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Filmstills "Fresh", Mimi Cave, Daisy Edgar-Jones, Sebastian Stan

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„Fresh“ ist brutal und definitiv ein Film des Jahres

In dem Horrorthriller „Fresh“ verwandelt Regisseurin Mimi Cave Dating, wie es im Jahr 2022 ist, in einen unglaublichen Horrortrip. Daisy Edgar-Jones und Sebastian Stan brillieren in diesem brutalen und wahnsinnigen Film, der am 15. April auf Disney+ startet.

Von Philipp Emberger

„Your scarf is dipping into the noodles“, sagt Noa (Daisy Edgar-Jones) zu ihrem Date Chad (Brett Dier). Und das ist noch nicht mal der schlimmste Teil des Treffens. Davor hat Chad noch Noas Äußeres kritisiert und ihr aufgrund ihres oversized Sweaters die Weiblichkeit abgesprochen. Als die Mittzwanzigerin ihn schließlich freundlich abserviert, muss sie sich im Gegenzug noch beschimpfen und verbal degradieren lassen. Toxische Männlichkeit at its best.

Das schlechte Date mit Chad ist aber nur eines von vielen für Noa. Man könnte sie als Tinderella, als Tinder-Heavy-Userin, beschreiben. Glücklicherweise ist „Fresh“ aber ein Film, und so gibt es hier die Möglichkeit, den Traummann utopisch, aber doch irgendwie romantisch, im Supermarkt zwischen Brokkoli und Weintrauben kennenzulernen. Auftritt für den hübschen und charmanten Steve (Sebastian Stan).

Kleiner Spoiler: Die Supermarkt-Begegnung mit Steve endet für Noa ziemlich mies. So mies, dass die bisherigen Verabredungen dagegen wie Volltreffer wirken. Zu Beginn hat Steve die junge Frau noch zum Fressen gern, aber natürlich: Der nette Kerl entpuppt sich als etwas anderes – als Psychopath in diesem Fall und die frische Liebelei wird zum Überlebenskampf. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Je weniger man im Vorfeld über den Film weiß, desto besser. Genretechnisch lässt sich „Fresh“ wohl irgendwo an der Schnittstelle von Horror und Thriller verorten, dazu kommen dann noch Comedy-Elemente.

Filmstills "Fresh", Mimi Cave, Daisy Edgar-Jones, Sebastian Stan

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Mit Zuckerwatte-Weintrauben geht in „Fresh“ alles los.

Es gibt eine erstklassige Küchentanzszene von und mit Sebastian Stan, dem Marvel-Captain-America-Buddy. Stan, der vier Jahre lang in Wien gewohnt hat, schöpft dieses Jahr nach der Pamela-Anderson-Serie „Pam&Tommy“ endgültig sein schauspielerisches Potential aus und löst sich vom Marvel-Label. Stans Filmfigur könnte sich zu einigen großen Namen der Filmgeschichte, wie Patrick Bateman („American Psycho“) und Hannibal Lecter („Das Schweigen der Lämmer“), gesellen.

Sein Gegenüber ist mit Daisy Edgar-Jones als Noa ebenfalls hervorragend gecastet. Sie wird dieses Jahr noch in der Bestseller-Verfilmung von „Where the Crawdads Sing“ und in der True-Crime-Serie „Under the Banner of Heaven“ neben Andrew Garfield zu sehen sein. Klingt nach einem ziemlich guten Jahr für die 23-jährige Britin, die bislang vor allem in TV-Serien („Normal People“) mitgespielt hat.

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Daisy Edgar-Jones (Noa) in „Fresh“

Viel Biss und harte Brüche

Das erste Viertel legt Regisseurin Mimi Cave als RomCom an. Doch auch hier flackert die spätere Gefahr immer wieder durch. Die red flags ignoriert Noa aber, auch das ist eben Dating im Jahr 2022. Nach knapp einer halben Filmstunde kommt der endgültige Bruch, die opening credits sind zu sehen, und „Fresh“ eskaliert. Der Horrorthriller ist gar so abgedreht, dass Sebastian Stans Mutter wenig Freude mit dem Auftritt ihres Sohnes in dem Film hat.

Das Horrorpotential schöpft Regisseurin Mimi Cave einerseits aus dem modernen Datingverhalten, das von Enttäuschungen geprägt ist, und andererseits aus toxischen Besitzansprüchen, die Männer Frauen gegenüber entwickeln. In dieser Kritik hat „Fresh“ viel Biss, ist gelungen und durchaus gnadenlos. Der Film ist Caves Spielfilmdebüt als Regisseurin, und was für eines. Das macht große Vorfreude auf künftige Projekte.

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One last dance? Sebastian Stan und Daisy Edgar-Jones in „Fresh“

„Fresh“ durch und durch

„Fresh“ hält, was der Name verspricht. Angefangen von den Kamerabildern bis hin zur stylischen Inszenierung und dem 1A-Soundtrack. Die grundsätzliche Story hat man zwar so schon mal in dem ein oder anderen Film gesehen, kommt hier aber mit überraschenden Wendungen und vor allem ziemlich heftig und brutal auf die Leinwand. Mit dem Mix aus Brutalität und Comedy erzeugt Regisseurin Cave harte Brüche, ohne den Zuseher*innen die Message zu sehr ins Gesicht zu drücken. Stimmungstechnisch erinnert das phasenweise an Jordan Peeles Erfolgsfilm „Get Out“. Die beiden Filme können sich im Horrorgenre 2.0 gut die Hand reichen, sie zeigen, wie moderner Horror geht.

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So angsteinflößend kann ein Lachen sein: Steve (Sebastian Stan) in „Fresh“

„Fresh“ ist ein außergewöhnlicher Film, bei dem sich zwar hie und da ein paar kleinere Fehlerchen einschleichen, die aber nicht wirklich ins Gewicht fallen. Zu gut ist alles Drumherum. Von der Inszenierug und dem Cast bis hin zu dem Punkt, an den die Story schlussendlich steuert, stimmt hier vieles. Das macht „Fresh“ schon jetzt zu einem Film des Jahres. Gemeinsam mit einem anderen FM4 Lieblingsfilm „Promising Young Women“ würde das ein gutes Doppelfeature abgeben. Ein kleines „Manko“ bleibt: Tindern will man danach eine Zeit lang eher nicht mehr.

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