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Madonna bei einem Livekonzert 2008

AFP PHOTO/Leon Neal LEON NEAL / AFP

Madonna hat Geburtstag!

Wir gratulieren zum 60. Geburtstag mit den 10 besten Songs von Madonna Louise Ciccone.

Von Martin Pieper

„Don’t go for second best, baby!” hat sie uns befohlen. Bitch, sie ist immerhin Madonna und weiß wovon sie redet. Wir haben uns aber dann doch auch auf einen zweit-, dritt- ja sogar zehntbesten Song geeinigt. Die bekennenden Madonna-Fans unter den FM4 Musikredakteurinnen und -redakteuren sind an den Ciccone-Altar getreten und haben ihre persönliche Bestenliste abgegeben. Dann wurde gerechnet, ausgewertet und natürlich gereiht, eingekocht und unter Tränen auf vieles verzichtet, dass eigentlich unverichtbar wäre. Aber Top Ten sind eben
nur große 10.

Das Ergebnis ist diese „Immaculate Collection“ von Madonna-Songs aus drei Jahrzehnten, inklusive Links zum „further reading“ und Fußnoten zum unergründlichen Universum Madonna.

10. Frozen (1998)

Madonna als Eiskönigin in Schwarz und Blau gerät nicht in Gefahr, mit einer Disneyprinzessin verwechselt zu werden. Madonna ist für „Frozen“ von Videoregisseur Chris Cunningham als Königin der Nacht inszeniert worden. Produzent William Orbit lässt Streicher, Klangschalen, Wind und Wetter rund um Madonnas erstaunliche Stimme wehen. Bis dahin war die Musik der New Yorker Discos letztendlich immer die Leitplanke für Madonnas Sound. Für „Frozen“ legen die europäischen Beats, speziell die Downbeats der britischen Insel (Trip Hop!), eine warme Unterlage für diesen, ja, sehr spirituellen Song von Madonna.

Plattencover "Frozen"

Maverick Records / Warner Brothers Records

„Frozen“ ist als Leadsingle zum epochalen „Ray of Light“-Album erschienen und in diesen kalten Februarwochen von 1998 konnte man keinen Modeladen betreten, in dem nicht dieser Song lief. Während die Medien die Pros und Cons von Henna-Tattoos besprochen haben, freuten sich die Madonna Fans über diese unerwartete Schönheit von kristalliner Traurigkeit.

9. Secret (1994)

Nach den hitzigen Kontroversen rund um das Album „Erotica“ und den Bildband „Sex“ schaltet Madonna für das nächste Album „Bedtime Stories“ einen Gang herunter. „Secret“ ist ein gemütlicher Midtempo-Song mit einem Hauch von Latin-Gitarre und ganz viel von den damals aktuellen Urban Beats, die bei amerikanischen R’n’B Bands wie TLC (Waterfalls) oder Boys II Men hoch im Kurs standen. Genauso wie das ganze Album „Bedtime Stories“ ist „Secret“ ist ein Fan-Favourite geblieben.

Plattencover "Secret

Maverick Records / Warner Brothers Records

Statt Skandalen und Imagewechsel schrieben Madonna und Kollabo-Partnerinnen wie Björk einige ihrer unaufgeregt besten Songs. Fun Fact: „Secret“ war wahrscheinlich der erste Song von einem Major Popstar, der mit einer Internet-Botschaft von Madonna persönlich beworben wurde: „Hello, all you Cyberheads! Welcome to the 90’s version of intimacy. You can hear me... You can even see me... But you can’t touch me... do you recognize my voice?... It’s Madonna.”

8. Hung Up (2005)

Im Jahr 2005 war Madonna wieder einmal auf Suche nach Anschluss. Ihr vorheriges Album „American Life“ war unter den Erwartungen geblieben, die Medien waren schon dabei sie endgültig zur Has-Been zu erklären. Und dann kommt Madonna mit einem Abba Sample, barocken Euro-Discobeats und einem Tick-Tock-Sound um die Ecke und schüttelt einfach ihre kommerziell erfolgreichste Single überhaupt aus dem Ärmel. Im Sport spricht man ja vom Zug zum Tor, und den hat man Madonna in der Spätphase gerne abgesprochen. „Hung Up“ ist das glitzernde Gegenbeispiel. Mehr ist eben manchmal mehr. Hinter all dem beeindruckend durchchoreografierten Kalkül steht ein Song über den „technischen Apparat“ als Mittel der menschlichen Entfremdung.

Plattencover "Hung Up"

Warner Brothers Records

Das zugrunde liegende Sample stammt bekanntlich von Abba und ihrem Hit „Gimme! Gimme! Gimme! (a Man After Midnight)“. Der Song wurde gerade von Cher neu gecovert. Natürlich gibt es schon einen Homo-Disco-freundlichen Mash-Up von allem, was da zu mashen ist. Da treffen sich zwei Übermütter auf ihre Art.

7. Vogue (1990)

The category is …. Appropriation. Das Wort „Appropriation" (die Aneignung von kulturellen Ausdrucksformen marginalisierter Minderheiten durch jemanden der privilegierten Mehrheit) war 1990 noch eine gut gehütete Geheimwaffe aus dem akademischen Spracharsenal. Miley Cyrus hat man ihre unbeholfenen Twerkingversuche Jahrzehnte später nicht mehr so einfach durchgehen lassen wie Madonnas musikalische Hommage an das Underground-Tanzphänomen Vogueing. Im Vogueing konnten sich vor allem Schwule, Schwarze, Latinos oder Transmenschen in akrobatischen und/oder glamourösen Battles zu ihren eigenen Bedingungen ausdrücken. Nach Malcolm McLarens erstem Versuch Vogueing als das neue heiße Ding an die Massen zu verkaufen und der Ballroom-Dokumentation „Paris is Burning“ von Jenny Livingston war es schließlich Madonna, die Vogueing so richtig in den Mainstream brachte.

Plattencover "Vogue"

Sire / Warner Brothers Records

Warum sie damit durchkam und gleich einen ihrer größten Hits landete, lag sicher auch an ihrer Verbundenheit mit der New Yorker Clubszene, immerhin ihr wichtigster Arbeitsplatz in ihren frühen Jahren und der Pool, aus dem sie ihre Mitstreiter lukrierte. Ihr aufrichtiges Engagement für die Rechte der LGBTQ-Community - sie war damit eine der ersten Mainstreamstars, die sich hier so weit aus dem Fenster lehnte - und schon ikonenhafter Status in genau dieser Szene hat ihr sicher auch Vogueing Bonuspunkte gebracht.

Die Tänzer des Vogue-Videos waren dann teilweise auch bei Madonnas legendärer Blonde Ambition-Tour mit dabei, für immer festgehalten in der Dokumentation „Truth or Dare/In Bed With Madonna“. Wer sich für das Leben dieser Truppe nach dem Hurricane einer Tour mit dem damals weltgrößten Popstar interessiert, dem sei „Strike A Pose“ empfohlen. Ein manchmal trauriges, inoffizielles Sequel zu „In Bed with Madonna“.

6. Ray of Light (1998)

Schneller als Licht flitzt Madonna durch dieses lebensbejahende Stück Popgeschichte. Madonna in Jeans, mit „normalen“ Haaren, „ungeschminkt“ und „natürlich“, jedenfalls unverschämt gut aussehend, tanzt im Zeitraffer zu den Bildern, die Videoregisseur Jonas Ackerlund aus dem globalen Alltag gefischt und auf Hochgeschwindigkeit beschleunigt hat. Ekstatischer hat Madonna nie ihr und unser aller Leben gefeiert, als mit „Ray of Light“. Fun Fact: Ich habe jahrelang den Refrain als „And i feel like a disco ball“ missverstanden. In Echt heißt es natürlich „And I feel like i just got home“. Passt aber beides.

Plattencover "Ray of light"

Maverick Records / Warner Brothers Records

„Ray Of Light“ ist eigentlich eine Art Coverversion eines alten, superobskuren Folkrock-Song der Siebziger Jahre. Wie es dieser Song in Madonnas Repertoire geschafft hat, ist eine verzwickte Geschichte. Jedenfalls hat er es zur Hymne von Madonnas Wiedergeburt als Kaballah-praktizierende Supermutter gebracht.

5. Justify My Love (1990)

Mit Beginn der Neunziger Jahre konnte Madonna machen, was und wie sie es wollte. Ihre gleichaltrigen Achtziger-Jahre-Popkollegen Michael Jackson und Prince waren zu diesem Zeitpunkt bereits mehr mit sich selbst beschäftigt, als mit der Veröffentlichung perfekter Popmusik. Und so kam es, dass zu Beginn der Neunziger Jahre die überraschende Siegerin dieses fiktiven Wettbewerbs um die Pop-Hoheit Madonna war. Sie stand zu Beginn ihrer Karriere wohl bei den wenigsten auf dem Zettel - Hey, Madonna hat noch nicht einmal bei „We Are The World“ mitsingen dürfen! „Justify My Love“, in Zusammenarbeit mit Lenny Kravitz entstanden, ist der Ausdruck ihrer Freiheit, machen zu können, was sie will. Für Madonna eine Steilvorlage um ihren am wenigsten poppigen Song in die Charts zu bringen.

Plattencover "Justify my love"

Sire / Warner Brothers Records

„Justify my Love“ ist soundmäßig auf der Höhe der Zeit. Das berühmte schwarz-weiße Video mit Unterhosenmodel Tony Ward als Love Interest verwischt die Grenzen zwischen Zuschauer und Akteur, Aktiv und Passiv, Männern und Frauen, Oben und Unten. Der Kontrollfreak Madonna verliert die Kontrolle, hat aber selbst im Kontrollverlust das Heft, die Peitsche, das Korsett in der Hand. „Justify My Love“ ist auch ein Vorbote auf das berüchtigte Coffeetable-Buch „Sex“, das Madonnas Karriere den ersten großen Knick versetzen sollte. Nie war Madonna weniger Pop.

4. Express Yourself (1989)

Wahrscheinlich hat Madonna mit diesem Song den Popfeminismus erfunden. Auch wenn er später von den Spice Girls, Lady Gaga oder aktuell Beyoncé weiter geschrieben wurde, bleibt die Hymne der Selbstbestimmung in ihrer ansteckenden Fröhlichkeit die Blaupause dafür. „Express Yourself“ kann man dabei so universell verstehen, dass der Song auch für die LGBTQ-Community zum Schlachtruf werden konnte. Es fühlten sich eben viele mitgemeint, so wie das der beste Pop immer schafft.

Plattencover "Ray of light"

Sire / Warner Brothers Records

Eine Person die bei „Express Yourself“ ganz genau zugehört hat, ist Lady Gaga. Ihrer Single „Born this Way“ wurde vorgeworfen, sich allzu ungeniert bei Madonna zu bedienen. Das Verhältnis der beiden Popstars sollte von da an nicht mehr dasselbe sein und ist hier bei diesem Saturday Night Live Skit zu beobachten.

Es beginnt mit dem Schlachtruf „Come on girls, do you believe in love? ’Cause I’ve got something to say about it!“ Was Madonna uns dann mit auf den Weg gibt ist so etwas, wie die Gegenthese zum “Material Girl”, mit dem sie die geldverliebten Achtziger Jahre auf den Punkt gebracht hat. Die Musik ist nahe an den frühen House-Beats der New Yorker Undergroundclubs gebaut. Nicht allzu schnell, aber das beste Tempo um über Laufstege, Showtreppen und Stadionbühnen zu „strutten“ und sich dabei „auszudrücken“. Das Expess Yourself Video im Metropolis-Look – von David Fincher (!) - war eines der bis dahin teuersten aller Zeiten und lässt die Zeichen und Codes aus den Jahrhunderten aufs schönste aufeinander krachen. Pop und Postmoderne gingen selten so schön zusammen. Oder muss man hier von „Pose-Moderne“ sprechen?

3. Music (2000)

Der französische Produzent Mirwais hat den Zauber seiner elektronischen Filter über Madonnas gleichnamiges „Londoner Album“ gestreut. Ihre Hymne an die Musik ist ein spätes Echo der Botschaft von „Into the Groove“, ein Meta-Song über Songs, die am Dancefloor eine besondere Bedeutung haben. „Music“ kommt auch der Verdienst zu, das Wort Bourgeoisie in den Popkontext einzubringen. Es sollte noch weitere 13 Jahre dauern, bis die Pet Shop Boys die Liebe als bourgeoises Konstrukt entlarven würden.

Plattencover "Music"

Maverick Records / Warner Brothers Records

Madonnas „Music“ hat sich den digitalen Glitch, das Stottern der Maschinen, die Unkenntlichmachung der eigenen Stimme zur Aufgabe gemacht. Methoden der elektronischen Avantgarde, die von Madonna zurück in die Popcharts geführt wurden.

2. Like A Prayer (1989)

Für „Like a Prayer“ versuchte sich Madonna erstmals mit großer Ambition nicht in perfektem Bubblegum-Disco-Pop, sondern in ebenso perfekt gemachtem Erwachsenen-Pop. Madonnas Stimme singt so „schön“ wie nie zuvor. Ihr Kreuz mit der katholischen Kirche war nicht mehr nur Fashion-Statement, sondern autobiografische Aufarbeitung ihrer katholischen Herkunft. Der Werbespot für Pepsi wurde nach den ersten Blasphemie-Vorwürfen sofort gecancelt.

Plattencover "Like a prayer"

Sire / Warner Brothers Records

„Like A Prayer“ war der Anfang eines neuen Karriere-Abschnitts von Madonna. Ihre zweite Imperial Phase begann mit der Scheidung von Sean Penn, ihrem dreißigsten Geburtstag und diesem Song, der auch der Startpunkt einer Welle von akademischen (und feministischen) Auseinandersetzungen mit der Popikone ist. Sex und Religion, Fellatio und Beichtstuhl, kalkulierte Provokation und Autobiografisches fallen in „Like a Prayer“ zusammen. Der Gospelchor jubiliert und dass der Song bis heute einen fixen Platz im Liverepertoire von Madonna hat, ist wohl kein Zufall.

Die jüngste Performance von Like A Prayer im Frühjahr 2018 bei der New Yorker MET Gala ist leider nur in Bruchstücken auf Youtube zu finden. Aber Madonna hat toll gesungen.

1. Into The Groove (1985)

Fast wäre der vielleicht beste aller Madonna Songs gar nicht als Single erschienen: Madonna war gerade in der ersten „imperial phase“ ihrer Popkarriere. Zur gleichen Zeit waren gerade die Hits „Material Girl“ und „Crazy For You“ in den US-Charts gut unterwegs. „Into the Groove“ war deshalb von der Plattenfirma gar nicht als Single geplant. Es war ja auch „nur“ ein Song für den Film „Desperatly Seeking Susan“ - dort immerhin in einer der zentralen Clubszenen zu hören, wo Madonna einen Yuppie aus Suburbia in die Geheimnisse der New Yorker Clubkultur einführt.

Die Lyrics von „Into The Groove“ sind pures Dancefloor-Gold. “You can dance for inspiration!” flüstert Madonna uns Sterblichen gleich zu Beginn ins Ohr, die wir lieber verdruckst in den Ecken stehen, statt sich im Licht der Discokugel zu baden.

Plattencover "Into the Groove"

Sire / Warner Brothers Records

Sonic Youth haben als Ciccone Youth dem Song mit ihrer rauschigen „Into the Groovey“ Version Tribut gezollt.

Desperatly Seeking Susan gilt zu Recht als bester Spielfilm von Madonna.

Sich endlich frei fühlen, und das nicht nur alleine vor dem Spiegel zu Hause. Hier wird dieses Verlangen zu einem perfekten Popsong, wo die Euphorie des Möglichen auf die Melancholie trifft, die jeder Utopie innewohnt. „We might be lovers if the rhythm’s right - I hope this feeling never ends tonight” singt sie im Wissen, dass es natürlich doch zu Ende sein wird und irgendwann das Putzlicht angeht. Die Melodie von „Into the Groove“ scheint nie aufzuhören, sie löst sich nie ganz im klassischen Pop-Refrain auf. „Into the Groove“ ist eine Spirale des Begehrens, die sich immer weiterdreht. Die Frage „Boy, what will it be?“ bleibt unbeantwortet.

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