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Szenenbild "Mission Impossible: Dead Reckoning Part One"

Constantin

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Nobody does it better

Ethan Hunt gegen AI, klingt banane, ist aber die Zündschnur, an der sich der exzellente „Mission Impossible: Dead Reckoning Part One“ auffädelt. Tom Cruise beweist sich erneut als erfolgreicher Erschaffer einer Blockbuster-Gegenthese zum Comic-Einheitsbrei.

Von Pia Reiser

Ein russisches U-Boot, das sich selbst zerstört, steht am Beginn von „Mission Impossible: Dead Reckoning - Part One“. Ein Torpedo-Selbstbeschuss und das Ende von russischen Bösewichten bedient einerseits den Zeitgeist und erinnert an Geheimagenten-Szenarien aus den 1960er Jahren, als der Kalte Krieg auch die Fiktion beeinflusste und die Serie „Mission Impossible“ im amerikanischen Fernsehen lief. Das ohrwurmige Serienintro von Lalo Schifrin gibt es auch immer noch in den Filmen, die seit 1996 das für mich fantastischte Franchise-Universum bilden, immer noch zu hören.

Im Vorspann zu Serie wurde eine Zündschnur gezündet und nach dem Prinzip - gleich machts Peng, wir müssen das verhindern - laufen auch alle Filme ab. Die Bösewichte sind ähnlich wie die Kerle, mit denen sich James Bond abmühen muss, doch im Gegensatz zum Bond-Franchise gibt es in der Welt der IMF (Impossible Missions Forces) keine hedonistischen Ablenkungen, hier wird noch entschlackter, konzentrierter erzählt, wenn die Kettenreaktion mal in Gang gesetzt wird, gibt es auch keine Verschnaufpausen.

Szenenbild "Mission Impossible: Dead Reckoning Part One"

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Das wichtigste Wort im MI-Universum ist rogue, also außer Kontrolle geraten, unberechenbar, so wird Tom Cruise Figur Ethan Hunt oft beschrieben, es findet sich auch im Filmtitel zum fünften Mission Impossible-Film und diesmal ist es - auch hier: Servus, Zeitgeist! - eine KI, die The Entity genannt wird, die erfolgreich menschliche Kontrollierbarkeit abgeschüttelt hat und u.a. für den Torpedobeschuss des russischen U-Boots verantwortlich ist. Falls jemand von euch mal mit der Lego-Serie „Ninjago“ zu tun hatte, es ist ein bisschen wie das digitale Ultraböse und natürlich eine Weiterentwicklung von dem Schrecken, den Sandra Bullock in „Das Netz“ erleben musste. Und es passt thematisch grad an jeden Mittagstisch - und in die Argumentationslinie von Tom Cruise, der als Schauspieler und Produzent als Mastermind hinter der Filmreihe steckt. Ein Hoch auf das Echte, das Analoge, das Handwerk.

Auch KI, auch sehr gut: „Kene Pank“ von Maximilian Schiffrer, von den Landjäger Kürzestfilmfestspielen 2023

Schon der Box-Office-Siegeszug von „Top Gun: Maverick“ war geprägt von Cruise Ausführungen darüber, dass es in dem Film so gut wie kein CGI gibt, dass die Schauspieler*innen Flugstunden genommen haben. Alles echt, alles rauer, alles nahbarer als in Marvel-Filmen. (Auch Christopher Nolans „Oppenheimer“ wirbt aktuell damit, dass es keine CGI-Shots gibt und Greta Gerwig wollte nicht, dass die weird gebogenen Barbie-Füsse in ihrem Film mit CGI kreiert werden).

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In „Mission Impossible: Dead reckoning Part One“ gibt es natürlich CGI, aber es wird eher eingesetzt wie ein kleines Helferlein, nicht wie eine Hauptfigur. Als wunderschönes Gegengewicht zu „The Entity“ gibt es einen MacGuffin, der aus einem alten Abenteuerfilm oder ein Film Noir stammen könnte, ein Schlüssel, der aus zwei Teilen besteht und mit dessen Hilfe man die Entity vielleicht doch wieder unter Kontrolle kriegen könnte.

Aus dem „Die Geister die ich rief“-Szenario ist also ein unstoppbarer und immer klüger werdender „Ghost in the Machine“ geworden, was nacherzählt zugegebenermaßen banane klingt, ist in den Händen von den Action-und Suspensemeistern von „Mission Impossible“ ein tatsächliches Vergnügen. Seit dem ersten Teil, der 1996 von Brian de Palma inszeniert worden ist, war das Team rund um Ethan Hunt James Bond in Sachen Gadgets immer meilenweit voraus. Allen voran natürlich die Gesichtsmasken (die die CIA ja auch verwendet hat) - und auch bei deren Einsatz setzen die Filme oft auf ganz simple Tricks, siehe hier.

Szenenbild "Mission Impossible: Dead Reckoning Part One"

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Das Warten und sich Freuen darauf, wann die Masken zum ersten Mal zum Einsatz kommen, gehört zu „Mission Impossble“ genauso dazu, wie der legendäre Laufstil von Tom Cruise, ein Tonband, das sich selbst zerstört (mit ordentlich viel Rauch) und - seit dem dritten Teil - der Humor und Humanismus von Simon Peggs Figur Benji Dunn. In den Dialogen zwischen Cruise und Pegg wird meistens genau das richtige Maß an Bewusstsein über komplette Over-The-Top-Szenarien gepackt, die den Filmen einerseits Komik bescheren und andererseits kurz zum Publikum sagen „Jaja, wir wissen auch: das ist schon alles wahnsinnig hier“.

Komik und dieses Bewusstsein verhindern, dass das Franchise jemals auch nur annähernd Gefahr gelaufen ist, nur ein allzu aalglatter oder arschcooler Actionfilm zu sein. Die „Mission Impossible“-Filme sind auch tatsächlich leiser als vergleichbare Filme, nicht überall wird gleich ein bombastischer Soundtrack drübergebuttert und jedes Set-Piece lebt davon, dass man nicht wartet, bis das Getöse vorbei ist, um zu schauen, wo sich alle befinden, sondern, dass man tatsächlich mitfiebert. Eine fürs Publikum nachvollziehbare Logistik von Actionszenen, auch das beherrscht „Mission Impossible“.

Szenenbild "Mission Impossible: Dead Reckoning Part One"

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Dies Filme verfolgt man mit staunenden Augen wie eine Fischli/Weiss-Versuchsanordnung, manchmal hat man während des Staunens Zeit sich über Zitate zu freuen: Wie in „Flucht in Ketten“ sind Ethan Hunt und Meisterdiebin Grace (Haley Atwell) mal mit Handschellen aneinandergekettet, wie Steve McQueen in „The Great Escape“ springt Cruise mit dem Motorrad über eine Steinmauer und die Komik über das Wunder der Technik, die der Film einem quietschgelben Fiat 500 entlockt, die hätte vermutlich auch Jacques Tati gefallen.

Die im Vorfeld veröffentlichte Motorrad-Klippensprung-Szene ist immer noch faszinierend und ein gutes Beispiel für Tom Cruise ewigen „Höher schneller weiter“-Antrieb, doch das wahre Herzstück des Films kommt danach: Aus dem altbekannten „Ein Fahrzeug hängt über die Klippe“ (siehe auch: „The Italian Job“ und „Jurassic Park II“) holt Regisseur Christopher McQuarrie eine Sequenz heraus, die von der Idee her auch aus einem Harold Loyd Stummfilm-Szenario kommen könnte. Grandios. Dass das im wahrsten Sinne des Wortes ein „Cliffhanger“ ist, weil „Mission Impossible: Dead Reckoning Part Two“ ja noch auf uns zukommt, begreife ich erst Stunden später, als ich immer noch beseelt und beglückt von diesen Kettenreaktions-Kettenkarussel von einem Film bin.

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