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FM4 Filmpodcast

Großes Tennis mit Denis (Villeneuve)

Er stellt die Gretchenfrage nach der Moral inmitten eines hochspannenden Thrillers über den War on Drugs und lässt Aliens auf der Erde landen, um dann von Sprache zu erzählen. Im FM4 Filmpodcast widmen wir uns ausgewählten Filmen von Denis Villeneuve.

Von Pia Reiser

Angesichts der Tatsache, dass dieser Mann mit „Arrival“ einen als Alieninvasions-Szenario verkleideten Blockbuster über Sprache, Kommunikation, den Zusammenhang zwischen der Sprache, die man spricht und dem Weltbild, das diese Sprache formt, gedreht hat, ist es fast paradox, dass es von seinem Namen im Englischen ungefähr 20 verschiedene Aussprachen gibt, von denen jede falsch ist. Die Rede ist von Denis Villeneuve, dem franko-kanadischen Regisseur mit der sanften Stimme, der seit „Prisoners“ das Hollywood-Kino mit einer eigenen Vision unterwandert.

Der FM4 Filmpodcast

Ein Tauchgang in die Tiefen und Untiefen des (FM4) Filmuniversums. Montag Mitternacht auf FM4.

Bevor diese Woche mit „Dune“ der Film über uns hereinbricht, auf den nicht nur Frank-Herbert-Jünger*innen seit Ewigkeiten warten und der für mich - nach dem Trailer zu urteilen - doch nur aussieht wie „Star Wars“ mit mehr Sand und einem Stöpsel in der Nase, widmen Christian Fuchs und ich uns in einer Episode des FM4 Filmpodcast den Filmen von Denis Villeneuve vor „Dune“.

Die ganze Filmografie zu besprechen, hätte den Zeitrahmen und unsere Köpfe gesprengt, und so wandern wir von „Incendies“ (2009) über „Sicario“ (2015) zu „Arrival“ (2016), mit drei weiblichen Hauptfiguren, die alle in fremde Gefilde geworfen werden, sich zurechtfinden müssen und fürchterliche Entdeckungen machen. „Incendies“ beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück, doch keine Zeile und kein Bild aus diesem Film würden hier verraten, dass die Vorlage ein Bühnenstück ist. Jeanne, eine junge Frau, begibt sich nach dem Tod ihrer Mutter auf Spurensuche in den Nahen Osten, um ihren totgeglaubten Vater und einen Bruder, von dem sie bis jetzt nichts wusste, zu finden. Parallel dazu erzählt „Incendies“ in noch recht strengem Arthaus-Korsett die Geschichte ihrer Mutter, einer Frau, die von den Konflikten in ihrem Land zerrieben wird.

In „Incendies“ steckt eine Tragödie von größtmöglichem Ausmaß, der sich Villeneuve nicht gefühllos, aber ganz ohne Pathos oder Emotionsmanipulationen annähert. Eine Entdeckung, die die Welt dreier Menschen zum Einsturz bringt, wird im Grunde mit zwei Blicken erzählt - und einer mathematischen Formel. „Incendies“ ist ein erschütternder Film, der einen genauso sprachlos zurücklässt wie die Hauptfiguren. Das entsetzte Einatmen von Jeanne, als sie ihre Familiengeschichte begreift, geht einem durch Mark und Bein.

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„Incendies - Die Frau, die singt“

Doch in der Inszenierung der Geschichte um das Zirkulieren von Gewalt innerhalb einer Familie stecken bereits Merkmale, die sich auch in Villeneuves weiteren - dann schon große Hollywoodproduktionen - finden werden: Die Fähigkeit, einen als Zuseher gleich zu Beginn zu packen und nicht mehr loszulassen. Villeneuves Filme sind tense, bei manchen Szenen hält man den Atem an. Weiters der Einsatz von Musik, im Fall von „Incendies“ zwei Songs von Radiohead, und schließlich das Aufwerfen von moralischen Fragen.

In „Sicario“ (2015) ist Emily Blunt als FBI-Agentin die einzige Figur mit einem moralischen Kompass in einem Morast aus Grenzübertretungen. Bei dem Vorhaben, einem mexikanischen Drogenkartell das Handwerk zu legen, wird sie zu einer Elite-Einheit hinzugezogen, in der ihre by the book Herangehensweise belächelt wird.

Nicht nur eine moralische, auch eine geografische Grenze wird hier überquert. Wie Villeneuve hier die Abholung eines mexikanischen Gefangenen aus einem Gefängnis in Juarez und seinen Transport zurück in die USA in Szene setzt, gehört zu einer der nervenzerfetzendsten Thrillerszenen überhaupt. Bedrohlich dröhnt der exzellente Soundtrack von Jóhann Jóhannsson, während Villeneuve die Suspense-Zange ansetzt und immer fester zudreht. Was rein ausgangslagetechnisch einfach auch nur ein by the genre book Actionthriller sein könnte, wird mit dem Drehbuch von Taylor Sheridan, der Kamera von Roger Deakins und der Inszenierung von Villeneuve zu einem irre spannenden und meisterlich erzählten Drama über den war on drugs. Mein Villeneuve-Lieblingsfilm.

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Gleich bohrt Benicio del Toro jemandem den Finger ins Ohr: „Sicario“.

Wie Emily Blunt in „Sicario“ ist auch Amy Adams in „Arrival“ umgeben von Männern, als sie sich auf eine neue Aufgabe einlässt: dem Entschlüsseln einer Sprache von Aliens. Auch hier stammt das Drehbuch nicht von Villeneuve; hier unterscheidet er sich von Christopher Nolan, mit dem er oft verglichen wird. Die Invasion der Aliens, die an 12 verschiedenen Plätzen auf der Erde ihre Raumschiffe einschweben lassen, ist im Grunde nur die Blockbusterhülle für einen Film, der versucht, die uns bekannten Konzepte von Zeit (das hat Nolan sicherlich gefallen) und Sprache aufzulösen, ein 47-Millionen-Dollar-Film, in dem es auch um nicht-lineare Orthografie geht. Villeneuve findet grandiose Bilder und Sounds für das Fremde, das hier die Erde besucht; mit herkömmlichen Geschichten oder auch Bebilderungen von Aliens hat „Arrival“ nichts zu tun, das beginnt gleich damit, dass die Raumschiffe nicht wie fliegende Untertassen aussehen, sondern elliptisch geformte, schwarze Kapseln sind, die einen an Kubricks Monolithen in „2001“ denken lassen.

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„Arrival“

Egal, wieviel man mit dem Konzept der Zeitauflösung anfangen kann, von Anfang an klebt man mit Augen und Ohren an diesem Film, sobald Max Richters „On the nature of daylight“ einsetzt und einen sanft, aber unausweichlich in den Kinosessel drückt.

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Über all das und noch mehr sprechen Christian Fuchs und ich in der aktuellen Episode des FM4 Filmpodcast, zu hören Montag um Mitternacht auf FM4 und überall, wo es Podcasts gibt.

Nächste Woche durchkämmen wir dann den Wüstenplaneten „Dune“ gemeinsam mit der Philosophin, Performancekünstlerin und Autorin Kath Zakravsky.

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