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Goldener und silberner Bär der Berlinale

Dirk Michael Deckbar / Berlinale

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Auf der Berlinale zeigt sich gegenwärtig Vergangenheit

Während die #metoo-Debatte auf der Berlinale weiter nach internationalen Schulterschlüssen schreit, rufen Filmemacher aus Deutschland und Österreich in Welturaufführungen die Geister der Vergangenheit an. Zur rechten Zeit sind ihre Präzisionsarbeiten gegenwärtig und eigenständig.

Von Petra Erdmann

Die Berlinale: Ihr Wettbewerb, der politische Spiegel des aktuellen Weltkinos? Eher ein Schlagwort, das Gähnen unter uns regelmäßigen Berlinale-Beobachtern auslöst. Die Berlinale, so das Mantra, sei das Politischste unter den A-Filmfestivals. Dieses geschürte Klischee beschreibt immer mehr die wachsende Kritik an Festivalleiter Dieter Kosslick.

Kosslick schafft es nicht so sehr wie die prominenten Festivalkollegen in Cannes und Venedig, die internationalen Top-Regisseure im Bären-Rennen anzulocken. Weniger prominente Bären-Anwärter versteckt Kosslick gerne hinter einer medienwirksamen, kleinen Schar von Hollywood-Stars mit Filmen im Gepäck, die mit dem Etikett „Außer Konkurrenz“ oder „Berlinale Specials“ eher in den weniger interessanten Programmecken laufen.

„Transit“

Christian Petzold

Schramm Film / Marco Krüger

Christian Petzold

Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag der Berlinale, „Transit“ von Christian Petzold, der am Samstagabend Premiere gefeiert hat, lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Frei nach dem gleichnamigen Flüchtlingsroman „Transit“ (1944) von Anna Seghers versetzt Petzold seine getriebenen Vertriebenen ins Marseille von heute.

„Ich finde die Rekonstruktion einer Welt, die ich nicht selber kenne, eine Anmaßung. Ich wollte, dass das Erinnerte, dass die Gespenster der Vergangenheit im Heute sind, weil ich sie dann verstehe,“ sagt Petzold darüber in einer Pressekonferenz.

Filmstill aus "Transit"

Schramm Film / Marco Krüger

„Transit“

Die Gespenster der deutschen Vergangenheit jagt Petzold seit seinem RAF-Drama „Die Innere Sicherheit“ (2000). Auch in „Transit“ beharrt er auf diese filmische Eigentlichkeit. Da übernimmt der politische Flüchtling Georg (ein großartiger Berlinale-Shooting-Star Franz Rogowski, der bereits in Michael Hanekes „Happy End“ eine Entdeckung war) die Papiere eines toten jüdischen Schriftstellers. Georg verliebt sich in dessen Frau Marie (Paula Beer), ohne ihr seine angenommene Identität Preis zugeben.

Petzolds klarer und karger Stil ist riskant und dann am wirksamsten, wenn seine politischen Außenseiter hinter den Kulissen in einem antifaschistischen Sammelbecken mit sich selbst am meisten uneins sind. Sie hadern, genauso wir ihr Regisseur, der jedem Heimatbegriff misstraut und für den „Transit“ ein erklärtes Lieblingsbuch der deutschen Auswanderer-Literatur ist: „Geprägt von Schicksalen wie dem von Anna Seghers haben die Gründer der Bundesrepublik einen Asylparagrafen ins Grundgesetz aufgenommen. Der wird heute beschnitten. Und ich finde, dass das nicht geht.“

Filmstill aus "Transit"

Schramm Film / Christian Schulz

Paula Beer und Franz Rogowski in „Transit“

„Waldheims Walzer“

Als „Jüdische Drecksau“ beschimpft ein Mann den anderen 1986 während einer Demonstration gegen den österreichischen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim, auf dem Wiener Stephansplatz ganz offen und lautstark. Die Aktivistin Ruth Beckermann hat diese Szene mit ihrer Kamera selbst festgehalten. Der ältere Mann, der diese antisemitische Attacke zivilisiert wegsteckt, ist der Vater der Filmemacherin. Das hat Beckermann mir gegenüber vor der Berlinale-Premiere ihres Dokumentarfilms „Waldheims Walzer“ erwähnt. Auserzählen wollte sie dieses persönliche Detail im Film nicht.

Filmstill aus "Waldheims Heimat"

Ruth Beckermann Filmproduktion

Viel mehr als um Subjektives geht es der Regisseurin um ein Gesamtbild: eine politische Stimmung(smache) und eine Gegenöffentlichkeit, die Widerstand beigesteuert hat. Im Besonderen analysiert Beckermann eine internationale Aufregung, an der Österreich und die Geschichtsauffassung vieler Politiker nicht mehr vorbei kamen.

Der Fall Waldheim hat die Österreichische Identität erschüttert, geteilt und nachhaltig verändert hat - oder auch nicht, wie Ruth Beckermann im FM4-Interview meint: „Das Interessante ist, dem näher zu kommen, wie Menschen agieren und wie Abläufe sich gestalten, weil diese sich immer wiederholen. Wenn wir den Antisemitismus auf der Straße sehen, oder wie Haltungen verteidigt oder Lügen erzählt werden, denkt man sofort an Politiker und ähnliche Phänomene in der Jetzt-Zeit. Wir spielen in „Waldheims Walzer“ nicht direkt auf die aktuelle Situation an. Ich und Dieter Pichler, der den Film montiert hat, wollten das Allgemeingültige herausarbeiten."

Filmstill aus "Waldheims Heimat"

Ruth Beckermann Filmproduktion

Das Außergewöhnliche an „Waldheims Walzer“ ist, dass der Film ausschließlich aus Archivmaterial von 1986 besteht. Neben Nachrichten des ORFs zeigt der Film eine unbekannte Außensicht auf den Fall Waldheim. Ausschnitte aus amerikanischen, britischen und französischen TV-Sendungen und Aufnahmen des Jüdischen Weltkongresses hat Ruth Beckermann zu einer selbstredenden Erzählung verknüpft.

Der Kompilationsfilm funktioniert mit auch wenig Kommentar. Waldheim knallt unbeherrscht die Faust auf den Tisch, wenn er hartnäckig von Journalisten nach der Wahrheit befragt wird. Er rechtfertigt sich, als Soldat eine ganz „normale Tätigkeit“ ausgeführt und von Partisanenmorden als SA-Mitglied nicht gewusst zu haben. Immer wieder blitzt der eitle Karrierist durch, der sich keiner Schuld bewusst war. In einer mit Muzak unterlegten, flockigen Reportage des französischen Fernsehens triumphiert er, dass er als UNO-Generalsekretär „niemanden mehr über sich" habe.

Filmstill aus "Waldheims Heimat"

Ruth Beckermann Filmproduktion

Scheinbar profane Out-Takes liefern in „Waldheims Walzer“ oft die zentrale Erzähllinie. Am Ende sehen wir den gewählten Bundespräsidenten Waldheim bei den Vorbereitungen zu seiner Fernsehansprache. Ein Assistent entfernt mit einer Kleiderbürste Schmutz vom Anzug des Staatsoberhaupts. Auch eine Reinigungskraft fegt durchs Bild. Vermutlich kehrt sie den letzten Dreck unter den Teppich.

#KlappeAuf von österreichischen Berlinale-Teilnehmerinnen

Am Dienstag wird Ruth Beckermann gemeinsam mit anderen österreichischen Berlinale-Teilnehmerinnen eine Pressekonferenz und Diskussion im Kino abhalten, gemeinsam mit den Regisseuren Wolfgang Fischer („STYX“), Katharina Mückstein, die ihr starkes Coming of Age-Drama „L`ANIMALE“ in der Schiene Panorama Spezial vorstellen wird, und mit Ludwig Wüst, dessen Film „AUFBRUCH“ auf der Berlinale läuft.

Ruth Beckermann

Diagonale / Alexi Pelekanos

Ruth Beckermann

Die Initiative #KlappeAuf, die im Jänner bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises 2018 u.a. von Schauspieler Lukas Miko gegründet wurde, will ihren Aufruf #KlappeAuf auch auf der Berlinale gegen „jegliche Hetze", gegen das „Gift der Spaltung“ und für ein „Mehr an Solidarität“ verstanden wissen. 600 österreichische Filmschaffende haben den Aufruf mittlerweile unterschrieben.

Sie wollen sie sich zu Wort melden, um Österreichische Regierung aufzufordern, „die Zusammenarbeit mit allen Mitgliedern rechtsextremer Organisationen sofort zu beenden.“

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