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Ordination Landarztpraxis

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Warum will niemand Landärzt*in werden?

Wer am Land zum Arzt will, muss mitunter jetzt schon mit langen Wartezeiten oder weiten Anfahrtswegen rechnen. Doch die Situation wird sich drastisch verschlechtern, warnen Expert*innen. Denn im nächsten Jahrzehnt werden viele Hausärzt*innen in Pension gehen und der Nachwuchs fehlt.

Von Savanka Schwarz

Für Lukas Heschl ist der Beruf des Landarztes nicht nur attraktiv, sondern der schönste, den er sich vorstellen kann. Er ist einer der ca. 20 Kassenärzt*innen in Österreich, die unter 35 Jahre alt sind. Der 34-Jährige hat zusammen mit seiner älteren Schwester die Ordination des Vaters übernommen und kümmert sich seitdem um die medizinischen Anliegen der Bewohner*innen von Oed bei Amstetten und Umgebung. Er ist in dem Ort, wo er jetzt auch außerhalb seiner Praxis mit „Herr Doktor“ angesprochen wird, aufgewachsen.

Ordination Landarztpraxis

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Die Praxis ist modern ausgestattet und eingerichtet. Die Geschwister haben sie erst kürzlich saniert. Dass sie die Praxis ihres Vaters übernehmen konnten, sei ein großes Glück gewesen, sagt Lukas. Wenn man eine eigene Ordination aufmacht, ist das meistens mit hohen Kosten verbunden, was auf junge Ärzt*innen durchaus abschreckend wirken kann. Um dem entgegenzuwirken, stellen manche Gemeinden kostenlose Praxen oder Wohnungen zur Verfügung.

Krankenhaus vs. Landarztpraxis

Lukas hat in Wien studiert und war in St. Pölten längere Zeit in einem Spital tätig. Langfristig im Krankenhaus zu arbeiten, wäre für ihn allerdings keine Option gewesen. Gerade das Persönliche schätzt er an seinem Job als Landarzt. Er kenne die meisten seiner Patient*innen gut und könne gleich erkennen, wenn es ihnen schlecht geht, sagt Lukas. Statistisch gesehen ist eine Person pro Tag, die seine Praxis aufsucht schwer krank. Die Symptome rechtzeitig zu erkennen, um eine Diagnose stellen zu können, sei für ihn täglich eine spannende Challenge. Häufig haben Patient*innen aber nicht nur körperliche Beschwerden.

„Wer Landarzt ist, ist gleichzeitig auch Psychotherapeut und Sozialarbeiter“, scherzt Lukas. Deswegen begrüße er es auch, wenn wie jüngst beschlossen, soziale Kompetenzen im Medizinaufnahmetest ausführlich geprüft werden. Das Schöne an seiner Arbeitet ist, findet er, dass er Menschen bei den diversen Prozessen, von der Geburt bis zum Tod begleiten kann. Diese Kontinuität hat er bei der Arbeit im Spital vermisst. Dass sich viele junge Mediziner*innen für eine Anstellung im Krankenhaus entscheiden, erklärt er sich damit, dass der Hausarztberuf in der Ausbildung unterrepräsentiert sei. Weil die praktische Ausbildung vor allem im Spital stattfindet, spezialisieren sich viele auf die Fachbereiche, die sie dort kennenlernen.

Ordination Landarztpraxis

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Anreize durch Länder

Das Land Niederösterreich fördert seit diesem Jahr Studierende, die sich verpflichten nach ihrer Ausbildung als Landarzt/Landärztin tätig zu werden. Im Gegenzug gibt es während des Studiums jährlich etwa 11.000€ Förderung. Auch das Land Tirol bietet ein solches Stipendium an. Lukas denkt, dass diese Anreize durchaus sinnvoll sein können. Vorausgesetzt es gibt die nötige Infrastruktur, um sich als junger Arzt / junge Ärztin niederzulassen.

In seiner Gemeinschaftspraxis wurden bereits drei junge Ärztinnen ausgebildet. Er beobachtet, dass sich besonders Frauen für den Hausarztberuf interessieren. Doch dass sich wenige Ärzte und besonders Ärztinnen direkt nach der Ausbildung für eine Karriere als Hausärzt*in entscheiden, liegt auch daran, dass es im Fall einer Karenz sehr schwer ist, einen Ersatz für die Praxis zu finden. Dementsprechend arbeiten viele junge Menschen nach dem Studium lieber in einem Angestelltenverhältnis und öffnen ihre eigene Praxis erst nach Abschluss der Familienplanung.

Lebensqualität am Land

Bei Lukas sind die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem sehr fließend. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern wohnt er über der Praxis und auch in der Ordination sind Patient*innen oft Freund*innen oder Nachbar*innen, die ihn seit seiner Kindheit kennen. Dieses Näheverhältnis macht es für ihn allerdings auch schwierig, sich emotional vom Beruf abzugrenzen. Es sei wichtig, sich auch zu erlauben, Mensch und nicht nur Arzt zu sein, sagt er. Da weine er auch mal mit einem Patienten zusammen, wenn es schlechte Nachrichten gibt. Das gehöre zu einem empathischen Arzt dazu.

Sein junges Alter spiele in seinem Job kaum eine Rolle, so Lukas. Ihm werde genauso viel Vertrauen geschenkt wie einst seinem Vater, als er noch der Landarzt in der Umgebung war. Und ältere Damen fänden es besonders nett, einen jungen Doktor im Ort zu haben.

Lukas ist bewusst, dass er als Landarzt Kompromisse eingehen muss. Schließlich bindet man sich in jungem Alter nicht nur an einen Ort, sondern auch an viele Menschen, die sich auf die ärztliche Versorgung verlassen. Dennoch würde er diesen Job jeden Tag wieder wählen und möchte auch andere junge Mediziner*innen ermutigen, Hausärzt*in zu werden. Denn auch wenn Lukas dem Bild des durchs Spital hetzenden Arztes als Retter in der Not, in seiner gemütlichen Praxis im Grünen nicht ganz entspricht, so ist er für viele Menschen in der Umgebung ein Garant für die Lebensqualität am Land.

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