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Gemma kämpfen? Die Folgen und Konsequenzen für Foreign Fighters in der Ukraine

Für manche ist es das Abenteuer, für andere die Solidarität mit den Unterdrückten. Tausende freiwillige Kämpfer*innen soll die ukrainische Fremdenlegion umfassen. In Kriegsgebiete zu ziehen ist ein riskantes Unterfangen, das das Leben kosten kann. Welche psychischen Folgen bringen Kriegserfahrungen mit sich und welche rechtlichen Konsequenzen drohen österreichischen Foreign Fighters?

Von René Froschmayer

Die Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung ist groß – auch hierzulande. Flüchtende werden in Privathaushalten aufgenommen, viele Städte und Gemeinden schaffen bis dato nicht vorhandene Infrastrukturen. Wer spenden kann, spendet.

Eine andere, kontroverse Solidaritätsbekundung geht von den sogenannten Foreign Fighters aus. Damit gemeint sind Freiwillige, die sich den Kämpfen in der Ukraine anschließen. Laut Angaben der ukrainischen Regierung zählt die Ende Februar gegründete ukrainische Fremdenlegion rund 20.000 Mitglieder. Österreichische Kämpfer*innen sollen sich bisher nicht den Kampfhandlungen in der Ukraine angeschlossen haben.

Dennoch gibt es nach Auskunft der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (vormals: Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung) in Österreich Communities, in denen darüber diskutiert wird, sich ukrainischen oder russischen Truppen anzuschließen.

FM4-Tipp: Keine Form der Solidarität ist unkomplizierter und präziser als die Geldspende. Gespendetes Geld erlaubt es erfahrenen Hilfsorganisationen, besser auf die Bedürfnisse der Geflüchteten einzugehen. Unsere Empfehlung für eine Spende: Nachbar in Not.

Dabei spielen Motive wie Abenteuerlust oder die Verbundenheit mit den Unterdrückten für viele der potenziellen Foreign Fighters eine große Rolle. „Ich glaube, dass viele dieser Personen vollkommen falsche Vorstellungen davon haben, was Krieg eigentlich bedeutet“, erklärt Dr. Barbara Preitler, Psychologin und Psychotherapeutin bei HEMAYAT. Der Verein bietet Dolmetsch-gestützt medizinische, psychologische und psychotherapeutische Betreuung von Folter- und Kriegsüberlebenden an. „In den heldenhaften Vorstellungen von Kriegen kommen so gut wie nie Umstände wie Lebensmittelunterversorgung vor. Oder etwa auch ohne medizinische Hilfe lange auszuharren“, merkt Preitler an.

Während die Entscheidung, als Foreign Fighter in Kriegsgebiete zu ziehen, auch leichtfertig getroffen werden kann, zieht sie längerfristige, gesundheitliche wie auch rechtliche Folgen mit sich.

„Plane deine Rückkehr" - die psychischen Folgen

In einschlägigen Internetforen, in gar nicht allzu tiefen Ecken des Internets, tauschen sich Interessierte und Foreign Fighters aus. Dort findet man den einen oder anderen Packzettel, Moral-Booster in Form von internationalen Zeitungsartikeln oder auch Check-Listen mit Dingen, die vor der Abreise in das Kriegsgebiet erledigt werden sollen. Der letzte Punkt auf der Liste: Plane deine Rückkehr. Gemeint ist damit die Organisation eines psychotherapeutischen Betreuungsplatzes vor der Abreise. „Denn du wirst sie [die Betreuung, Anm.] brauchen“, heißt es dort.

Foreign Fighters begeben sich in Situationen, die sie nicht einfach verlassen können. Auch mental, denn Krieg und das damit verbundene Erlebte hinterlassen Spuren in der Psyche. „Wie sich die Auswirkungen von Kriegs- und Gefechtssituationen äußern, hängt vor allem damit zusammen, wie nahe man die Ereignisse an sich heranlässt. Davon abhängig ist es möglich, diese militärischen Einsätze auch psychisch zu überleben“, erklärt Mag. Heinz Fronek, Gesundheitspsychologe und Fachbereichsleiter Psychotherapie und Gesundheit im Flüchtlingsdienst der Diakonie.

Mit Langzeit- und Spätfolgen des Kriegseinsatzes sei zu rechnen. „Fakt ist, das Leben nach einem Trauma ist nicht mehr wie davor“, merkt Fronek an. Dem stimmt auch Barbara Preitler zu. „Trauma heißt Verletzung. Wir reden in dem Zusammenhang über schwere psychische Verletzungen – manche davon können so scherwiegend wie der Verlust eines Körperteils sein“, fügt sie hinzu.

Krieg allein bewältigen? Unmöglich!

Im Gegensatz zu den meisten physischen Verletzungen können sich psychische Traumata erst nach langen Zeiträumen äußern. So kann die anfängliche Euphorie der Rückkehr in gewohnte Strukturen, ins normale Leben, schnell weichen. Symptome posttraumatischer Belastungen sind Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder erhöhte Aggressivität, aber auch massive Erregungs- und Panikzustände. Die erlebte Gewalt kann bei Manchen Einzug in ihr Leben, etwa in Beziehungen, finden, andere ziehen sich vollkommen zurück – die Suizidrate ist hoch.

„Mit Krieg sind immer Belastungen und Erfahrungen verbunden, die man allein nicht bewältigen kann." (Heinz Fronek)

Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen und Helfer*innen versuchen Menschen mit Traumatisierungserfahrungen so gut wie möglich zu begleiten. Heilsame zwischenmenschliche Beziehungen sind dabei enorm hilfreich, so Preitler. Nicht nur gesundheitliche Folgen plagen Foreign Fighters. Ihr militärischer Einsatz birgt auch rechtliche Konsequenzen. Das österreichische Recht greift hier zu einer drastischen Maßnahme: der Entzug der Staatsbürger*innenschaft.

Staatenlose Foreign Fighters - die rechtlichen Konsequenzen

„Der Verlust der Staatsbürger*innneschaft droht, sobald feststeht, dass ein*e österreichische*r Staatsbürger*in in den Militärdienst eines fremden Staates eingetreten ist“, erklärt Osai Amiri, Rechtsanwältin mit Fokus auf das österreichische Fremdenrecht. Ohne Staatsbürger*innenschaft sind Personen staatenlos. Sie verlieren alle Rechte, die sie mit einer österreichischen Staatsbürger*innenschaft genossen haben, unter anderem können sie nicht mehr so leicht nach Österreich einreisen und verlieren den Anspruch auf finanzielle Hilfen wie das Arbeitslosengeld. Personen mit Doppelstaatsbürger*innenschaften wird in jedem Fall die österreichische entzogen. Nehmen Personen mit subsidiären Schutz- oder Asylstatus an Kampfhandlungen in fremden Militärdiensten teil, so droht ihnen die Aberkennung des Status.

„Die Personen sitzen dann in der Ukraine fest. Nicht einmal die österreichische Botschaft in Kiew kann ihnen helfen, denn sie ist nicht mehr für sie zuständig. Die Konsequenzen sind wirklich sehr krass“, meint Amiri. Lediglich das Eingelegen einer Beschwerde gegen den Bescheid des Staatsbürger*innenschaftsentzugs kann eine Rückkehr möglich machen. Das Prozedere müssen die Personen jedoch in der Ukraine abwarten. Dabei laufen die Foreign Fighters Gefahr einer russischen Kriegsgefangenschaft.

Die Gefahr von Folter und Misshandlung

Foreign Fighters sollen laut Medienberichten nicht nur ukrainische Streitkräfte verstärken. Neben tschetschenischen Truppen soll auch die berüchtigte, rechtsradikale russische Söldnermiliz „Gruppe Wagner“ die russische Seite verstärken. Den Einsatz solcher Söldnertruppen bestätigt der Kreml jedoch nicht – immerhin ist deren Existenz nach dem russischen Strafgesetzbuch verboten.

Während auf beiden Seiten Foreign Fighters und Söldner*innen die Gefechte verstärken, will Moskau potenzielle Kämpfer*innen auf ukrainischer Seite einschüchtern. Das russische Verteidigungsministerium warnt, dass ausländischen Kämpfer*innen nicht die Rechte eingeräumt werden, die rechtmäßigen Soldat*innen nach dem humanitären Völkerrecht zustehen. Gefangene werden laut Kreml nicht als Kriegsgefangene behandelt, sondern als Kriminelle.

Das humanitäre Völkerrecht schützt Kriegsgefangene unter anderem vor Folter, degradierender Behandlung und sichert ihnen Schutz vor Folterung wie auch medizinische Betreuung zu.

„Wir wissen, dass es zu Folterungen und schwere Misshandlung in Kriegsgefangenschaft kommen kann. Vor allem dann, wenn internationale Menschenrechtsstandards nicht beachtet werden“, fügt Preitler an, die im Verein HEMAYAT Folter- und Kriegsüberlebenden psychotherapeutisch betreut. „Wir können traumatisierte Menschen begleiten. Das Elend ungeschehen machen können wir nicht, das begleitet sie ihr ganzes Leben lang“, so die Psychotherapeutin.

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