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Demonstration: Auf einer Tafel steht: "Jürgen ist kein Vergewaltiger"

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Solidarität mit Vergewaltiger: Was ist los in Scharten?

Im oberösterreichischen Scharten haben sich am Sonntag etwa 150 Menschen versammelt, um den ehmaligen Bürgermeister der kleinen Gemeinde moralisch zu unterstützen. Sie meinen nämlich, der verurteilte Sexualstraftäter sei unschuldig.

Von Savanka Schwarz und Melissa Erhardt

Jürgen Höckner ist heute, Montag, rechtskräftig wegen dreifacher Vergewaltigung, sexueller Übergriffe und Verleumdung einer ehemaligen Arbeitskollegin zu 7 Jahren Haft verurteilt worden. Vergangenen Sonntag wurde in Scharten eine Solidaritätskundgebung für den verurteilten Ex-ÖVP-Bürgermeister abgehalten. Am Montag legte das Oberlandesgericht Linz das endgültige Strafmaß fest. Das Urteil ist rechtskräftig, die Strafe wurde von 7,5 auf 7 Jahre reduziert.

Reportage von der Kundgebung in Scharten
Demonstration

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Jürgen Höckner, der ehemalige Bürgermeister von Scharten (Oberösterreich), wurde 2021 wegen Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Verleumdung verurteilt. Von 2015 bis 2021 war Höckner Bürgermeister der rund 2.000 Einwohner*innen zählenden Gemeinde. 2020 erhob eine ehemalige Mitarbeiterin Vorwürfe wegen sexueller Belästigung und mehrfacher Vergewaltigung. 2021 wurde Höckner wegen Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Verleumdung verurteilt. Während des Verfahrens legte Höckner sein Landtagsmandat nieder, blieb aber Bürgermeister von Scharten. Bei der Bürgermeisterwahl 2021 trat er trotz laufendem Gerichtsverfahren erneut an und wurde mit 55 Prozent wiedergewählt. Eine Woche nach den Wahlen wurde Höckner zu 7,5 Jahren Haft verurteilt. Der Bürgermeister betont bis heute seine Unschuld, zog sich aber jetzt auch aus der Gemeindepolitik zurück.

Was für Implikationen dieser Fall für andere Opfer sexueller Gewalt hat und wie sie den Fall wahrgenommen hat, haben wir Ursula Kussyk von der Frauenberatung Notruf bei sexueller Gewalt gefragt.

Radio FM4: Am Sonntag sind in Oberösterreich rund 150 Leute für einen der dreifachen Vergewaltigung Verurteilten auf die Straße gegangen. Sie wollten moralische Unterstützung leisten, ihrer Meinung nach sei der Justiz da ein Fehlurteil passiert. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ursula Kussyk: Na ja, wir in der Beratungsstelle sind schockiert über diese Kundgebung und über diese Unterstützung. Wir können nur aus unserer Erfahrung heraus sagen, dass bei Vergewaltigungsfällen circa 85 bis 90 Prozent der Anzeigen im Sande verlaufen, also dass es zu keiner Verurteilung kommt. Das heißt, wenn es einmal zu einer Verurteilung kommt, dann muss die Beweislast erdrückend sein, sonst gibt es keine Verurteilung. Wir haben ja den Rechtsgrundsatz: im Zweifel für den Angeklagten. Daher kann man davon ausgehen, dass dieses Urteil zu Recht gesprochen wurde.

Radio FM4: Diesen Freitag ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, ein paar Tage vorher passiert so etwas. Was für Signale sendet dieser Fall an andere Opfer sexualisierter Gewalt?

Ursula Kussyk: Na ja, das wird die Anzeigebereitschaft nicht erhöhen, sondern das Gegenteil wird eintreten. Frauen werden sich noch viel stärker überlegen, ob sie eine Anzeige machen, wenn dann dabei herauskommt, dass sie diffamiert werden und dass sie das Gefühl haben, sie sitzen eigentlich auf der Anklagebank und niemand glaubt ihnen.

Radio FM4: Wie könnte man da gegensteuern? Bei der Kundgebung am Sonntag gab es ja auch keine Stimmen, die sich für das Opfer ausgesprochen haben.

Ursula Kussyk: Was wir tun können und was wir Frauenberatungsstellen bei sexueller Gewalt schon seit Jahrzehnten machen, ist Öffentlichkeitsarbeit machen, sensibilisieren für das Thema, immer wieder sagen, dass es natürlich auch so ist, dass Vergewaltiger keine Monster sind, sondern in ihrem Alltagsleben oder in ihrem Berufsleben auch als sehr nette, freundliche Menschen wahrgenommen werden können. Und dass es für manche, die diese Personen halt kennen, sicher schwer ist zu glauben, dass dieser Mann ein Vergewaltiger ist, aber es ist leider so. Also Vergewaltiger sind eben nicht irgendwelche bösen Männer, sondern ganz normale Männer.

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