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Adam Haslett

Beowulf Sheehan

Das Ungeheuer, das in dir fortlebt

In seinem zweiten Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“ erzählt der amerikanische Autor Adam Haslett die Geschichte einer Familie, gebeutelt von den Auswirkungen psychischer Krankheit. Wohlverdient nominiert für unter anderem den Pulitzer Preis und den National Book Award.

Von Lisa Schneider

Was nimmt man für die Liebe auf sich?

Die junge, „pushy“ Amerikanerin Margaret flieht vor den religiösen und gesellschaftlichen Beklemmnissen ihres Elternhauses nach London. Sie trifft John, die beiden verlieben sich. Als sie nach einem kurzen Heimaturlaub zu ihm zurückkehrt, muss sie jedoch erfahren, dass er erneut stationär aufgenommen wurde. Die Manie, im Buch als „das Ungeheuer“ bezeichnet, beutelt ihn stärker als je zuvor. Ein genauer Befund bleibt Margaret verwehrt: „Man könnte sagen, sein Geist schließt sich ab und fällt in eine Art Winterschlaf.“ Trotz unklarer Zukunft beschließt Margaret, mit John zusammenzubleiben.

Fünf Familienmitglieder, fünf Sichtweisen

Der Roman wird mit der kryptischen Botschaft dessen, was passieren wird, eröffnet. Rückblickend wird die Geschichte erzählt - einem Bogen, der zwei Kontinente und ein halbes Jahrhundert umfasst. Kapitelweise wechseln fünf Erzählperspektiven: John und Margaret haben drei Kinder, Michael, Celia und Alec.

Alec ist der jüngste, situationsgemäß der Aufmerksame, Freche, er schlägt eine Karriere als Journalist ein. Celia ist verantwortungsbewusst und vernünftig, arbeitet in San Francisco als Anwältin. Michael, der Älteste, erbt das „Biest“ seines Vaters.

„Das Ungeheuer raubt mir die Worte nicht. Es raubt mir vielleicht das Sprechen, aber nicht die Worte im Kopf, denn die sind meine Helfer. Eine Armee aus winzigen, unsichtbaren Toten, die ihre winzigen, flirrenden Sicheln schwingen und auf das Fleisch des Geistes einhacken.“

Das vererbte Ungeheuer

Es gibt unzählige Studien dazu, wie psychische Erkrankungen genetisch von Generation zu Generation weitergegeben werden können- und auch, wenn bei etwa Schizophrenie oder Bipolarer Störung der Prozentsatz genetischer Vererbung hoch ist, gibt es Ausnahmefälle. Darin liegt, für die „Stellt euch vor, ich bin fort“, ein hoher Spannungsfaktor: das Potential dieses Nichtwissens, der Überraschung macht sich der Roman ohne Grausamkeit zu eigen.

Als die Kinder noch jung sind, keines dem Teenager-Alter entwachsen – die Familie lebt mittlerweile wieder in Amerika – nimmt sich John das Leben. Es sind Sätze im Buch wie diese, die sprachlos machen: „Was ich versuche, ist unmöglich. Mich von ihnen zu verabschieden, ohne zu sagen, dass ich gehe.“

Cover "Stellt euch vor, ich bin fort"

Rowohlt

„Stellt euch vor, ich bin fort“ von Adam Haslett erscheint im Rowohlt Verlag. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren.

Der Roman ist für den Pulitzer Preis, den National Book Award und den National Book Critics Circle Award nominiert.

Der Schatten, der nach dem Suizid über der Familie liegt, sickert leise durch die folgenden Seiten. Es ist aber nicht diese eine Tragödie, die den ganzen erzählerischen Raum für sich beansprucht, vielmehr rückt danach ein Familienmitglied ins Zentrum.

Michael ist ein von Zwängen geplagter, brillianter Geist - und übermäßig sensibler Mensch. Diese Sensibilität steigert sich in allem, was er tut. Seine Beziehungen zu Frauen sind einseitige Okupationsversuche, man kann es nicht anders nennen. Seine Besessenheit – sei es in Bezug auf das andere Geschlecht oder seine fast schon wahnhafte Auseinandersetzung mit der Rassentrennung (sein Fachgebiet an der Universität) – zerstört regelmäßig das, was er sich aufzubauen versucht. Das Leben allein, es gelingt ihm nicht, sein Doktoratsstipendium bricht er schließlich nach langem Ringen ab. Seine fanatisch gelebte Musikleidenschaft rettet ihn, aber nur solange, bis das die Psychopharmaka für ihn übernehmen.

„Was fürchtet man, wenn man alles fürchtet? Dass die Zeit vergeht und nicht vergeht. Den Tod und das Leben. Ich könnte sagen, dass meine Lungen sich nie ausreichend mit Luft füllten, ganz gleich, wie oft ich den Inhalator benutzte. Oder dass meine Gedanken zu schnell waren, als dass ich sie hätte vollenden können, und von einer ständigen Wachsamkeit in Stücke geschnitten wurden. Aber selbst das würde der Lüge Vorschub leisten, auch die schrecklichste Angst sei beschreibbar, während jeder, der sie kennengelernt hat, weiß, dass sie nicht aus Teilen besteht, sondern überall und immer in einem ist, bis man sich nur noch an der Spannung erkennt, die eine Minute mit der nächsten verbindet.“

„Es wird mich jagen, bis ich tot bin“

Während seine Geschwister sich ein stabiles Leben aufbauen – Alec zu seinem eigenen Erstaunen erstmalig in einer längerfristigen Beziehung mit einem anderen Mann, Celia zwar auch nicht ohne innere Kämpfe, aber ebenfalls in einer liebenden Beziehung – bricht seine immer schon bröckelnde Existenz in sich zusammen.

Lange Zeit kann Michael sich nicht an seinen Vater erinnern. Obwohl er der älteste der Geschwister ist, und demnach die meiste Zeit mit ihm verbracht hat, schwinden die Erinnerungen sofort nach dessen Suizid. Die Parallele zwischen der psychischen Krankheit seines Vaters erkennt man als Leser vor Michael selbst. „Psychische Krankheit“ ist übrigens ein Begriff, der im Roman selbst nie vorkommt. Und auch, wenn viel von Debatten mit diversen ÄrztInnen die Rede ist, von mehr oder weniger zuverlässigen Menschen, denen Michael voll Zuversicht übergeben wird, steht nicht die Diagnose seiner Krankheit oder deren genaue Erläuterung im Mittelpunkt.

„Vor ein paar Monaten hat mich ein Nebel umfangen, dichter als je zuvor. Ich schlief in den Armen des Ungeheuers. Ich spürte seinen Atem im Nacken, sein schuppiger Bauch hob und senkte sich in meinem Rücken, aber sein Kopf und sein Gesicht waren wie immer unsichtbar. (...) Es wird mich jagen, bis ich tot bin.“

Durch das Springen zwischen den verschiedenen Perspektiven, in diesem Fall hinein in die von Michael, wird der Geist, der sich von innen selbst zerfrisst, auf eine nicht klinische, sondern sehr intime Art offengelegt.

Die eigene Ideologie, auf andere projiziert

Auf der anderen Seite steht die Frage: Wie hilft man jemandem, ohne ihn zu verstehen? Die Mutter Margaret, aber vor allem Michaels Geschwister Celia und Alec führen ihn durch sein erwachsenes Leben, sie erwarten jeden Tag den einen, diesen letzten Anruf. Die beiden jüngeren Geschwister sprechen sich untereinander ab, es ist keine Verschwörung, es ist die gemeinsame Angst um den Bruder und die Verzweiflung, die Wut und auch manchmal die Genervtheit darüber, verpflichtet zu sein.

„Ich reagierte auch weiterhin auf seine Anrufe. Aber ich wartete ein paar Tage, bevor ich ihn zurückrief. Ich hielt etwas von mir zurück, obwohl ich genau wusste, dass er an einem Tiefpunkt angelangt war. Aber eben das war einer der Gründe: dass seine Situation so extrem war. Wohin würde das führen? Welches Maß an Bedürftigkeit würde er nicht sprengen? Sosehr mich sein Schicksal belastet hatte, war ich doch früher nie auf den Gedanken gekommen, ich könnte nicht dafür verantwortlich sein.“

Autobiographisches Material

Adam Haslett

Beowulf Sheehan

Adam Haslett hat sich schon in früheren Texten mit psychischen Erkrankungen auseinandergesetzt. Noch während er in Yale Jus studiert hat, hat er den Kurzgeschichtenband „You Are Not A Stranger Here“ geschrieben. Zu dieser Zeit wurde unter anderem auch Jonathan Franzen auf ihn aufmerksam.

„Stellt euch vor, ich bin fort“ ist Adam Hasletts zweiter Roman, und sein persönlichstes Buch, wie er in einem Interview mit The Guardian sagt. Sein Vater hat sich das Leben genommen, als er 14 Jahre alt war.

In seinem neuen Roman verknüpft Adam Haslett Teile seiner eigenen Biographie mit fiktiven Ereignissen und neuen Figuren. Es fühlt sich wie eine Art Katharsis an, erzählt er, und sie hat fünf Jahre lang gedauert. Es hat weh getan, aber es hat auch gut getan, diese eigenen Erlebnisse mithilfe von Fiktion zu einer Geschichte zu verweben. Die er selbst „a love story of a family“ nennt.

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