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Eine weiße Schachfigur, die eine braune Schachfigur umstösst

Pixabay/jarmoluk

mit akzent

Das größte Scheitern ist, es nicht zu probieren!

Man sagt, wenn man etwas wirklich wertschätzen will, dann muss man es zuerst verlieren.

Eine Kolumne von Todor Ovtcharov

Man hat einen gut funktionierenden Computer und plötzlich gibt es einen Kurzschluss und die Festplatte ist gelöscht. Man fühlt sich verraten – von der Technik, vom Schicksal, von der Geschichte. Denn plötzlich ist es ein Riesenverlust, dass man die Email-Adresse des Mitschülers, dem man seit zehn Jahren nicht mehr geschrieben hat, nicht mehr hat. Plötzlich hat man nostalgische Erinnerungen genau an diesen Mitschüler und man verflucht das Leben, weil man ihm nie wieder schreiben kann.

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Das ist natürlich ein blödes Beispiel, aber das Leben ist voll mit solchen Geschichten, wo jemand die Liebe oder die Freundschaft erst wieder zu schätzen weiß, wenn sie verloren gegangen ist.

Meine Tochter schaute sich ein Video an, wo ältere Herren mit ernster Miene in einem Park Schach spielen. Plötzlich werden sie von einer jungen Dame herausgefordert. Sie wird von ihnen herablassend unterschätzt, bis sie einen nach dem anderen fertig macht. Das hat meine Tochter inspiriert Schach zu spielen. Das Problem ist, dass ich ihr das beibringen muss. Schach ist mir aber komplett unbekannt. Das einzige was ich weiß, ist dass der weiße König auf einem schwarzen Feld steht und umgekehrt. In ihren Augen macht mich das zum Schachexperten. Sie akzeptiert keine Argumente, dass ich es nicht bin.

Deshalb spielen wir gegeneinander Schach und versuchen zu schummeln. Sie sagt, ich soll irgendwas unter dem Tisch suchen und währenddessen nimmt sie mir einen Turm weg. Ich tue so, als ob ich sie nicht gesehen hätte. Während sie einen Keks nascht, bringe ich ihren Läufer zwei Felder nach hinten. Ich mache es zu hastig und sie hat plötzlich zwei Läufer auf den schwarzen Diagonalen. Das stört das Spiel, aber sie bemerkt es nicht. Es macht ihr sichtlich Spaß ohne Regeln zu spielen. Was soll ich ihr dann beibringen? Sich den Normen der Gesellschaft zu widersetzen? Was wird aus uns, wenn jeder Läufer plötzlich zum König wird?

Das Spiel ist irgendwann zu Ende und gegen meine Erwartungen habe ich gewonnen. Sie weint. Ich versuche ihr zu erklären, dass jeder Mensch irgendwann verlieren muss. Sie weint wieder. Zum Glück nur kurz, denn bald reiht sie wieder die Schachfiguren. „Ich kann Scheitern verstehen, jeder ist irgendwo gescheitert. Das größte Scheitern ist es nicht zu probieren!“, hat mal Michael Jordan gesagt.

Mittlerweile weiß ich wie die Schachfiguren stehen. Um das Spiel zu verstehen, muss ich es nur noch ein paar mal probieren.

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