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Abba Arena

Robert Rotifer

Robert Rotifer

Echte Tränen in Björns toten Augen

Sicher, die Welt ist düster, aber watch that scene, digging the Dancing Queen. Zwei Monate nach Eröffnung der virtuellen Konzert-Show „ABBA Voyage“ hab ich mich glatt selbst von ABBAs Avataren zum Tanzen und Weinen bringen lassen – Erlebnisbericht und Einordnung.

Eine Kolumne von Robert Rotifer

Ich stehe als einer von 3000 Menschen in einer sechseckigen Halle am Arsch-Ende von London, und wir brüllen alle begeistert eine Leinwand an. Was ist passiert mit meinem Leben, und wieso bedauere ich es nicht im Geringsten?

Zugegeben, dieses Intro würde besser funktionieren, wenn ihr nicht bereits von Vorspann und Überschrift wüsstet, dass ich gestern in der ABBA Arena am Rande des Olympischen Parks im Londoner Stadtteil Stratford war, um mir dort die Show der Avatars von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid, ihrem letztjährigen Comeback-Album gleich ABBA Voyage genannt, anzusehen.

Robert Rotifer moderiert FM4 Heartbeat und lebt seit 1997 in Großbritannien, erst in London, dann in Canterbury, jetzt beides.

Die Show läuft nun schon seit Ende Mai, man darf also annehmen, wenn euch dieses Thema auch nur irgendwie interessiert, wisst ihr schon genau, was dabei vor sich geht. Im sehr unwahrscheinlichen Fall, dass euch das zwar alles bisher am Arsch vorbeigegangen ist, ihr diesen Text aber trotzdem lest, weil es euch interessiert, was ich dazu zu sagen hätte (hier fehlt zur Sicherheit noch eine Selbstbescheidungsfloskel, fällt mir aber grad keine ein):

Es ist also ein täglich, an Wochenenden sogar zweimal täglich, vor – wie es scheint – verlässlich ausverkauftem Haus stattfindendes, semi-virtuelles Konzert, bei dem 3D-Projektionen (nicht Hologramme, technologisch geht die Sache eher in Richtung IMAX) der vier Mitglieder von ABBA, so wie sie in den mittleren Siebzigern bis frühen Achtzigern aussahen, gemeinsam mit einer Live-Band anderthalb Stunden lang Hits und auch ein paar Nicht-Hits aus ihrem Katalog spielen.

Natürlich ist das alles auf viele ganz leicht zu findende Weisen PROBLEMATISCH (wir kommen noch darauf zurück), aber ich hatte mich gerade deshalb bisher damit zurückgehalten, eine Meinung dazu zu haben, schon gar keine zynische (nichts Lähmenderes als der deutschsprachige Pop-Diskurs und sein neunmalkluger Zynismus) bzw. war ich auch nicht ganz ausreichend interessiert, um selbst hinzugehen.

Bis ich dann vor einer Woche diesen Tweet von Amy Rigby las:

Für Leute, die sie nicht kennen: Amy Rigby ist eine von mir hochgeschätzte (okay, auch befreundete), amerikanische Singer-Songwriterin, seit einigen Jahren verheiratet und musikalisch verbunden mit dem von mir hochgeschätzten (okay, auch befreundeten), britischen Singer-Songwriter Wreckless Eric. Und wer ihn bzw. seinen Ruf oder seine alten Platten aus jenen Jahren kennt, als ABBA den ihm damals gänzlich fremden Mainstream dominiert, während Leute wie Eric in klarer Opposition dazu die zornigsten und kratzbürstigsten Songs des Punk bzw. seines Vorgänger-Phänomens Pub Rock veröffentlichten, der/die wird sich so wie ich schon einigermaßen wundern, dass ausgerechnet Amy und Eric Karten für einen ABBA-Gig gekauft haben könnten.

Die sie nun nicht verwenden konnten, weil Amy aus Gründen in Amerika festsitzt und Eric, der gerade in England ist, - wie in ihrem Tweet erklärt – nicht allein mit seiner Feder-Boa zur ABBA-Show gehen lassen wollte.

Ganz ehrlich gesagt war es auch genau diese Vorstellung, die mich dann spontan zum Zugreifen bewogen hat. Übrigens: Meine Kolumnen sind aus Prinzip immer im Singular geschrieben, auch wenn manchmal im Plural erlebt, aber sagen wir es so: Auch ich war sicher nicht alleine dort. Wie übrigens auch sonst so gut wie alle anderen Menschen in der Arena:

Ich sah Pärchen, ob hetero, schwul, lesbisch oder queer, Mütter mit Töchtern, ganze Familien und einheitlich kostümierte Grüppchen, fast alle davon durchgehend weiblich, alle mindestens Mittelstand (hallo Kartenpreis!), dementsprechend die (vor allem für diesen Teil von London) überproportionale Mehrzahl von ihnen weiß (im Gegensatz zum sie bedienenden Personal, das wiederum immer noch ganz typisch für London). Doch die auffallendste Diversität war tatsächlich die der versammelten Altersgruppen, von jungen Teenager*innen über Milliennials und meinesgleichen bis zu älteren Menschen mit Gehstock.

Es ist das große Klischee der Post-Mamma Mia-ABBA-Wahrnehmung, dass der Nachlass dieser Band alle Generationen anspricht. Aber man muss es schon selbst gesehen haben, um zu erfassen, WIE erstaunlich es sich anfühlt, wenn Menschen, die in gänzlich verschiedenen Zeiten auf diese Welt gekommen sind, sich gänzlich selbstvergessen zum Beat eines Songs wie „Dancing Queen“ zu einer tanzenden Einheit vereinen. Du siehst ein, das ist nur zu diesem spezifischen Soundtrack möglich (auch, weil sich alle dabei an das strenge Fotografier-Verbot halten). Du stehst da, siehst ihnen zu, siehst das Glück in ihren Augen, spürst selbiges deine eigenen Augen befeuchten, und du denkst dir: Vielleicht ist, wenn alles gesagt und getan ist, dieser Song dann eigentlich doch der größte Popsong EVER.

Vor allem aber fühlt sich ABBA Voyage dank dieser Alters-Diversität nicht so eindeutig nostalgisch an wie die Gigs anderer Heritage-Acts. Es geht hier nicht um das Zelebrieren einer gemeinsamen Vergangenheit, sondern um eine empfundene, greifbare Gemeinsamkeit in der Gegenwart. Eine eskapistische Form von Gegenwart natürlich, die es nur für begrenzte Zeit in diesem spezifischen, 3000 Seelen fassenden Sechseck gibt, aber das macht sie nicht weniger wahr.

Abba Armband

Robert Rotifer

Ich war auch nur dürftig kostümiert: Gelbes Ringer-T-Shirt mit blauen Bündchen als schwedischer Touch.

Aber bevor ich in meinem Enthusiasmus hier alles spoile: Die Setlist von ABBA Voyage ist kein Geheimnis, und ich bin froh, dass ich sie mir vorher nicht angesehen hatte. Dass ich mich also von dieser tatsächlich fantastischen Show ganz unvoreingenommen hinweg spülen lassen konnte. Was allerdings vom Feuerwerk der TUNES TUNES TUNES ablenkt, ist natürlich die andere große Attraktion, nämlich die Animation der ABBA-Avatare, die lebensgroß auf der Bühne stehen, tatsächlich stehen. Und tanzen. Manchmal näherkommen, manchmal im Bühnendunkel verschwinden.

Sicher, ganz genau betrachtet wirken sie schon auch ein bisschen flach, aber ich nehme an, wenn ich nicht unten auf dem Dancefloor gestanden, sondern oben auf den Rängen gesessen wäre, es wäre mir wohl nicht aufgefallen.

Etwas weniger glaubwürdig sind die überlebensgroßen Darstellungen der Avatare, manchmal seitlich von der Bühne, manchmal – ohne jetzt zu viel zu verraten – über den ganzen Raum verteilt: Das Hauptproblem ist hier das Haar, das kriegen sie immer noch nicht so richtig hin: Zu einheitlich die Haarfarbe, zu schwebend und geometrisch der Fall. Dann der etwas tote Blick der Augen (vor allem bei Björn). Und, wie ich fand, die unnatürlich glatten Kniekehlen. Aber diese Kritik geht am Punkt vorbei, denn diese Show will gar nicht, dass man glaubt, sie sei „echt“, sie spielt ziemlich klug mit dem von allen in der Halle geteilten Bewusstsein der Illusion.

Und das beantwortet auch mein größtes Bedenken vor Beginn des „Konzerts“ (in Bezug auf die übrigens großartige, zu den voraufgenommenen Stimmen und Arrangement-Parts unglaublich präzise synchrone, und trotzdem lockere Live-Band, sieben Frauen und drei Männer, gehören die Anführungszeichen natürlich weggelassen):

Dass die ganze Angelegenheit sich wie eine makabre Vorahnung einer Zukunft anfühlen könnte, in der untote Simulationen klassischer Bands bis zum baldigen Untergang der Zivilisation und später dann für die Kakerlaken bis in alle Ewigkeit die Enormodomes der Erde bespielen.

Übertreiben wir einmal nicht, wir alle sehen selbstverständlich Filme mit verstorbenen Schauspieler*innen, ohne dass uns das notwendigerweise das Interesse an den Filmen der Gegenwart verbauen würde. Dasselbe gilt wohl auch für Bands. Trotzdem wird mir bei dem Gedanken mulmig: Was machen wir, wenn einmal ein Mitglied von ABBA stirbt? Wird die Voyage dann weitergehen wie bisher? Und wenn ja, wie wird sie sich anfühlen?

Ich denke, wir werden es wissen, wenn es unausweichlich so kommt.

Abba: Blick auf die Halle

Robert Rotifer

Erster Blick auf die ABBA Arena, kommend vom traurigsten Radweg der Welt.

Indessen musste ich – wie es so mein existenzielles Verhängnis ist – auch mitten im Strudel dieser perfekten Pop-Installation an die echte Welt da draußen, insbesondere die zu dieser Show methodisch und ästhetisch vollkommen antithetische, kuriose ABBA-Ausstellung „Souper Trouper“ vor fünf Jahren in der Royal Festival Hall zurückdenken. Mit ihren in den sonst verborgenen Hohlraum unter dem Stiegenaufgang des Gebäudes gepferchten, beinahe Minimundus-artig eingeschrumpften Nachbildungen der Stationen von ABBAs Karriere: Der Puppenhausversion des Hotelzimmers in Brighton, wo ABBA 1974 den Erfolg von „Waterloo“ beim Song Contest feierten, aber vor allem dem begehbaren Nachbau eines typischen britischen Wohnzimmers jener Zeit. Samt Kerze auf dem Fernseher, falls es (Energiekrise) wieder einmal zu einem Stromausfall kommen sollte.

Die Parallelen zur heutigen und morgigen, gerade heranrollenden Energie- und vor allem Lebenskostenkrise, die jene Unpässlichkeiten der britischen Seventies weit in den Schatten stellen wird, drängen sich natürlich auf. Genauso wie die Ironie, dass hier – so wie damals – ABBA und ihre Musik zum Vehikel der Flucht des britischen Volks in eine schillernde, bessere Traumwelt werden.

Eine Traumwelt voller gebrochener Herzen (im Programm von „ABBA Voyage“ kommen drei der vielen Scheidungslieder vor, die ABBAs Songs bei aller Langlebigkeit dann doch so klar in der Selbstfindungs-Welt der Siebziger samt ihren Traumata für die darin mitgefangenen Kinder verhaften), die aber doch auch stets ein selbstverständliches, sattes, schwedisches Wohlhaben kommuniziert (klugerweise kommt „Money Money Money“ nicht vor).

Es ist einerseits irritierend, andererseits kein Wunder, dass zumindest eine der berüchtigten Parties, die Boris Johnsons Frau Carrie während des Lockdown für ihn und seine Freund*innen und Kolleg*innen in der Dienstwohnung in der Downing Street veranstaltete, die Musik von ABBA zum Motto hatte.

Ich berichtete 2017 für den Deutschlandfunk Kultur über die „Super Trouper“-Ausstellung, das Manuskript lässt sich hier immer noch nachlesen. Ein Statement, das Björn Ulvaeus bei der Pressekonferenz abgab, ist mir seither im Kopf hängen geblieben: „Ich hatte keine Ahnung, dass es da so düster war“, sagte Ulvaeus über das Großbritannien der Seventies, mit dessen historischen Eindrücken ihn die Ausstellung konfrontiert hatte. Auch heute erleuchtet der Regenbogen des ABBA-Schriftzugs an der Pudding Mill Lane eine tiefe Düsternis in der Londoner Vorstadt.

Aber Björn sagte damals vor fünf Jahren auch noch was Anderes. „Super Trouper“ sei „das Gegenteil all dieser riesigen, technisch avancierten, mit virtueller Realität arbeitenden Ausstellungen, die sonst über Popgruppen gemacht werden.“ Diese Ausstellung dagegen habe „Humor“ und „Wärme“, sie sei „sehr intim“.

Ich erinnere mich noch, wie ich ihn das sagen hörte und dachte: Was für ein mit der Rückhand serviertes Kompliment. Was für eine elegante Art zu sagen: „Was ihr da aufgestellt habt, ist entweder erbärmlich oder ein Scherz.“
Oder: „Jetzt, wo ich das hier gesehen habe, ist mir völlig klar: In London ist ein Platz frei für eine riesige, technisch avancierte, mit virtueller Realität arbeitende Show, und wir sollten sie am Besten gleich selbst machen. Auch wenn wir dafür unsere eigene Veranstaltungshalle in eure Stadt pflanzen müssen.“

Andererseits war es auch wieder wahr: Das ABBA-Minimundus in der Royal Festival Hall hatte eine Wärme, die die gut klimatisierte, supersaubere ABBA Arena in Stratford nicht unbedingt ausstrahlt. Die Wärme dort kommt ausschließlich von den digitalen Projektionen (und zu einem gewissen, aber nicht entscheidenden Grad der menschlichen Band). Und ich kann es nicht leugnen, ich hab sie gespürt, die Wärme: Als ich mit 3000 anderen in dieser sechseckigen Halle am Arsch-Ende von London stand und ganz begeistert eine Leinwand anbrüllte.

Ich glaube, ich würde sogar wieder hingehen. Nicht morgen vielleicht, aber ich würde.

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