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Nikolaus und Krampus

APA-Photo: Franz Neumayr

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Nikolaus und Krampus

Ich wollte immer der Weihnachtsmann sein. Und wenn nicht Weihnachtsmann, dann zumindest Nikolaus. Ausländern bleibt aber nur der Krampus.

Von Todor Ovtcharov

Vom Nikolaus habe ich vor ungefähr 10 Jahren das erste Mal erfahren. Ich wusste nichts über ihn, bevor ich nach Wien gezogen bin. In meiner frühen Kindheit gab es Väterchen Frost, der zu Silvester kam. Danach, gleichzeitig mit dem Mauerfall, kam der Weihnachtsmann in seinem Coca Cola Truck. Später wohnte ich in Berlin und der Weihnachtsmann flog in seinem Schlitten an unserem Fenster vorbei, deshalb mussten wir unsere Briefe an die Fenster kleben.

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Ich wollte immer der Weihnachstmann sein, da er der meisterwartete Gast auf der Welt ist. In Wien aber stoß ich auf den Nikolaus, der den braven Kindern Geschenke und Süßigkeiten bringt. Man muss ja irgendwo anfangen. Wenn ich nicht der Weihnachstmann sein kann, kann ich wenigstens Nikolaus sein.

Ich bewarb mich für einen Nikolausjob. Eine Agentur suchte Studenten, die für 8 Euro die Stunde Nikolaus sein wollten. Ich rief an um mich zu bewerben. „Es freut mich sehr, dass Sie sich in unserer Firma als Nikolaus bewerben, wie heißen Sie denn?“, sagte eine freundliche Stimme am Telefon. „Todor Ovtcharov“, antwortete ich. „Wie?!“ - Ich wiederholte meinen Namen. „Aha“, sagte die Stimme, dieses Mal nicht mehr so freundlich. „Wollen Sie doch nicht lieber der Krampus sein, der von Nikolaus verjagt wird? Sie werden eine Maske mit Hörnern aufhaben und sie müssen nur knurren, nicht sprechen. Und die Bezahlung ist nur ein Euro weniger pro Stunde.“ Es schien, dass Nikolaus kein Ausländer sein konnte. Ich war damit einverstanden, Krampus zu sein.

Am Nikolaustag bekam ich Anweisungen, was ich als Monster tun sollte: ich musste die Kinder erschrecken, aber nicht zu viel, denn manche Eltern beschweren sich, wenn ihre Kinder nicht schlafen können, nachdem sie vom Krampus besucht werden. Ich musste ein moderater Krampus sein. Ich musste mit meinen Glocken läuten und meine Zunge zeigen, aber den Kindern nicht zu Nahe treten. Ich war einverstanden. Ich traf auf meinen Nikolaus, mit ich ein Paar bildete. Das war Gerhard. Gerhard war im 10. Wiener Gemeindebezirk geboren. Sein Horizont reichte bis zum 11. Bezirk.

Gerhard war ganz passend für einen Nikolaus – blond und helläugig, außerdem sprach er ein einwandfreies Wienerisch. Ich sagte zu ihm, dass wir wie im Film seien– er ist der Good Cop und ich bin der Bad Cop. Gerhard sagte, dass er keine Filme schaut. Sie seien ihm zu lang und er schlafe immer ein. Mein Good Cop – Bad Cop Witz zeigte keine Wirkung.

Ich erzählte Gerhard, wie ich mir als Kind einen LKW mit blauer Karosserie von Väterchen Frost gewünscht habe und er mir stattdessen einen mit roter brachte, was mich traurig gemacht hat. Mein Vater, der als Väterchen Frost verkleidet war und alle Geschäfte durchstöbert hatte, um den blöden LKW für mich zu finden, zündete fast seinen Bart mit einem Bengalfeuer an. Das interessierte Gerhard gar nicht. „Ich will, dass meine Kinder an den Nikolaus glauben und nicht an irgendwelche erfundenen „Väterchen“! Das hier ist ein christliches Land!“

Ich versuchte ihm zu erklären, dass Väterchen Frost kein Muslim ist, aber er hörte gar nicht zu. „Alle mit langen Bärten gehören zum IS!“ In dem Moment zog er seinen Nikolausbart an. Ich machte dasselbe mit meiner Krampusmaske. Danach musste ich nur die Kinder erschrecken. Gerhard sprach lieb zu ihnen und streichelte sie an den Köpfen. Vor mir rannten sie weg.

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