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Corinna Harfouch im Film "Sterben"

Jakub Bejnarowicz, Port au Prince, Schwarzweiss, Senator

Offiziell der beste deutsche Spielfilm des Jahres: „Sterben“

Der Film hat den schrecklichsten Titel, er ist drei Stunden lang, aber unvorhersehbar komisch: „Sterben“ - mit Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Robert Gwisdek und Lilith Stangenberg - gönnt sich die absolute Nische.

Von Maria Motter

Der Trailer könnte keine klassischere Persfilage des Klischees von deutschem Spielfilm sein: Lars Eidinger sitzt als Dirigent Tom Lunies bei seiner Film-Mutter Corinna Harfouch vor einem gekauften Kuchen. Die Worte „Geburt“, „Liebe“, „Familie“, „Leben“ und „Sterben“ prangen da in großen Lettern. Aber da muss man durch, weil gleich beißt seine Schwester (Lilith Stangenberg) als Zahnarztgehilfin Ronald Zehrfehld in den Unterarm, als der als Zahnarzt im Mund einer Patientin bohrt.

Lilith Stangenberg wird mit diesem dreistündigen Drama „Sterben“ alle an die Beislwand spielen. Sie ist wieder einmal großartig, Lars Eidinger und Corinna Harfouch (mit exzellenter Maske) sind es sowieso - die beiden haben einen minutenlangen Schlag-in-die-Magengrube-Abtausch im ersten Take gedreht.

„Sterben“ wäre auch eine sehr tolle Miniserie. Es ist jedoch ein Kinofilm geworden, der in Episoden erzählt ist. Der deutsche Regisseur Matthias Glasner hat selbst Erlebtes in diesem Drama verarbeitet, es ist sein bislang persönlichster Film geworden.

Lilith Stangenberg hält sich an einer Limo fest, Szene aus dem Spielfilm "Sterben" von Matthias Glasner.

Jakub Bejnarowicz, Port au Prince, Schwarzweiss, Senator

Halt dich an deiner Limo fest: „Sterben“ widmet sich Ungeheuerlichkeiten in Beziehungen, Lebenslügen und kaputten Familien. Dieser Film zeigt ein Fiasko nach dem anderen und das irrlichternd gut.

Ausgesprochene Ungeheuerlichkeiten

Eine kaltherzige Mutter und ein hilfloser, sterbender Vater, eine abwesende Schwester und ein gnadenloser Komponistenfreund gehören zum Leben eines nicht mehr jungen Mannes: Lars Eidinger ist hier als Tom Lunies in erster Linie Sohn, weniger Bruder, mehr Freund und Diener aber auch treuer Ex-Freund seiner größten Liebe, die schwanger ist. Die Dialoge in „Sterben“ fallen aufgrund ihrer schonungslosen Bösartigkeit oft zum Lachen komisch aus. Einer dieser Dialoge ist exemplarisch im Trailer: Da staunt Tom Lunies voll Liebe, „das Baby ist jetzt da“, und seine Mutter antwortet nur „Schade, dass es nicht dein Kind ist.“

Von Beruf ist Tom Lunies Dirigent und dieser Erzählstrang ist der strapaziöseste der Episoden - oder einfach too much, und das liegt nicht an Lars Eidinger. Auf der Berlinale nennt der Theater- und Filmschauspieler als sein Vorbild fürs Dirigieren „Cate Blanchett“ und schmunzelt über seinen eigenen Gag und alle schmunzeln mit ihm, danach nennt er Teodor Currentzis und sagt, dessen Gesten hätte ihm jedoch niemand abgenommen, hätte er sie imitiert.

Von Currentzis’ Liga ist die Filmfigur auch weit entfernt. Tom Lunies erarbeitet mit seinem besten Freund, einem Komponisten, ein Stück. Die egozentrische Partie fällt dabei dem Freund zu. Robert Gwisdek - den man als Musiker unter dem Künstlernamen Käptn Peng kennen könnte - spielt diesen Mann, der zweifelt und zunehmend verzweifelt. Von Tom Lunies wird der schwer depressive Komponist zu Weihnachten eine ultimative, grenzwertige Komplizenschaft einfordern. Das Familiendrama wird um ein Künstlerdrama erweitert.

Corinna Harfouch als Mutter und Lars Eidinger als Sohn an einem Esstisch, Szene aus "Sterben" von Matthias Glasner.

Jakub Bejnarowicz, Port au Prince, Schwarzweiss, Senator

„Sterben“ ist offiziell der „beste deutsche Spielfilm“ beim Deutschen Filmpreis, wo Corinna Harfouch auch für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde. Für das Drehbuch gewann Matthias Glasner einen Silbernen Bären auf der Berlinale.

Reinen Tisch machen

„Sterben“ kommt diese Woche in die Kinos.

„Sterben“ hakt Worst-of-Life-Experiences nicht ab, sondern lässt sie auf die Charaktere einprasseln: Demenz und schwere Krankheit („Diabetes, Krebs, Nierenversagen und beginnende Blindheit“, führte die Berlinale-Filmbeschreibung aus), Depression und Suizid, Co-Parenting für drei, konstantes Trinken bis zur Bewusstlosigkeit. Wer will sich das anschauen, wäre eine berechtigte Reaktion. „Sterben“ bedient aber weder falsches Pathos noch Kitsch und der Film will schon gar keine Gesellschaftskritik anzetteln. Genau darin liegt die Unterhaltung im doppelten Sinn: Der Film korrespondiert mit seinem Publikum und sein schwarzer Humor ist treffsicher.

Die Geschichten sind eine Anhäufung von Zumutungen, denen sich Tom Lunies erstaunlich selten zu entziehen vermag. Und doch hat er die Sympathien lang auf seiner Seite. Die Show stiehlt dieser Filmfigur die eigene, kleine Schwester. Allein das Kapitel, in dem Lilith Stangenberg in einem fremden Land aufwacht, ist den Kinobesuch von „Sterben“ wert.

Lars Eidinger sagt über „Sterben“, es sei einer der unromantischsten Filme, die er je gesehen habe. Da hat er recht und in all dem tut sich eine Zartheit auf, die absolut glaubwürdig wirkt. „Du musst auf deine Natur hören! Du musst an dein Herz glauben!“, sagt ein kleines Mädchen im Prolog des Films mit Nachdruck in die Kamera, wie eine Influencerin bei Sonnenaufgang. „Sterben“ hat viele dieser kleinen Überraschungsmomente.

Lilith Stangenberg im Interview

Lilith Stangenberg im FM4 Interview mit Christian Fuchs über ihre Rolle in „Sterben“, Selbstentgrenzung und Filmpreise.

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