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Oh, wie schön ist Bananama

Die Suche nach dem Guten Leben gerät in Simone Hirths Aussteiger-Roman „Bananama“ zum postkapitalistischen Alptraum für die Protagonistin.

Von Simon Welebil

Unsere Gesellschaft krankt an so vielen Ecken und Enden, dass man gar nicht dazu kommt, sie alle aufzuzählen. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen, pumpen Unmengen CO2 in die Atmosphäre, essen Billigfleisch und tragen Sneakers aus Kinderarbeit. Und egal welche Entscheidung wir an den Wahlurnen treffen, es ändert sich nicht besonders viel daran.

Der konsequenteste Weg, mit all diesen Defiziten umzugehen ist es, aus diesem System auszusteigen und Selbstversorger zu werden. Doch die romantische Vorstellung des ökologisch guten und natürlichen Lebens gelingt nur wenigen wirklich. Die Autorin Simone Hirth, die in Niederösterreich wohnt, hat selber einige Aussteige-Versuche hinter sich: alternative Wohnprojekte in Leipzig, ein Bauwagen ohne Strom und Wasser und auch einige weniger radikale Versuche einer alternativen Lebensführung. Sie ist dabei nur „mäßig glücklich“ geworden, das Aussteigen ist ihr aber als Thema ihres Schreibens geblieben.

Buchcover: "Bananama" von Simone Hirth

Kremayr Scheriau

„Bananama“ von Simone Hirth ist bei Kremayr & Scheriau erschienen.

Bereits in ihrem ersten Roman, „Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft“, hat sich Simone Hirth einer Aussteigerin gewidmet, die planlos versucht hat, am Rand der Stadt zu überleben. Als der Winter kommt, wird sie schließlich vom Sozialnetz aufgefangen. In ihrem zweiten Roman, „Bananama“ hat Simone Hirth nun versucht zu ergründen, wie es ist, wenn man das Aussteigerprojekt extrem angeht, wenn man gar nichts mehr mit der Welt zu tun haben will. Ob das funktionieren kann, auch mit Kind?

Ein Paradies ohne Bananen

In „Bananama“ lässt die Autorin eine Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kind aufs Land ziehen und dort ihr eigenes Reich gründen, in dem sie möglichst autark leben wollen, mit Kräuterspirale, Solarstrom und Gemüsebeet. „Bananama“ nennen sie dieses Reich in dem es allerdings keine Spur von Bananen gibt, wie die Erzählerin, das Volksschulkind Rapunzel, festhält:

„Wir essen niemals Bananen. Vater mag keine Bananen und Mutter sagt: Die brauchen wir nicht. Oder fehlen sie dir?
Ich schüttle den Kopf.
Vater sagt: Du kannst jederzeit Bananen haben, wenn du Bananen willst, mein Kind. Aber du solltest wissen, woher diese Bananen kommen, unter welchen Bedingungen die Leute, die sie anbauen und ernten leben müssen, unter welchen Bedingungen die Bananen dann zu uns gelangen und wer sich an diesen Bananen bereichert.“

Mit ihrer naiv-kindlichen Erzählhaltung, die niemals platt wird, entlarvt Rapunzel immer wieder die absoluten Wahrheiten der Eltern. Die sind nämlich nicht ganz so konsequent in ihrem Aussteigertum. Sie predigen Wasser und trinken Wein. Ins Aussteigertum übersetzt heißt das, dass sie keine Geldsorgen haben und sich aus jedem Problem freikaufen können. Sie konsumieren fleißig übers Internet, während sie reifes Gemüse im Garten verrotten lassen.

Anschauungsmaterial aus der eigenen Geschichte

Simone Hirth hatte für ihre Charaktere einige lebendige Beispiele, wie sie im Interview verrät. Bei ihren eigenen Aussteigeversuchen hat sie viele Leute kennengelernt, die wie sie der Meinung sind, dass vieles in unserer Gesellschaft falsch läuft und etwas verändern wollen. Dabei habe sie aber oft feststellen müssen, dass das gut Gemeinte aber auch ins Gegenteil umschlagen kann und vermeintliche Freiheit und Unabhängigkeit zum totalitären System wird.

Simone Hirth

FM4 / Simon Welebil

Auch die Familie in „Bananama“ radikalisiert sich im Laufe des Romans immer weiter, nimmt die Tochter etwa von der Schule, um sie zu Hause zu unterrichten. Am Lehrplan stehen dann etwa „Biosphärenparks“, „Bienensterben“, „Kapital in Form von Geld“ oder „Ressourcenknappheit“. Während die Eltern ihre Utopie träumen wünscht sich Rapunzel eine Freundin und einen Schokoriegel. Die von den Eltern eingetrichterten Begriffe schreibt sie hingegen auf Zettel und begräbt sie unter dem Walnussbaum.

„Ich beerdige noch einmal das Wort nachhaltig“

Dass Simone Hirth sehr sprachverliebt ist, hat man schon in ihrem Erstling sehen können - ein Überbleibsel vom Gedichte schreiben, wie sie erzählt. In „Bananama“ kommt das ebenso deutlich raus, die Verliebtheit in bestimmte Wörter und Formulierungen, das Spielerische. So wundert es nicht, dass sie Felicitas Hoppe, Günther Eich und Ilse Aichinger als literarische Vorbilder nennt. Mit ihnen teilt sie auch ihre Liebe zum Humor:

„Ich finde, man muss über etwas lachen, damit man es richtig versteht.“

Und lachen muss man schon auf der ersten Seite, wenn Rapunzel ihre Definition des Aussteigers gibt: „Aussteiger sein bedeutet, das einzige Kind zu sein, das an einer Bushaltestelle aus dem Schulbus aussteigt.“

Wobei das Lachen hier immer wieder einen bitteren Beigeschmack hat. Denn die Sympathie der Autorin mit dem Aussteigertum ist enden wollend. „Man kann sich dann doch nicht aus der Welt herausstehlen.“, so Simone Hirth. Mit der Radikalisierung der Familie kommt dann auch eine düster-gruselige Ebene hinzu, die mit dem wunderschönen Satz „Die Haubenlerchen sind vielleicht nur der Anfang“ eingeleitet wird.

Simone Hirth präsentiert „Bananama“ am am 15.3. in der Alten Schmiede in Wien.

Wer „Bananama“ in die Hand kriegt, liest es in einem Zug durch, mit einem dicken Grinsen im Gesicht, einem Knoten im Hals, viel Sympathie für die kleine Erzählerin und die Autorin, denn die hat auch keine absoluten Wahrheiten zu bieten: „Die Frage ‚Wie geht das Gute Leben?‘ kann ich nicht beantworten. Das scheinbar beste Leben fordert allerdings immer die größten Opfer. Allerbestes anzustreben ist daher vielleicht nicht immer ganz gut. Vielleicht sollten wir besser was Einfaches anstreben.“

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