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Mensch im Schutzanzug vor Waldlandschaft

Comfreak/Pixabay

Erich Moechel

Wie Österreich bei einem atomaren Unfall alarmiert wird

Die Kommunikationskette in Österreich von der Einmeldung eines nuklearen Störfalls in den internationalen Alarmsystemen bis zum ersten Sirenenton in den gefährdeten Gebieten. Am 2. Oktober wird das Sirenensystem getestet.

Von Erich Moechel

Laut einstimmigem Beschluss des deutschen Bundestags vom Mittwoch wird nun das Mobilfunk-Alarmsystem Cell-Broadcast eingeführt. Dieser Beschluss ist eine direkte Folge der Flutkatastrophe vom August mit mehr als 170 Toten. Von den Sirenen angefangen hatten alle deutschen Warnsysteme versagt.

In Österreich werden die Sirenen des Katastrophenalarmsystems am 2. Oktober wieder im Dauerton getestet. Die Bedeutung dieser Warntöne und die Abläufe zur Warnung der Bevölkerung sind allerdings noch viel zu wenig bekannt. Hier werden sie deshalb anhand eines grenznahen Atomunfalls geschildert, hauptbeteiligt sind drei Ministerien.

Grafik: AKWs um Österreich

Global 2000

Die Mehrzahl der 13 grenznahen Reaktoren rund um Österreich wird von der Umweltschutzorganisation Global2000 als Hochrisikoreaktor eingestuft. Wie man sieht, befinden sie sich allesamt im Umkreis von 200 Kilometern. Das ECURIE-Warnsystem der EU soll eine schnelle Reaktion bei einem Störfall in einem Atommeiler ermöglichen. Über das USIE-Frühmeldesystem der IAEA kommen auch die Meldungen von Störfällen aus Nicht-EU-Staaten in das ECURIE-System.

Die Internationale Meldekette für atomare Vorfälle

„Cell Broadcast“ ist seit GSM in allen Mobilfunknetzen technisch integriert und funktioniert ohne zusätzliche Software auf alten Handys genauso wie auf einem iPhone für 5G.

Die Warnungen nach einem atomaren Zwischenfall in einem der grenznahen AKWs rund um Österreich kommen aus den beiden Alarmverbünden der EU bzw. der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), die unmittelbar nach der Katastrophe von Tschernobyl eingerichtet wurden. Die dafür abgeschlossenen Verträge verpflichten jedes Land, in dem ein solcher Störfall passiert, zur sofortigen Einmeldung an beide Systeme, egal ob bereits radioaktive Strahlung ausgetreten ist oder nicht. Beim ECURIE-System der EU (European Community Urgent Radiological Information Exchange) geht die Erstmeldung eines Störfalls aus dem Ursprungsland eines radiologischen Notfalls direkt an die ECURIE-Zentralen in Brüssel und in Luxemburg sowie an die permanent besetzten nationalen Kontaktstellen aller ECURIE-Mitgliedsländer.

Im Fall von Österreich nimmt das Einsatz-und Koordinationscenter des Innenministeriums diese Informationen entgegen und alarmiert in Folge das fachlich zuständige Klimaschutzministerium (BMK). Bei einem Störfall in einem Land, das nicht der EU angehört, kommt die Meldung über das USIE (Unified System for Information Exchange in Incidents and Emergencies) der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), die auch für die Verifizierung der Meldung zuständig ist. Das USIE ist über automatische Schnittstellen mit ECURIE verbunden und kann auch für bilateralen Informationsaustausch genutzt werden. Österreich hat zu diesem Zweck zusätzlich auch mehrere bilaterale Informationsabkommen mit Nachbarstaaten abgeschlossen. Die weiteren Meldewege via USIE sind analog zu den ECURIE-Meldungen, über das BMI landet die jeweilige Meldung im Ministerium für Klimaschutz.

Screenshot BMK

BMK

Das BMK hat zusammen mit dem ORF eine ganze Reihe von Vorlagen zur Kommunikation rund um einen solchen Katastrophenfall ausgearbeitet. Da sich bei einem Ernstfall unweigerlich auch Falschmeldungen und Gerüchte wie Lauffeuer über soziale Netzwerke verbreiten, hält das BMK normierte Vorlagen bereit, um solchen Gerüchten so schnell wie möglich entgegenzutreten. Um Tatarenmeldungen zu widerlegen, können zum Beispiel die Werte der grenznahen Messpunkte aus dem Strahlenschutz-Frühwarnsystem des BMK herangezogen werden. Der Screenshot zeigt die Vorlage für eine solche Entgegnung auf Twitter.

Was noch abläuft, bevor die Sirenen heulen

Das IT-Warnsystem MoWas der deutschen Bundesregierung hatte bei der jüngsten Flutkatastrophe völlig versagt, vor allem weil es nie in größerem Stil getestet worden war.

Sobald der Alarm verifiziert ist, geht eine erste Meldung aus dem Klimaschutzministerium an die Austria Presse Agentur und an den ORF, welche Art von Störfall wann und wo eingetreten ist. Anders als ein Blackout, das sich ganz plötzlich einstellen kann, haben atomare Vorfälle ja immer eine gewisse Vorlaufzeit. „Die frühzeitige Alarmierung der zuständigen Behörden ist bei einem Kernkraftwerksunfall besonders wichtig. Dadurch wird wertvolle Zeit für die Vorbereitung von Schutzmaßnahmen gewonnen“, hieß es dazu aus dem Klimaschutzministerium. Die atomare Wolke wurde zum Beispiel erst drei Tage nach der Explosion in Tschernobyl zu einer Bedrohung für die Bevölkerung in Österreich, nachdem der Wind auf Ost gedreht hatte.

Ab dem Zeitpunkt, in dem die ersten Informationen über einen atomaren Störfall an die Medien gelangen, tagt schon das Krisen- und Katastrophenschutzmanagement (SKKM) im Innenministerium, auch das Gesundheitsministerium ist dort vertreten. Und spätestens da kommt alles auf die Medien an. Sobald sich eine radioaktive Wolke Österreich gefährlich nähere, müsse die Bevölkerung in den gefährdeten Regionen gezielt gewarnt werden, sagte Manfred Ditto, Leiter der Abteilung Strahlenschutz, Umwelt und Gesundheit im Sozial- und Gesundheitsministerium zu ORF.at. Sodann müssten Kalium-Jodid-Tabletten breit verteilt werden, deren Einnahme vorab die Einlagerung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse verhindere.

BMK Notfallplan Ausschnitt

BMK

Kommunikation und Koordination sind das Um und Auf bei jedem Katastrophenalarm. Weichen die Medienberichte auch nur ein wenig von den Meldungen der Ministerien ab, werden sich sofort Wichtigmacher finden, die daraus eine Verschwörungstheorie konstruieren. Die von den beteiligten Ministerien im SKKM des Innenministeriums vereinbarten Gegenmaßnahmen müssen daher so schnell transparent und einheitlich wie möglich an die Öffentlichkeit kommuniziert werden.

Was nach der Alarmierung im ORF passiert

Bei den verheerenden Waldbränden in Griechenland gab es kaum Tote, da die Bewohner der gefährdeten Gebiete wie auch die Touristen stets rechtzeitig via Cell-Broadcast gewarnt werden konnten.

Im ORF, dem eine zentrale Rolle in der Krisenkommunikation zukommt, wird direkt nach dem Eintreffen der Warnung aus dem Klimaschutzministerium die Alarmschiene hochgefahren. In Folge werden die vom ORF eingelagerten Jodtabletten im Haus verteilt und elektronische Personendosimeter bzw. Geigerzähler ausgegeben. Zentrale Ansprechstelle für die Behörden ist die rund um die Uhr besetzte Ö3-Redaktion, aber auch Ö1 und alle anderen ORF-Nachrichtenredaktionen in Radio, TV und Internet sind da schon im Alarmmodus.

Wenn dann die Sirenensysteme heulen, sollte die Bevölkerung bereits soweit informiert sein, dass sie die Alarmtöne auch richtig interpretiert. Und genau dafür ist das eingangs erwähnte Cell-Broadcast-System konstruiert, das erst 2022 EU-weit als Standard eingeführt wird, obwohl es in den technischen Spezifikationen aller Mobilfunknetze bereits seit dem Start von GSM vorgesehen ist. Es ist eine nachgerade perfekte Ergänzung des auf Sirenentönen basierenden, einfachen Weck- und Alarmsystems in Österreich, weil es auf 1024 Zeichen Text konkrete Handlungsanweisungen übermitteln kann. Obendrein ist es geografisch sehr genau adressierbar, da die Alarmnachricht nur über ausgewählte Funkmasten an eine akut gefährdete Region übermittelt werden kann.

Sirenensignale

BMI

Diese Grafik des österreichischen Zivilschutzverbands, der zum BMI gehört, zeigt die Abfolge der Signale. Der einminütige auf- und abschwellende Ton mit der Legende „schützende Räumlichkeiten aufsuchen“ ist klar auf einen atomaren Unfall bezogen.

Die Informationskette ist eigentlich ein Netz

Hier wurden nur die zentralen und wichtigsten Abläufe geschildert, denn realiter ist diese Kommunikationskette noch wesentlich komplexer. Die Abläufe sind zum Teil stark ineinander verwoben und verzweigt, es kommen weitere Ministerien ins Spiel wie etwa das Landwirtschaftsministerium, weil der radioaktive Fall-Out nun einmal Landwirtschaft und Viehzucht stark betreffen wird. Genau genommen handelt es sich also nur ganz zu Beginn um eine Informationskette, die sich in Folge zu einem dynamischen Netz entfaltet, in dem die Informationen nicht nur top down, sondern in alle Richtungen fließen und Rückkopplungen produzieren.

Ein so komplexes Reaktionssystem für einen Katastrophenfall kann ohne Trainings der dann Beteiligten unmöglich funktionieren. Dabei kann jeder Ablauftest nur eine Art Schönwetter-Training sein; im Katastrophenfall findet jeder der hier geschilderten Vorgänge unter deutlich erschwerten Bedingungen statt. Und das ist nur einer der Größten Anzunehmenden Unfälle (GAUs), die mit einiger Wahrscheinlichkeit in näherer Zukunft passieren werden. An der Spitze der Wahrscheinlichkeiten steht nämlich ein flächendeckendes Blackout, dessen Folgen gemeinhin völlig unterschätzt werden. Und das wird Thema des nächsten Teils in dieser Katastrophenserie, weil eine neue Ära in der Geschichte unseres Planeten angebrochen ist. Es ist das Zeitalter der Hitze, das neue und bis jetzt noch unbekannte Katastrophen mit sich bringen wird.

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