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APA/dpa/Stefan Puchner

Was hinter den Blumenvorhängen passiert

Mit gelungen bösen Sätzen wie „Schlagen Sie das Buch nicht gleich zu, sondern lieber ihren Hund oder ihr Kind“ persifliert Petra Piuk das Trivialgenre „Heimatroman“.

Von Lisa Schneider

Ich bekomme einen Schlag auf den Rücken, beginne zu schreien und lerne meine erste Lektion fürs Leben: EINE WATSCHEN IST GESUND. Es freuen sich alle im Kreißsaal, aber nicht, weil ich auf der Welt bin, auf mich hat nämlich keiner gewartet, sondern weil ich das Neujahrsbaby von Österreich bin. Das ist schon etwas, worauf man stolz sein kann, dann steht man nämlich in der Zeitung. Wenn man so wie ich immer MEHR GLÜCK ALS VERSTAND hat, landet man sogar auf der Titelseite – die verschwitzte Mama, der besoffene Papa, das plärrende Kind mit dem Saugglockenschädel: ich, der Toni.

Voilà, das ist Toni, namensgebender Protagonist des zweiten Romans der burgenländischen Autorin Petra Piuk.

Petra Piuk

Detailsinn

Petra Piuk wurde 1975 in Güssing, Burgenland geboren. Ihr Debütroman wurde mit der Buchprämie der Stadt Wien ausgezeichnet.

Ihr Romandebut „Lucy fliegt“ wurde mit der Buchprämie der Stadt Wien ausgezeichnet, es geht um eine junge Frau und ihre schauspielerischen Ambitionen, er spielt in der Stadt. Ihr zweiter Roman landet inmitten von Bergen umgebener ländlicher Idylle. Es ist ein Heimatroman, oder zumindest die Anleitung zu einem, wie es der Titel verrät. Er handelt von der Liebe zwischen Toni und Moni.

Zuerst hätten wir den schon erwähnten Toni, unseren „schönen fremden Mann“, der dann natürlich noch seine Geliebte braucht. Am Ende steht die Heirat, das ist klar, und wird auch schon früh verraten. Dann ist da noch Moni, ganz eine Hübsche. Aber dass Mädchen schön sind, ist eine unnötige Zusatzinformation. Mädchen in Heimatromanen sind nämlich immer schön. Es sei denn, sie haben schon ein Kind zur Welt gebracht, dann sind sie nicht mehr schön, sondern fürsorglich.

Auf zwei Ebenen stellt uns Petra Piuk ihre Charaktere vor. In Form von Fußnoten webt die Autorin fiktive Leserbriefe in den Roman ein, bei denen sie immer wieder verteidigt, wieso welche Dinge im Roman genau so und nicht anders zu geschehen haben.

Kein Heimatroman ohne Heimatidylle

Was ein guter Heimatroman außerdem braucht, ist ein ländlich-malerischer Schauplatz. In diesem Fall ist es Schöngraben an der Rauscher, und wie es sich dort lebt, kann man sich so vorstellen:

Herzlich willkommen. Grüß Gott. Kein Eingang. Eingang um die Ecke. Gerne verwöhnen wir Sie kulinarisch. Montag Ruhetag. Dienstag Ruhetag. Donnerstag Ruhetag. Heute geschlossen. Wir wollen hier nichts kaufen und nichts spenden. Haus zu verkaufen. Lokal zu verkaufen. Echtes Kernöl zu verkaufen. Typisch österreichische Kost. Für den kleinen Hunger. Schweinsbraten. Zigeunerschnitzel. Spinatknödel mit brauner Butter. Nach alten Rezepten. Kundeninformation. Unser Garten ist kein Hundeklo.

Die pure Idylle also, wo die Sodomie vom Bauern um die Ecke unter den Tisch gekehrt und gemeinsam mit den Kindern am Tisch geraucht und Schnaps getrunken wird. Wie schön, und wie schön idyllisch!

Buchcover "Toni und Moni"

Kremayr und Scheriau

„Toni und Moni. Oder: Anleitung zum Heimatroman“ erscheint im Verlag Kremayr & Scheriau.

Wichtig für den Heimatroman ist außerdem die Heimatverbundenheit der Dorfbewohner. In der Stadt, ja, da sammelt sich doch das ganze Ungeziefer. Das gehört eigentlich vernichtet, ein für alle mal. Aber das darf man ja nicht laut sagen, weil dann nennen’s einen gleich wieder Nazi. Die Moni zieht es einmal kurz in die Stadt, aber auch sie wird erkennen, was das eigentlich Wahre im Leben ist. Selbst, nachdem sie ihr erstes Mal dem Toni überlassen hat, mit zugehaltenem Mund auf dem Erdboden eines Ackers. Der Papa hat ihm das nämlich so erklärt, wie man erkennt, dass eine Frau es „eh auch will“:

„1. Wenn der Rock kurz ist.
2. Wenn der Ausschnitt tief ist.
3. Wenn sie betrunken ist.
4. Wenn sie allein unterwegs ist.
5. Wenn sie nicht genügend Abstand hält.
6. Wenn sie nicht die Straßenseite wechselt.
7. Wenn sie einen anlächelt.
8. Wenn sie nicht deutlich genug Nein sagt.
9. Wenn sie deutlich Nein sagt, aber Ja meint.
10. Wenn sie eine Frau ist.“

Weil nicht nur die Moni, sondern alle Frauen sehnen sich natürlich nach einem ganzen Kerl, der „SEINEN MANN STEHT“.

Was hinter den Blumenvorhängen passiert

Petra Piuk veröffentlicht mit „Toni und Moni. Oder: Anleitung zum Heimatroman“ eine explosive Mischung aus überzeichneter Satire und drastischer Kriminalfallaufdeckung.

Das ist oft lustig, manchmal ein bisschen zu gewollt lustig, in Schenkelklopf-Manier. Und ein anderes Mal wieder bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Etwa, wenn eine Form von „Mensch-ärgere-dich-nicht“ mit Flüchtlingsschiffen gespielt wird. Oder, wenn häusliche Gewalt die Regel ist, Alkoholismus die Dorfkrankheit heißt oder die Erniedrigung von Frauen gleich nach dem Tischgebet auf der Speisekarte steht.

Auch, wenn die angesprochenen Themen schwer wiegen, ist „Toni und Moni“ seinem Titel entsprechend ein frisches Buch, ein Kasperltheater, das jeder, der am Land lebt oder schon einmal dort gelebt hat, wird nachvollziehen können. Und auch, wenn von realen Vorfällen inspiriert, ist „Toni und Moni“ eine fiktive Erzählung. Denn, nota bene: Die einzige Quelle, die verlässlich ist, ist die Gebirgsquelle, die der Rauscher entspringt.

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