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Zita Bereuter/FM4

We can be Heroes

Die 25-jährige Sophia Cheliak war bei der Frankfurter Buchmesse Kuratorin für den Stand der Ukraine. 2019 war sie in den „Top 30 unter 30“, jetzt arbeitet sie neben ihrem Job auch als Freiwillige. Und sie erzählt von ihrem Alltag und von Büchern.

Von Zita Bereuter

„I’m from a really safe city. It was bombed only five times.“ Sophia Cheliak lacht und entschuldigt sich für ihren schwarzen Humor. Den braucht sie, um den Alltag im Krieg zu überleben.
Sophia lebt in Lwiw, früher auch bekannt als Lemberg, eine Stadt im Westen der Ukraine, etwa 70 km von der polnischen Grenze entfernt. Nach dem 24. Februar wurde Lwiw ein wichtiger Zwischenstopp für Ukrainer*innen, die aus dem Land flüchten mussten. Sophia hat in ihrer kleinen Wohnung einige von ihnen aufgenommen. Erwachsene, Kinder, Hunde. Einerseits war das schön, andererseits waren einfach zu viele Leute in der Stadt, erzählt sie.

Vor und nach dem 24. Februar

Sophia hat ein Leben vor und nach dem 24. Februar. Vorher hat sie Tschechische und Ukrainische Literatur und Sprache studiert und war Programmdirektorin für die internationale Buchmesse in Lwiw – eines der größten Literaturfestivals in Osteuropa. Die Kiew Post, die wohl wichtigste englischsprachige Zeitung der Ukraine, wählte Sophia 2019 in die „Top 30 unter 30“. Sie tut das, was 25-jährige in Europa machen: Ausgehen, Tinderdates, Tanzen, Reisen, Kultur.

Porträt

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Seit dem 24. Februar ist sie neben ihrer Arbeit auch als Freiwillige aktiv - wie viele in ihrem Freundeskreis. Hauptsächlich sind es Kreative, Filmschaffende, Künstler*innen und Leute, die auch Kontakte ins Ausland haben. Sie haben sich vernetzt, organisieren und sammeln Spenden. Meist gibt es wen, der weiß, wo man dieses oder jenes bekommt. Anfangs haben sie beispielsweise kugelsichere Westen gesucht - in der Ukraine und in umliegenden Ländern wurden die gekauft und aus dem Ausland in die Ukraine gebracht. Derzeit suchen sie Autos.
Aber auch Bücher sind wichtig im Krieg, meint Sophia.

Podium

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Sophia Cheliak war bei der Frankfurter Buchmesse Kuratorin für den Stand der Ukraine.

Bücher im Krieg

„Books are not bullets. Books are not an air defence system. Yes, but they’re quite important.“, erklärt sie. Geflüchtete würden umgehend nach Kinderbüchern auf Ukrainisch fragen. Und auch die Soldaten an der Front hätten um Bücher gebeten.

Sophia selbst hat seit dem 24. Februar kaum Romane gelesen. Alle Bände von Harry Potter und einen Roman, der auch in ihrer Stadt Lviv spielt: „East West Street“ – auf Deutsch „Rückkehr nach Lemberg“ von Philippe Sands. Das Buch erzählt von den Ursprüngen des Genozids und Verbrechen gegen die Menschheit.
Mit Romanen in eine andere Welt zu fliehen, scheint ihr derzeit zu riskant. Ständig muss man aufpassen. „Because every day, every moment something can happen and you should be focussed.“

Sophia spricht fünf Sprachen - darunter Russisch. Sie kann russische Nachrichten und Propaganda lesen und übersetzen - auch das ist ein Teil ihrer freiwilligen Arbeit. Und sie schreibt über das Leben in der Ukraine (z.B. „Ukrainian Lottery“). Dafür hat sie auch immer wieder Kiew und Kharkiv besucht. Das will sie auch im Winter - und darüber schreiben.

Ihr Optimismus und ihr Tatendrang sind beeindruckend. Sie hat ein klares Ziel vor Augen: „We are fighting for our happy future. And we are fighting for a chance to decide by ourself how we want to live. We have to fight for it because it is the only chance to have our freedom.“

Dafür setzt ihre Generation vor allem auf Bildung und Wissen. Sie wollen lernen. „We realise that after the war ends, we have to rebuild this country and it will be our aim. We have to finish this work.“

Porträt

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Einen Monat nach der russischen Invasion hat sich Sophia einen Satz über ihre rechte Ellenbeuge tätowieren lassen. Es ist ein Zitat eines ihrer Lieblingsmusikers: David Bowie. Knapp einen Zentimeter hoch steht da in Großbuchstaben über den Oberarm: „We can be heroes.“

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