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Selbstvertrauen und -findung auf Adeles neuem Album „30“

Adele singt auch auf ihrem vierten Album „30“ über Liebe und lebensverändernde Erkenntnisse nach einer Trennung.

Von Susi Ondrušová

Über eines muss sich Adele keine Sorgen machen: Albumtitel. Seit ihrem Debüt-Album 2008 sind die Alben der Musikerin nach dem einschneidenden Alter benannt, in dem sich die besungenen Geschichten ereignet haben, beziehungsweise ihren kreativen Anfang genommen haben. „19“, „21“, „25“ und nun also „30“.

Albumcover "30" von Adele

Columbia International (Sony Music)

Adeles neues Album „30“

Auch über etwas anderes muss sich Adele keine Sorgen mehr machen: Dass sie ihren Platz im Pop-Olymp verlieren könnte. „30“ ist eines dieser mit großer Spannung erwarteten Alben des Jahres. Im Vorfeld der Veröffentlichung wurde Adele sogar zum Sündenbock einer ganzen Industrie gemacht: Vinyl-Presswerke würden mit Veröffentlichungen neuer Releases nicht nachkommen, weil Adeles Label (vereinfacht zusammengefasst) alle Vinyl-Maschinen-Laufbänder reserviert hat, um mit den vorprogrammierten Massenverkäufen zurechtzukommen. Die Geschichte ist komplexer und hat u.a. mit B wie Brexit und C wie Corona zu tun (wie man hier nachlesen kann), aber so funktioniert halt Hype: Es gibt einen Gewinner, einen Verlierer und rundherum eine große Allgemeinheit, die sich auf eine Seite stellt. Die unterstützende, den Rücken stärkende Seite oder die „Ich habe das Ende der Musik gesehen“-Seite.

Es gibt auch die „Adele wer?“-Seite, aber um die geht es hier nicht, sondern um zum Beispiel Oprah. „Adele One Night Only“ war der Titel der CBS-Show, in der Adele von Oprah Winfrey in ihrem Rosengarten über ihr Leben und die neuen Songs befragt wurde und erstmals neue Songs vor Publikum performt hat. Nicht irgendwo, sondern vor der atemberaubenden Kulisse des Griffith Park Observatory in Los Angeles. Im Publikum nur Super-A-List-Promis wie Leonardo DiCaprio, Lizzo, Melissa McCarthy, aber auch zwei Fans, denen Adele den kitschigsten Surprise-Hochzeitsantrag ihres Lebens ermöglicht hat und Adeles Sohn Angelo, der nun als 9-Jähriger das erste Mal seine Mutter auf der Bühne vor Publikum performen sehen konnte.

Ihrem Sohn hat Adele auch ihr neues Album gewidmet, wie sie im Interview mit Oprah erzählt. Inspiriert ist „30“ nämlich von ihrer Scheidung und dem zerfallenden Kartenhaus einer Bilderbuch-Familie. Spoiler: Es geht nicht um einen Rosenkrieg. So viel wertschätzende Worte wie Adele in diesem Interview für ihren Ex-Partner findet, würde man sich nach einer schmerzhaften Trennung auch wünschen, zu hören. Die neuen Songs knüpfen thematisch an eine Wunde, die Adele schon 2015 im Song „Love in the Dark“ besungen hat: „I want to live and not just survive!“

Adele Porträt

Simon Emmet

Wie geht man nämlich damit um, wenn der gemeinsame Alltag und die dazugehörige Identität, der erdachte Lebensweg mit all seinen Routinen plötzlich aus den Fugen gerät und man allein auf sich selbst zurückgeworfen wird? Wenn man mit Schuldgefühlen zu kämpfen hat, zum Beispiel? Es beginnt die Suche nach Selbstvertrauen. Davon singt Adele im Song „Easy On Me“, wenn sie um Nachsicht und Geduld bittet: Sie braucht einfach Zeit für ihren Neustart im Leben.

Um Zeit geht es auch in „Hold On“ wenn Adele über ihre inneren Dämonen singt, die sie zerfleischen: „Let time be patient. You are still strong. Let pain be gracious. Love will soon come. Just hold, hold on” Den emotionalen Zustand, dass man sich als Mutter nach einer Phase der Selbstaufopferung für die Bilderbuch-Familie wieder ins Leben schmeißt und sich (so banal es klingt) auch Spaß gönnt, davon singt Adele in „Oh My God“, einem der wenigen Songs auf „30“, der vom Tempo her keinem verlangsamten Herzschmerzrhythmus folgt. „I want to have fun. Mmmh, yeah, mmhh, yeah“

Dass Adele auf diesem Album ihr Innerstes nach außen kehrt, zeigt sich im Song „My Little Love“. Adele baut in den Song private Voicemessages ein: Gespräche mit ihrem Sohn über Liebe und Trennung oder auch intime Geständnisse über Angst und Einsamkeit. Ja, Adele weint in dieser Song-Perle, unterstützt vom Fade-Out der dramatischen Streicher.

„30“ ist ein Album übers Erwachsenwerden, ein orchestrales Pop-Album, das unter anderem in Zusammenarbeit mit den beiden Star-Produzenten Greg Kurstin und Max Martin entstanden und überraschenderweise auch nostalgisch ist. Sowohl der Opener-Song „Strangers By Nature“ als auch der Closing-Track „Love Is A Game” klingen nämlich wie Hommagen an Judy Garland. Man kann die Höhen und Tiefen einer Selbstfindungs-Reise eben nicht besingen, ohne sich der Vergangenheit zu stellen.

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