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Umzugskisten in einem Zimmer

Brett Jordan / Unsplash

Kolumne

Der Schwan kommt mit

Ich bin froh, ein Low-Life-Experte zu sein. Ich bin froh, keine Vier-Zimmer-Wohnung zu haben, oder noch schlimmer, ein Schloss. Ich denke ständig daran - seit meinem letzten Umzug. Ich habe immer geglaubt, dass ich Besitz verabscheue und mir niemals eine Tischdecke kaufen werde. Dieser Umzug lässt mich denken, dass ich mich eigentlich selbst verarscht habe - und in Wirklichkeit ein Messie-Syndrom habe.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Ich brauche für den verdammten Umzug bereits zwei Wochen. Die Leute, die mir dabei helfen, beschweren sich, dass es viel zu tragen gibt, und ich habe Angst, dass ich mit zwei Rodeln, einem Tennisschläger, einem aufblasbaren Pool im Form eines Schwans und eine in goldener Folie eingewickelten Palme alleine gelassen werde. Woher habe ich dieses ganze Zeug? Habe ich es selber gekauft? Ich rechne im Kopf: wenn ich für das Kaufen von jedem Gegenstand, den ich in meine neue Wohnung rüberbringen will, 10 Minuten gebraucht habe, habe ich insgesamt 166 Tage nur eingekauft. 166 Tage! Habe ich überhaupt irgendetwas anderes gemacht? Ich fülle ein Riesenauto mit Zeug. Das ist wenigstens gesund – so viele Stiegen und Kniebeugen. Nach dem Umzug schaue ich wie Apollo aus.

Mann mit nacktem Oberkörper und Gewichten

Alora Griffiths / Unsplash

Früher war alles anderes. Alles, was ich hatte, passte in einen Koffer. Wohnung nach Wohnung wurden es mehr Sachen. Ich habe viel zur österreichischen Wirtschaft beigetragen. Seit 2006 lebe ich in Wien und habe elfmal Wohnung gewechselt. Das ist jetzt meine zwölfte. Ich bin nicht abergläubisch, aber ich hoffe, die dreizehn-te lässt auf sich warten. Diese Hoffnung gibt mir Kraft, mit einer mit Weihnachtschmuck gefüllten Kiste auf meinem Kopf die Stiegen raufzukommen. Denn das nächste Weihnachten kommt bestimmt und ich brauche das Zeug sicherlich. Die neue, eigentlich größere Wohnung kommt mir bereits überfüllt vor. Meine Tochter freut sich, sie klettert auf die Kisten und springt mit einem Schrei runter.

Ihre Unschuld gibt mir Kraft. Ich bin nackt auf diese Welt gekommen und werde mich nackt von ihr verabschieden. Und ich freue mich, dass ich nicht in einem Schloss lebe.

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