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Heidi Benneckenstein als Kind

Heidi Benneckenstein

Aufwachsen in einer Neonazi-Familie

Heidi Benneckenstein wächst in einer Neonazi-Familie nahe München auf. Die mittlerweile 25-Jährige hat den schwierigen Ausstieg aus der Szene geschafft. In ihrem Buch „Ein Deutsches Mädchen“ berichtet sie über ihre Kindheit - und den Ausstieg.

Von Lisa Schneider

„Wir saßen am Lagerfeuer, sangen verbotene Lieder, marschierten kilometerweit durch Wälder und sprachen uns mit „Kamerad“ und „Heil Dir“ an. Wir wurden militärisch gedrillt und ideologisch geschult. Campiert wurde auf Zeltplätzen in Wäldern oder an unbesiedelten Küstenstreifen. Abends hörten wir Vorträge über „Rassenkunde“, „die biologischen Grundlagen unserer Weltanschauung“ oder „altgermanische Runenschrift“, schauten den Nazi-Propaganda-Film „Der ewige Jude“ und lauschten den Versen des NS-Dichters Heinrich Anacker (…). Wer genauer hinsah, konnte erkennen, worum es wirklich ging: Wir sollten systematisch zu einer braunen Elite herangezüchtet werden, die am Tag der Machtübernahme das Führungspersonal des Vierten Reiches stellen sollte.“

„Es war mir schnell klar, dass unser Vater anders ist als andere Väter“, erzählt Heidi Benneckenstein im Gespräch, „dass er weniger am Familienleben teilnimmt, und, wenn, nur auf eine negative, bestimmende Art. Und dass wir in einer besonderen Situation sind, die andere Kinder nicht so erleben.“

Zum Nazi erzogen

Heidis Vater ist aktiver Neonazi. Sie ist fünf Jahre alt, als sie das erste Mal gemeinsam mit ihrer Schwester ein Ferienlager der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) schickten, eine mittlerweile verbotene Nachwuchsorganisation. Mit acht Jahren besucht sie erstmals ein ähnliches Camp im Ausland, in Polen. Oder, wie ihr Vater sagen würde, in „Ostpreußen“. Ganz nach Vorbild der Hitlerjugend wurden dort Kinder nach militärischem Drill abgerichtet, stundenlang durch den Wald getrieben, aufs „Überleben vorbereitet“, ideologisch unterwiesen.

Neonazi-Versammlung

Heidi Benneckenstein

Heidi Benneckenstein bei einer Neonazi-Versammlung

„Später einmal“, erzählt Benneckenstein, „hat mir eine ehemalige Schulfreundin erzählt, uns zu besuchen, wäre immer irgendwie unheimlich gewesen.“ Auch Heidi war unangenehm berührt, wenn Besuch sich angekündigt hat: Das Hakenkreuz hing zwar nicht an der Wand, dafür aber lag die „Preußische Allgemeine Zeitung“ am Esstisch. Das Haus ist voll von einschlägiger Literatur, die ihr militant-autoritärer Vater leidenschaftlich gesammelt hat. Literatur, mit der er unter anderem versucht hat, seinen Kindern zu erklären, dass der Holocaust ohnehin nicht bewiesen werden könne. Das zeigt Wirkung – Heidi besucht die KZ-Gedenkstätte Ausschwitz völlig emotionslos.

Heidi Benneckenstein erzählt über den Alltag in einer Nazifamilie, den Ausstieg, das Leben danach. In einer Stunde Homebase Spezial – von Lisa Schneider und Zita Bereuter.
Am Donnerstag, 19.10. von 21:00-22:00 Uhr

Urlaub macht die Familie meistens in Ungarn, an einem nahegelegenen See. Die Ungarn, „das sind nämlich noch richtige Nationalsozialisten“. Die Erziehung des Vaters ist militant und lieblos, ausgerichtet auf Diziplin und Gehorsam. "Meine Schwester kam eines Tages mit dem Thema „Holocaust" nach Hause. Daraufhin hat mein Vater begonnen, Fakten aufzuzählen, wieso der nie hat stattfinden können.“ Gleichzeitig wird den Kindern der Nationalsozialismus nicht erklärt, die Ideologie ist einfach da, in der Familie verankert.

„Diese Unschuld, diese Unbeschwertheit, die Kinder haben, die hatte ich durch sein Verhalten und diese Ideologie nicht. Es ist auf jeden Fall nicht sein Verdienst, dass ich manchmal dann doch normale Erlebnisse hatte." Ein so „normales“ Erlebnis war ein Besuch bei den Großeltern mütterlicherseits, als Heidi einfach neben ihrem Opa auf dem Sofa sitzt. Er lächelt sie an, er ist ein ruhiger, angenehmer Mensch. In diesem scheinbar banalen Moment herrscht Frieden, kein Drill, kein Zwang, kein Hass. Für Heidi ein seltener Zustand.

Kinder beim Neonazi-Volksfest

Heidi Benneckenstein

Ein blondes Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, im Dirndl, mit selbstgestrickten Socken und Weste, vor ihr auf dem Tisch Brezen und Gurken im Glas. So sieht eine typische Fotoaufnahme aus dem Familienarchiv von Heidi Benneckenstein, getauft Heidrun, aus. Das Foto könnte aus den 1930er Jahren stammen, tatsächlich wurde es in den späten 90er Jahren geschossen. Nicht wie andere später über die Musik oder Freunde in die rechte Szene hineinwachsen, wird Heidi von Anfang an gezwungen, dabeizusein. „Der Einstieg ist sehr leicht, weil viele Eltern, wenn sie das mitbekommen, sofort reagieren - und die Jugendlichen sofort kapieren: damit kann ich anecken. Die Eltern sind entsetzt, die Lehrer sind entsetzt. Am Anfang ist auf jeden Fall der Gruppenzwang stärker als die Ideologie. Die kann, muss sich aber auch gar nicht entwickeln.“

Vom unschuldigen Kind zum rechtsradikalen Teenager

Mit 15 Jahren tritt Heidi, die mittlerweile vom schüchternen Mädchen zum aufmüpfigen Teenager geworden ist, dem NPD-Jugendverband bei. Nüchtern schildert sie das erste Treffen, auf dem sie sich einfindet, „wo so wenig los war, dass der Wirt froh war, überhaupt ein paar Nazis bedienen zu dürfen“. Mehr noch als ihren Frust bekämpft Heidi ihre Langeweile beim nächtelangen Herumlungern mit Freunden, dem Singen verbotener Lieder und ewig vollen Bierdosen – oft aber auch bei einmal mehr, einmal weniger ausfälligen Pöbeleien gegen Andersdenke, vor allem Linke, auf öffentlichen Veranstaltungen.

Das Ganze kulminiert bei einer Beerdigung, als sie mit anderen Neonazis einen Antifa-Fotografen krankenhausreif prügelt. Fremdenhass aber, so Benneckenstein, hielt sie damals schon für übertrieben propagiert. Städtisch aufgewachsen im Münchner Speckgürtel hat sie dunkelhäutige Menschen – nicht als fremd eingeschätzt, sondern als zugehörig zum Alltag. Anders sei das etwa bei „den Skinheads aus Sachsen“, denen in ländlicheren Regionen diese Bezugspunkte von Anfang an fehlen.

Ein Dorffest unter Rechtsextremen

Heidi Benneckenstein

Ein nationalsozialistisches Volksfest - alle Gäste in volkstümlicher Tracht.

Ein Szene-Pärchen

Heidi lernt vor ein paar Jahren Felix „Flex“ Benneckenstein kennen, einen deutschen Liedermacher, dem die umgekehrte Geschichte passiert ist: Er stammt aus einer offenen und liberalen Familie. Punk zu sein war nicht rebellisch genug für ihn: Um Aufmerksamkeit zu erregen, musste die Gesinnung schon eine radikalere sein – also schließt er sich den Neonazis an.

Der lange Kampf um den Ausstieg

Als die beiden als Paar beschließen, auszusteigen, beginnt ein langwieriger Kampf. Es ist kein Umdrehen und das Licht Ausschalten, vielmehr ein mühsamer, jahrelanger Prozess, voll von der Angst nicht nur vor physischer Gewalt. Heidi wird mit 17 schwanger und sie erkennt, dass sie nicht will, dass es in diesem Milieu aufwächst. Sie wird das Kind verlieren, doch, der Entschluss bleibt. „Es klingt traurig, dass ich es nicht für mich selbst getan habe, aber ich habe genau diesen Anstoß, die Schwangerschaft gebraucht.“ Außerdem, das kam ihr in diesem Fall sogar zu Gute, werden Frauen in der Neonaziszene nie so ernst genommen wie Männer.

Felix feierte zu diesem Zeitpunk große Erfolge mit seinem braunen Liedgut, und das Geld brauchen die beiden, immerhin haben sie sonst nichts, keine abgeschlossene Ausbildung, keinen Job.

Sich loszureißen bedeutet nicht nur, die Entscheidung zu treffen, sich von den Menschen und der Ideologie abzuwenden. Es ist ein fein gesponnenes, braunes Netz, das die beiden umgibt und sie nicht loslassen will: brauchst du einen Rechtsbeistand, dir wird geholfen, brauchst du eine Wohnung, sie wird dir besorgt. Es galt nicht nur, sich von „Kameraden“ in menschlicher Hinsicht loszusagen, sondern auch der Hilfe und der Sicherheit des gesamten Systems.

Heidi Benneckenstein liest am 10. 11. um 14.00 und 19.00 Uhr auf der Buch Wien aus ihrem Buch.

„Deshalb ist der Ausstieg ja so schwer. Weil man monate- oder jahrelang auf sich gestellt ist. Weil von einem Tag auf den anderen die Identität zusammenkracht, alles, was man sich über die Jahre aufgebaut hat: Freunde, Bekannte, Rituale, Treffpunkte, Gewohnheiten. Wer Teile seiner Biographie löschen möchte, muss noch mal ganz von vorne anfangen. Wer Jahre unter Nazis verbracht hat, kennt irgendwann nur noch Nazis und greift automatisch auf das rechte Netzwerk zurück (…). Weigert man sich, die Hilfe anzunehmen, drängen sie sich auf, es ist ein Teufelskreis, aus dem man kaum entkommen kann.“

Das verstrickte Netz der Neonazis in Deutschland

Heidi Benneckenstein hat zu keinem ihrer alten „Kameraden“ mehr Kontakt. Das sei „so auch nicht möglich“, man könne nicht „freundschaftliche Kontakte mit jemandem pflegen, der einen als Verräter ansieht, und auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt.“ erzählt sie. Sie weiß, dass viele nur zu feig oder zu faul für einen Ausstieg sind. Oder aber, dass sie einfach Angst davor haben, die Sicherheit zurückzulassen: „Manchmal möchte ich ihnen einfach sagen, schau, es geht. Es ist möglich.“

Cover "Ein Deutsches Mädchen"

Tropen

„Ein Deutsches Mädchen“ von Heidi Benneckenstein erscheint im Tropen Verlag (Klett-Cotta).

Die Veröffentlichung von Heidi Benneckensteins Buch „Ein Deutsches Mädchen“ muss natürlich auch im Licht des gesamteuropäischen Rechtsrucks gelesen werden: auch in Deutschland hat die rechtspopulistische AfD mit 12,6 Prozent bei der letzten Bundestagswahl die drittstärkste Partei gestellt. „Es ist aber nicht so, dass viele der radikal-völkischen Szene jetzt in der AfD sitzen, auch, wenn es Überschneidungen gibt. Die Leute aus der HDJ findet man eher bei den Identitären wieder." Es sind vor allem junge Frauen, die dieses Leben führen, als bürgerliche Hausfrau, die heute entweder selber noch ein bisschen aktiv sind, oder Männer geheiratet haben, die sich in der identitären Szene bewegen.“ – gerade in Österreich sehe sie da Leute aus ihrer Neonazivergangenheit. „Sie versuchen schon irgendwie einen Hehl daraus zu machen, aber es ist trotzdem offensichtlich, was sie tun und wofür sie stehen. Ich halte sie für sehr gefährlich.“

„Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben“

Heidi und Felix Benneckenstein haben es nach langen Jahren geschafft. Sie hat eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert, gemeinsam gründeten sie 2012 die „Aussteigerhilfe Bayern“ in Kooperation mit der Aussteigerorganisation „Exit“. Felix arbeitet nach wie vor hauptberuflich in diesem Bereich.

„Ich bin erleichtert, dass es da ist“, sagt sie über ihr Buch, auch, wenn der Presse- und Medienrummel ihr ab und zu zu viel wird. Sie wünscht sich ein normales, nicht bedrohtes Familienleben, sie wünscht sich Ruhe und die Freiheit zurück, zu jeder Tages- und Nachtzeit überall hingehen zu können.

„Für mich ist das alles wie ein Abschluss. Mit diesem Buch ist die Öffentlichkeitsabeit für mich beendet, irgendwann muss Schluss sein. Ich finde es noch einmal wichtig, dass das Thema jetzt noch einmal hochkommt, und man sich nach der Wahl intensiv mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzt - aber ich finde es auch gut, zu wissen, dass es irgendwann ein Ende hat. Es ist anstrengend, es immer wieder zu erzählen, weil es etwas so Privates ist, es ist der schlimmste Teil meines Lebens gewesen. Und wird es wahrscheinlich auch immer sein.“

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