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Abseits aller Kinderklischees: Mike Mills im Interview zu „C’mon C’mon“

Der US-Regisseur erweist sich im FM4 Gespräch als kluger, warmherziger Humanist, was perfekt zu seinen tollen Filmen passt.

Von Christian Fuchs

Mike Mills ist einfach ein superer Typ. Nach einer Karriere als Grafik-Designer, in der er legendäre Plattencover für die Beastie Boys entwirft, beginnt er Musikvideos für Freunde wie Air und Moby zu drehen. Längst kennt man den Kalifornier aber als Regisseur gefeierter Indiestreifen wie „Beginners“ oder „20th Century Women“, die man mit grandiosen Popsongs vergleichen kann. Machen sie einen doch euphorisch und melancholisch zugleich. Man möchte die Figuren in Mills’ Filmen, die zum Teil von seiner Familie inspiriert sind, innig umarmen.

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Wir freuen uns, „C’mon C’mon“ als FM4 Kinopremiere am 23. März um 20 Uhr im Votivkino zu präsentieren. Der reguläre Filmstart ist am 24. März.

In seinem neuen Werk „C’mon C’mon“ begegnen wir Johnny (Joaquin Phoenix), einem Radiojournalisten Ende Vierzig, alleinstehend, der mitten in einem spannenden Projekt steckt. Auf einem Trip quer durch die USA interviewt er Kinder und Jugendliche über ihre Befindlichkeit. Die Aussagen gehen unter die Haut, erzählen viel über erwachsene Blindheit und die Angst vor der Zukunft. Plötzlich wird Johnny aber in seinem direkten Umfeld mit einer kindlichen Psyche konfrontiert.

Weil seine Schwester (Gaby Hoffmann) sich um ihren labilen Ehemann (Scoot McNairy) kümmern muss, wird Johnny zum Babysitter seines 9-jährigen Neffen. Jesse (Woody Norman) ist ein ganz besonderer Junge, extrem reflektiert, charmant, aber von Stimmungsschwankungen zerrissen. Der ältere Mann scheint fasziniert und genervt zu gleichen Teilen - und nimmt Jesse auf seine journalistische Reise mit.

Warmherzig, filmisch hinreißend und glänzend besetzt, dass sind alle Werke von Mike Mills. „C’mon C’mon“ schließt hier nahtlos an. Ein Film, der von der Midlife Crisis und der Krise kleiner Erdbewohner gleichermaßen erzählt, in poetischen Schwarzweißbildern. Ein unkitschiger Aufruf in Sachen Hoffnung, ein kluger Film, der berührt, amüsiert, Mut macht, übrigens zur fragilen Musik der Brüder Dessner, bekannt von „The National“.

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Im Gespräch mit dem nettesten Künstler der Welt

FM4 Filmpodcast am 4.4.2022: Mike Mills
Er hat als Grafik-Designer legendäre Plattencover entworfen und wurde durch Musikvideos für Freunde wie Air und Moby bekannt. Pia Reiser und Christian Fuchs feiern aber den Filmregisseur Mike Mills - und seine berührenden Meisterstücke „Beginners“, „20th Century Women“ und „C’mon C’mon“.

Zu hören ab Mitternacht auf FM4 und danach im Player und überall, wo es Podcasts gibt.

Joaquin Phoenix, der nach dem „Joker“ so zärtlich wie nie zuvor agiert, hat mit dem Newcomer Woody Norman eine unglaubliche Chemie. Auch darum geht es im FM4-Gespräch mit Mike Mills, der sich, passend zu seinen tollen Filmen, als intellektueller Humanist und nettester Künstler der Welt erweist.

Christian Fuchs: Jeder Ihrer Filme handelt von der Vergangenheit, ob „Beginners“ oder „20th Century Women“. Wollten Sie diesmal eine Geschichte über zukünftige Generationen erzählen, nicht so sehr mit der Vergangenheit behaftet?

Mike Mills: Ich glaube, meine Filme sind alle in einer Suppe vermischt, sie stehen alle in Beziehung zueinander. Aber ich wollte mich diesmal auf jeden Fall auf junge Leute oder Kinder konzentrieren, die die Zukunft symbolisieren. Sie werden befragt, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Aber das eigentliche Herzstück des Films ist es, mit Kindern wirklich zusammenzusitzen, mit ihnen zu leben, aus der Perspektive eines Erwachsenen. Natürlich blickt man mit seinen Gedanken dabei auf die eigene Kindheit zurück. Und natürlich macht man sich immer Gedanken darüber, wie diese Personen sich weiterentwickeln und in der Welt wachsen. Auf diese Weise sind sie für mich alle Teil der gleichen Suppe.

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Brauchen Sie immer einen persönlichen Bezug für Ihre Geschichten? Denn Sie haben ja in gewisser Weise einen Film über Ihre Mutter gemacht, über Ihren Vater und jetzt geht es um Ihren Sohn? Oder wie sind Sie auf die Idee zu „C’mon, C’mon“ gekommen?

Meine Kinder werden nonbinär erzogen, also geschlechtslos. Sie sind „They“-Personen, das gefällt mir. Wenn es jemanden gibt, den ich kenne und liebe und den ich wie als Journalist beobachten kann, bin ich wirklich glücklich damit. Und ich versuche diese Personen der Welt zu erklären. Ich mag diese Mission, diesen Job. Er gibt mir Hoffnung (lacht leise). Und wenn es sich dann noch um jemanden handelt, den ich schon sehr lange und sehr gut kenne, habe ich das Gefühl, dass ich die besten Chancen habe, einen guten Film zu machen, etwas Einzigartiges, Originelles zu erschaffen, nicht Klischeehaftes. Etwas Echtes über das Menschsein auf dem Planeten Erde zu sagen.

War es schon von Beginn an ihre Idee, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen?

Ja, ich habe diese Kinder immer wieder in Schwarz-Weiß gesehen, und dieses Bild des Kindes und des Mannes ist für mich eine Art mythologisches Bild, fast wie eine Fabel, und das habe ich gerne aufgegriffen. Und für mich ist Schwarz-Weiß, weil es nicht die Realität ist, eine Art Hilfe, die es mehr in den Bereich der Kunst stellt. Und dann ist Schwarz-Weiß für mich auch irgendwie intimer, man sieht Gesichter, es gibt mehr Raum, es ist irgendwie sanfter. Diese Sanftheit von Schwarz-Weiß passt irgendwie zu der Stimmung, wenn man versucht, sein Kind ins Bett zu bringen oder ihm ein Bad zu geben.

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Ein wichtiger Teil Ihrer Filme sind stets Erinnerungen, beziehungsweise die Reflektion über Erinnerungen...

Ja, ich bin auf jeden Fall sehr mit der Erinnerung beschäftigt oder mit dem, woran wir uns nicht erinnern oder was nicht existiert. Ich glaube, das Wertvollste am Leben oder an dem, was wir teilen, sind die Dinge, an die wir uns erinnern. Und die Dinge, an die wir uns gemeinsam mit jemand anderem erinnern. Das hat viel mit der Kunst und dem Leben zu tun. Irgendwie ist das Thema dem Film sehr eigen, denn Filme sind vergänglich, sie gehen vorbei und verschwinden. Es ist also ein bisschen wie mit dem Leben. Oder wie das Terrain der Erinnerung.

Aber ja, ich sage es keinem Arzt oder Therapeuten mehr, warum ich mich so für das Gedächtnis (lacht) interessiere, aber es kommt immer wieder zur Sprache. Sogar mein Kind zieht mich damit auf: Ah, du hast wieder einen Film über das Gedächtnis gemacht. Es ist erst neun und hat noch keinen meiner Filme gesehen, ich weiß also nicht, woher es das weiß. Vielleicht bin ich einfach nur ein sehr nostalgischer oder sentimentaler Mensch, aber es kommt immer wieder hoch. (lächelt)

Um diese Reflexionen darzustellen verwenden Sie eine ganz besondere Struktur. Ich würde Ihre Filme manchmal als „Visuelle Essays“ bezeichnen. Weil sie Worte und Zitate und Referenzen integrieren. Kommt das daher, dass Sie mit Filmen und Literatur und Popkultur aufgewachsen sind? Jetzt integrieren sie alles in ein Gesamtkunstwerk.

Nun, ich bin wirklich schlecht in Sachen Plot und Handlung, wissen Sie. Und ich mag es nicht, ich mag keine Kausalität: Eine Figur kommt und verwandelt sich und lernt dies über dies. Das hat nichts mit meinen Filmverständnis zu tun, Als Autor bin ich auch nicht gut darin. Ich mag den Begriff „Visueller Essay“ sehr, da stehe ich voll dahinter. Ich will nicht einen ganzen Haufen Zeug erfinden, ich habe da meinen eigenen Zugang erkämpft: Filme zu machen, die genug Geschichte haben, damit die Leute emotional darin investieren können, aber die dann irgendwie doch nicht normales Storytelling sind. Oder die irgendwie mit einer eigenen Konstruktion überraschen, die immer andere Stimmen als meine einbeziehen.

Ich glaube einfach nicht wirklich an Geschichten, nicht einmal an das Medium Film.

Das überrascht mich...

Ich bin halt nicht der Meinung, dass Filme das Wichtigste oder das Beste auf der Welt sind. Es ist das, wo ich zufällig gut darin bin. Aber ich fühle mich nicht ganz wohl dabei.

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Meine letzte Frage bezieht sich auf die beiden Hauptdarsteller. War Joaquin schon früh an dem Film beteiligt und wie war die Chemie zwischen ihm und Woody Norman? Und war viel Improvisation im Spiel?

Grundsätzlich hatte wir ein sehr geschriebenes Drehbuch. Die beiden haben oft nur ihren Text gesprochen - und manchmal haben sie auch improvisiert. Das war wirklich wichtig, damit es sich leicht anfühlt. Und wir haben alles ausgenutzt, was Woody zu bieten hatte, denn Woody ist wirklich intelligent und wirklich lustig. Dank seiner Reaktion auf den Moment sind viele Szenen so lebendig und spezifisch - und für mich sind sie Jesse, sie sind sehr, sehr Jesse.

Jesse basiert auf meinem Kind, aber eine Figur verändert sich, nachdem man sie schreibt. Und je mehr Freiheit wir Woody gaben, desto lebendiger wurde die Figur, abseits aller Kinderklischees. Denn Woody erinnert nicht an mythologisierte Kinder, Woody macht Kinder nicht niedlich, süß oder charmant. Woody ist eine wirklich erwachsene, düstere, witzige, kluge Seele, die einfach nur versucht, ihren Job zu machen. Und Joaquin, die beiden mochten sich sehr. Ich war eifersüchtig darauf, wie sehr sie sich mochten. Und sie hatten ihre eigene Beziehung, in die ich nicht wirklich einbezogen wurde. Ich habe oft gesagt: „Ich will mit euch abhängen, Jungs“ und sie haben abgewunken.

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Sie bringen sich wirklich gegenseitig zum Lachen. Joaquin war ja ein Kinderschauspieler und er hat eine sehr sensible Seele. Ich glaube, er war wirklich an Woody interessiert, einfach daran, ihm bei seinen Szenen zuzusehen. Zu sehen, wie Woody mit allem umgeht. Und er hatte viel Einfühlungsvermögen für Woody, die Schwierigkeit, ein Kind zu sein, das einen Film macht, der ganze Druck, der auf einem lastet. Sie hatten eine Menge Spaß, sie haben sich einfach gegenseitig auf den Arm genommen.

FM4 hostet in Wien ja die Premiere für „C’mon C’mon“, haben sie ein paar Sätze für das Publikum parat?

Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, um den Film zu sehen. Ich wünschte wirklich, ich könnte dabei sein. Es gibt nichts Schöneres, als in einem Raum mit Menschen zu sein, die einen Film sehen. Und ich habe das Gefühl, dass das Publikum Filme vollendet. Sie vollenden Filme. Filme existieren nicht, solange das Publikum keine Energie aufbringt und sich den Film ansieht. Also danke, dass Sie als Publikum den Film für mich fertiggestellt haben, ich wünschte wirklich, ich könnte dabei sein, es gibt nichts Besseres.

Danke, dass Sie diese wundervollen Filme drehen. Bitte machen Sie weiter so.

Danke, dass Sie das sagen. Das ist wirklich nett.

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