. Letztere kennt man aus dem Schwimmbad, wenn Oma sie zur Wassergymnastik verwendet. Für ihren Zusammenhalt sorgen ganze Meter Gaffa-Tape.

Jugger Vienna beim Training auf der Donauinsel

Florian Wörgötter

Der DIY-Charakter von Jugger ist nicht nur ideologisches Indie-Leitmotiv, sondern auch Mittel zum Zweck. Schließlich haben Sponsoren und Sportartikelhersteller den Nischensport (noch) nicht für ihr Portfolio entdeckt. Dementsprechend fehlt auch eine professionalisierte Infrastruktur für den Leistungssport. Doch in Ländern wie Deutschland, Spanien und Australien haben sich Jugger-Szenen gebildet, die regelmäßig in mehrtägigen Events aufeinandertreffen.

Das nächste „Großevent": die World Club Championship 2021 in Berlin von 24. bis 26. September. Bezeichnenderweise findet das Gipfeltreffen auf der Maiwiese vor dem Olympiastadion statt. Bis Jugger ein Olympiastadion füllen wird – oder gar olympische Disziplin wird –, wird der Rasen noch einige Male gemäht werden müssen.

Budapest versus Vienna

Zur Vorbereitung auf den Wettbewerb kommt heute das Jugger-Team aus Budapest zum Gast-Training auf die Wiener Donauinsel. „Wir wollen wissen, ob wir nur innerhalb unseres Teams gut spielen – oder doch eher nur mäh sind“, erklärt Daniel aus Budapest das Trainingsziel.

Der groß gewachsene Ungar spielt Jugger erst seit einem Jahr und sieht darin seine gesamte sportliche Vita vereint: „Basketball, Tanzen, Fechten, Fußball – im Jugger kannst du alles anwenden“. Noch grinst er freundlich; Minuten später wird er mit fletschenden Zähnen und „Lang-Pompfe“ die Wiener*innen jagen.

Jugger Vienna beim Training auf der Donauinsel

Florian Wörgötter

Was Daniel Jugger-Neulingen empfiehlt: Der Spaß beim Spielen stehe natürlich im Vordergrund. Wenn man sich aber taktisch entwickeln möchte, sollte man einem Team beitreten.

Mixed-Gender-Sport

Trotz vereinzelter pseudo-martialischer Klischees, die dem Sport oberflächlich anhaften, legen die Jugger*innen großen Wert darauf, dass auch Frauen mitspielen. „Was man zu allererst wissen sollte: Beim Jugger zählt Feingefühl und nicht Gewalt“, sagt Rosi von Jugger Vienna. Daher endet ein Zweikampf auch nach der ersten Berührung, was kein festes Zuschlagen erfordert.

Jugger Vienna beim Training auf der Donauinsel

Florian Wörgötter

Auf Rosis rotem Trikot steht statt ihrem Namen „Spartanerin“ geschrieben. „Mein ganzes Leben besteht aus Jugger“, sagt Rosi lachend, weil sie mit dem Sport vor allem Freundschaft und Zusammenhalt verbindet. Später wird sie noch die 3 Meter 20-lange Kette mit dem Stoffball über ihrem Kopf schwingen.

Damit Frauen sich keineswegs unwohl fühlen, hat Jugger Vienna ein „Awareness-Team“ installiert, also eine Anlaufstelle bei etwaigem Testosteron-Überschuss. „In Mixed-Gender-Sportarten sollen sich Frauen bei unkorrektem Verhalten an jemanden wenden können", meint Manu. „Meistens gibt es eh keine Probleme. Wir schauen aufeinander, und dass sich alle fair behandeln.“

Kurzweiliger als Football

Und was sagt der Fanblock am Spielfeldrand? „Super, dass sie alle ihre Sportgeräte selber basteln“. Oder: „Kurzweiliger als American Football, ohne langweilige Pausen“. Und: „Wenn der seine Kugel schwingt, schaut das aus wie bei den Ritterspielen“. Auch zahlreiche Schaulustige steigen vom Fahrrad und begutachten neugierig die auf den ersten Blick skurrilen Aktivitäten. Auf den zweiten Blick wird auch ihnen ihre komplexe Taktik sichtbar.

Jugger Vienna beim Training auf der Donauinsel

Florian Wörgötter

Wer Lust hat, Jugger selbst auszuprobieren: Das Team von Jugger Vienna spielt jeden Sonntagnachmittag hinter dem Wasserspielplatz auf der Wiener Donauinsel. Auch ein USI-Kurs an der Wiener Sportuniversität ist für das aktuelle Wintersemester geplant.

Infos zur Kontaktaufnahme findet Ihr direkt bei Jugger Vienna auf Instagram und Facebook. Obmann Raffael wiederholt: „Bei uns sind alle willkommen: Frauen, Männer, wie man sich eben fühlt. Wir freuen uns, wenn ihr vorbeikommt!“

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