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Donaufestival

Politik auf dem Dancefloor, Kräutergeist

Zweimal ausverkauft: der Samstag und der Sonntag beim Donaufestival Krems. Krach, Beats, Pop. Zerstörung, Erlösung. Moor Mother, Tommy Genesis, Horse Lords, mehr.

Von Philipp L’heritier

Automusik aus einem musikalisch aufgepimpten Auto, im Autohaus. Das Donaufestival in Krems bespielt 2017 teils neue Orte. Am Samstag beispielsweise für ein einmaliges Konzert das Parkdeck. Das Parkdeck ist kein cooler Club, sondern ein Parkdeck.

Da rauchte es am frühen Abend gehörig, inmitten von blauem Licht stand da schwer sichtbar ein Sportwagen. In den hat der englische Produzent Palmistry seine Elektronik hineingebaut. Dazu gab es bouncenden Kunst-R’n’B, digitalen Sirup und massiv artifizell verpitchte Stimme. Es ist wahr: eine Erfahrung, ein geiler Unfug.

Acts am Donaufestival: Palmistry

David Visnjic

Palmistry im Parkdeck

Refuse, Resist

In weiterer Folge widmete sich das Donaufestival am Samstag dem elektronisch betriebenen Dancefloor, der avancierten Party – und den diskursiven Möglichkeiten ebenda.

Der Popstar des Wochenendes war die junge kanadische Rapperin Tommy Genesis. Der gerechte Hype. Tommy Genesis inszeniert sich hypersexualisiert im überzuckerten Lolita-Schulmädchen-Look, dazu rappt sie von Sex, Empowerment, Aufbegehren.

In musikalischer Hinsicht ist das nur mäßig interessant, in der Live-Darbietung gestaltet sich die Idee Tommy Genesis als hochansteckende Unternehmung: Tommy Genesis steht alleine auf weiter Bühne, die Musik kommt von irgendwo. Es ist egal. Tommy Genesis schüttelt ihr Haar, sie ist eine gute Rapperin. Von der vordersten Bühnenkante ist sie kaum wegzubekommen, sie rappt dem Publikum ins Gesicht oder überlässt ihm schon mal das Mikrofon. Schweiß und Quatsch, Exzess und Energie.

Bands am Donaufestival: Tommy Genesis

David Visnjic

Tommy Genesis

Erleuchtung davor: Die aus Philadelphia stammende Musikerin und Produzentin Moor Mother mischt Rap aus den Ruinen, Lo-Fi-Elektronik, Elemente von windschiefem Jazz, das unangenehme Singen des Theremins, Zischgeräusche und Schrottplatz-Beats zur giftigen Endzeitmusik.

Sie haucht und faucht und schreit und singsangt. Über Rassismus, Sexismus, Untergang und den Widerstand. Ein Auftritt als Pamphlet und Peitschenschlag, Punk, Pop, Politik, man kann auch dazu tanzen.

Acts am Donaufestival: Moor Mother

David Visnjic

Moor Mother

Der Funk blasser Männer

Es muss nicht immer Laptop und ambientöses Surren sein. Es gibt auch Bands, es gibt auch Rockmusik, im weiten Sinne. Es tut dem Donaufestival gut, das war am Sonntag zu sehen. Zum Glück hat es da die bislang wenig bekannte Band Horse Lords nach Krems geschafft.

Das Quartett stammt zwar aus Baltimore, sieht aber nach England aus. Vier blasse Herren von der Anmutung mäßig erfolgreicher Geometrie-Professoren ohne Modewunsch, weißes Hemd, schmaler Gürtel in der Cool-Dad-Hose, Schuhe. Gitarre recht weit oben an die Brust geschnallt.

Die Musik wiederum von Horse Lords klingt vornehmlich nach New York: minimalistisches Gitarrendröhnen im Andenken an No-Wave-Mann Glenn Branca, dann wieder nervöses, zappeliges Artwave-Gedaddel und spröder, verbogener Mutant-Funk im Geiste der Band Liquid Liquid.

Das Ganze wird Richtung Free Jazz und Hypnose spendenden deutschen Krautrock der 70er-Jahre gedreht. Es gibt wahlweise Saxophon oder zwei Schlagzeuger, es gibt Cowbell.

Die Tracks der Horse Lords sind lang, dann wieder sind sie sehr lang. Trance und eingelullt Zucken, große Verzauberung und rhythmische Betäubung. Der Gitarrist hat während des Konzerts einen Zahnstocher im Mund. Diese Band bringt das.

Bands am Donaufestival: Horse Lords

David Visnjic

Horse Lords

Chaos A.D.

Großes Johlen konnte dann auch die britische Gruppe und Truppe Gnod in den kleinen Saal des Festivalgeländes schicken. Auch sie hat eine Vorliebe für deutschen Krautrock, hier deftig auf Lärm, Zerstörung und Revolution gebürstet, politisch hochgeladen, mit einem übel gelaunten Sänger, der gerne schimpft und keift, modelliert nach der Grundstimmung von Mark E. Smith von The Fall und dem Aussehen von Irgendeinem von den Ramones.

„Just Say No To The Psycho Right-Wing Capitalist Fascist Industrial Death Machine” - so heißt das aktuelle Album von Gnod. Hier steht dieser Satz noch einmal: “Just Say No To The Psycho Right-Wing Capitalist Fascist Industrial Death Machine.” Kaputt, hässlich, laut, groß. Absturz, Bestrafung, Reinigung.

Bands am Donaufestival: Gnod

David Visnjic

Gnod

Den Abschluss macht das norwegische Projekt Ulver. Ulver – das heißt „Wölfe“. Die Gruppe hat sich nach Anfängen im traditionsbewussten Black Metal in der gut 30-jährigen Bandgeschichte Richtung Zersetzung, Postrock und, ja, auch hier, frei fließendem Krautrock gearbeitet.

Von Platte zu Platte ändern sich die Vorzeichen: mal mehr Ambient und feinstoffliches Brutzeln, mal mehr Lärm und Hall, mal elektronischer Minimalwave.

Beim Donaufestival präsentierten sich Ulver als standesgemäß nach Postrock-Doktrin aufgestellte Band. Nicht frontal mit klassischem Star-Darsteller organisiert, sondern eher gleichberechtigt kreisförmig, Drummer links vorne, Laptops.

Acts am Donaufestival: Ulver

David Visnjic

Ulver

Musikalisch zwischen Rauschen und Melodie, Drones und Gitarrenwand, zwischen der feisten Mogwai-Dynamik und der Postapokalypse von Godspeed You! Black Emperor. Was zeigten die Visuals im Bühnenhintergrund? Wald, Natur.

Solide, wenn auch ohne große eigene Note, versöhnlich – so kann nach dichten drei Tagen schon ein Sonntag zu Ende gehen. Am Montag kommen das Kreisch-Metal-Duo The Body und die ehrwürdigen Einstürzenden Neubauten. Hoffentlich hat Blixa einen Hut auf. Empathie, Ende neu.

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