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Reihe von Hausschuhen

Frau Buchegger

„Housing First“ statt wohnungslos

Das Pilotprojekt „zuhause ankommen“ hilft Menschen, die von Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedroht sind, schnell und nachhaltig. Die Initiative funktioniert nach dem Prinzip „Housing First“. Das heißt, am Anfang jeder Hilfe steht zuerst eine neue Wohnung. Frau Buchegger hat uns ihre gezeigt und erzählt, was das für sie bedeutet.

Von Paul Pant

„Den Schlüssel ohne Angst ins Schloss stecken können, wenn man nach Hause kommt. Und ohne Streit in der Früh einen Kaffee trinken.“ Das sind die Dinge, die Frau Buchegger glücklich machen. Wir sitzen in ihrem vollständig eingerichteten Wohnzimmer im südlichen Burgenland. Es gibt Vanillekipferl, wir trinken Kaffee, bestaunen den glitzernden Weihnachtsbaum. Lediglich ein Stromkabel ohne Lampenschirm in der Wohnküche verrät, dass hier vor Kurzem noch alles leer stand.

Frau Buchegger hat ihre Wohnung in nur einer Woche komplett eingerichtet. Wände bemalt und dekoriert. Die Küche und die Couch sind Secondhand von der Carla (Caritas). Spielzeug von der Pannonischen Tafel. Freunde haben mit vielen anderen Dingen geholfen. Ihr Arbeitgeber hat ihr sogar einen Kaminofen geschenkt. „Ich habe eine Woche lang Tag und Nacht keine Ruhe gegeben“, erzählt Frau Buchegger. Danach war sie so ausgepowert, dass sie drei Tage krank war.

Housing First

Frau Buchegger und ihr 6-jähriger Sohn sind zwei von 141 Menschen, die seit September durch die Initiative „zuhause ankommen” eine neue Wohnung bekommen haben. Das Pilotprojekt der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) funktioniert erstmals nach dem „Housing First“-Prinzip.

Die Idee beim „Housing First“: Wohnungs- und Obdachlosigkeit soll von Anfang an verhindern werden, um einen leichteren Neustart zu ermöglichen. Damit die Menschen nicht noch tiefer in die Krise schlittern. Das kann viel Leid und auch Kosten sparen. Denn ist die Wohnung weg, ist die psychische Belastung für die Betroffenen sehr groß. Menschen können da in einen Strudel geraten, der die Situation weiter verschärft. Deswegen steht am Anfang als Soforthilfe die eigene Wohnung mit eigenem Mietvertrag. Ist das gesichert, fängt die klassische Sozialarbeit und Begleitung an.

Anders ist es in der traditionellen Wohnungslosenhilfe. Da reagiert man in der Regel erst, wenn die Wohnungs- und Obdachlosigkeit bereits eingetreten ist. Mit vielen Schritten - Notschlafstellen, temporäre Wohnmöglichkeiten, Sozialarbeit u.v.m. Mit Amtswegen, Jugendamt, Sozialamt müssen die Betroffenen kooperieren. Bis sie wieder selbstständig leben können, vergehen manchmal Jahre.

Hand steckt Schlüssel in ein Türschloss

Frau Buchegger

Das Projekt zuhause ankommen der BAWO (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe) vermittelt Wohnraum an armuts- und ausgrenzungsgefährdete Menschen.

In Ruhe Schritt für Schritt.

Frau Buchegger und ihrem Sohn ist das alles erspart geblieben. Anfang November hat sie bereits die Schlüssel zu ihrer neuen, leistbaren Wohnung mit eigenem Mietvertrag in den Händen gehalten. Die Kaution hat „zuhause ankommen“ geregelt. Alles innerhalb weniger Tage, nachdem Frau Buchegger aus ihrer alten Wohnung geflüchtet ist. Der Endpunkt einer toxischen Beziehung. Geprägt von ständigem Streit, Kontrolle, Aggression und finanzieller Abhängigkeit.

Geld hatte Frau Buchegger zu dem Zeitpunkt damals keines, lediglich Schulden. „Mein Mann hat gesagt, es gehört alles ihm, mir nichts“, erzählt sie. Drei Nächte habe sie im Auto schlafen müssen, bis sie um Hilfe gebeten hat. Das erste Angebot war ein Platz im Frauenhaus, allerdings in einem anderen Bundesland. Damit hätte Frau Buchegger aber ihren Arbeitsplatz und den Kindergartenplatz ihres Sohnes verloren. Die Caritas Burgenland hat dann über „zuhause ankommen“ eine passende Wohnung gefunden, die sie mit ihrem Einkommen bezahlen kann.

Finanziert wird das BAWO-Pilotprojekt vom Sozialministerium mit 2,65 Millionen Euro. Die leistbaren Wohnungen kommen aus dem gemeinnützigen Wohnsektor, z.B. von Wohnbau-Genossenschaften. Das Fördergeld kann für Kautionen, Genossenschaftsbeiträge, Übersiedlungen und die Sozialarbeit verwendet werden. Mit „zuhause ankommen“ soll 600 Menschen eine neue Wohnung vermittelt werden. Es kommt vor allem Menschen zugute, die durch die Corona-Krise aus der Bahn geworfen wurden und von Armut betroffen sind.

Blackout vor Freude

Frau Buchegger ist hin und hergerissen, wenn sie von den vergangenen Wochen erzählt. Sie lacht über ihren Blackout bei der Schlüsselübergabe. Sie wäre so überwältigt vor Freude gewesen, dass sie kein Wort mehr von dem verstanden habe, was die Leute zu ihr gesagt hätten, erzählt sie.

Im nächsten Moment wird sie aber wieder schwermütig, wenn sie zurücksieht. Die vergangenen Jahre waren nicht leicht. Ihr bisheriges Leben von Gewalt und Angst geprägt. „Das Vergessen ist unmöglich“, sagt sie. „Manchmal habe ich auch Angst vor dem Leben, das vor mir liegt.“ Für ihren Sohn will sie sich dem allen stellen. Kraft bezieht sie daraus, dass sie wieder stolz sein kann. Auf ihre neue Wohnung und die neu gewonnene Selbstständigkeit. „Ich habe lange mit gebeugtem Kopf gelebt, wurde beschimpft und herumkommandiert. Das ist jetzt anders. Wir sind endlich frei“, sagt Frau Buchegger.

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