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Menschen in winterlicher Bekleidung in einer U-Bahn

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mit akzent

Goldenes Wienerherz

Niemand ist vor dem Goldenen Wienerherz sicher, auch nicht kleine Mädchen mit Streberbrillen.

Von Todor Ovtcharov

In der U-Bahn kommt es zu einem Riesenstreit. Eine ältere Dame in einem grauen Mantel mit Knöpfen so groß wie Kaffeetassen schreit ein junges Mädchen an. Das Mädchen hat eine braune Hautfarbe und eine Brille, die üblicherweise Streberinnen in Zeichentrickfilmen tragen. Sie ist klein wie ein Spatz und hat eine blaue Jacke und ein gelbes Kleid an. An ihre Brust drückt sie ein offenes Buch. Die ältere Dame spricht mit dem Ton eines Feldwebels zu ihr. Sie dreht sich zu allen U-Bahn Passagieren und verkündet laut die Sünde des Mädchens: Sie liest ein Buch, das nicht auf Deutsch ist.

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Offensichtlich fühlt sie sich gestört vom Buchtitel, der in einer unbekannten Sprache und einer unbekannten Schrift ist. Die ältere Dame ist sicher, dass man im öffentlichen Raum nur Bücher auf Deutsch lesen darf. Dass verdächtige dunkle Personen in der U-Bahn Bücher in unbekannten Sprachen lesen, ist für sie ein Angriff auf ihre eigene Sicherheit.

Einer der Fahrgäste, ein Mann mit grüner Haube, versucht die Dame zu beruhigen. Sie müsse doch sehen, dass das Mädchen ganz jung sei und ganz ungefährlich aussehe. Die Dame richtet ihre Aggression nun gegen den Mann. Genau dieser faule Liberalismus habe uns hierher geführt, dass wir unser Land mit Migranten gefüllt hätten. Der Mann mit der grünen Haube sei sogar noch schlimmer als das Mädchen mit dem Buch. Er müsse wohl annehmen, dass diese junge Frau sich nur friedlich getarnt habe und ganz andere Ziele in Österreich verfolge.

Vielleicht sei sie da, um jemanden zu heiraten und unsere Nation zu „verunreinigen“, meint der Mann mit der grünen Haube. Die Dame mit dem grauen Mantel versteht seine Unterstellung. Meine er vielleicht, sie sei ein Nazi? Der Mann mit der grünen Haube sagt, dass er das gar nicht sagen wolle. Er habe nur gescherzt.

Sein Rückzug verleiht der Dame neue Kräfte. Sie sagt, dass man mit so was nicht scherzen dürfe. „Worüber?“, fragt der Mann verärgert. „Mit unserer Identität“, sagt die Dame, denn wenn erst unsere Identität weg sei, dann werde wohl alles vorbei sein. Und das Fördern des Terrorismus sei ein Schritt in diese Richtung. Und unser aller Verpflichtung sei es, den Terrorismus zu bekämpfen.

Verärgert, dass sie auf kein Verständnis stößt, steigt die Dame mit dem grauen Mantel bei der nächsten Station aus. Der Mann mit der Haube muss wohl auch bald aussteigen, deshalb fragt er das Mädchen, ob es verstanden habe, worum es gegangen sei. „Natürlich, habe ich verstanden“, antwortet sie in reinem Hochdeutsch. Und warum habe sie nichts gesagt? Es sei unhöflich sich einzumischen, wenn zwei Menschen miteinander streiten. Der Mann will wissen in welcher Sprache das Buch sei, das sie liest. „Auf Marathi“, sagt sie. „Und wie viele Menschen sprechen diese Sprache?“ „Mehr als 80 Millionen“, antwortet sie. Und welches Buch lese sie? „Den Prozess von Franz Kafka.“

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