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Das Tagebuch der Anne Frank als Comic

S. Fischer Verlag GmbH

Anne Frank als Graphic Diary

Die beiden israelischen Trickfilmstars Ari Folman und David Polonsky haben eine kecke, selbstbewusste Anne Frank gezeichnet.

Von Anna Katharina Laggner

„No greater suspense story has ever been told“, steht in geschwungener Schrift im Trailer zur ersten Anne Frank Verfilmung aus dem Jahr 1959. Ihre aufregende erste Liebe, den spannenden ersten Kuss, das Geheimnis ihres Lächelns bewirbt man da. Ohne Frage ein Zeitdokument: allerdings eher für den Film in den späten 1950er Jahren als für den Holocaust.

Titelseite der graphischen Biographie der Anne Frank

Carlsen Verlag

Die erste graphische Umsetzung des Lebens der Anne Frank (bzw. dem, was man sich darunter vorstellt) ist 2010 erschienen, sie hieß „Das Leben der Anne Frank“ und war eine „graphische Biographie“. Die beiden US-amerikanischen Comiczeichner Sid Jacobson und Ernie Colón (die auch eine Che Guevara Biographie sowie den Bericht über den Einsatz von Folter durch die CIA graphisch umgesetzt haben) haben eine liebliche Anne Frank erschaffen, eine Zeichenfigur, bei der man nie vergisst, wie ihr Schicksal endet.

Dieser zwei Absätze lange Umweg ist der Untermauerung folgenden Gedankens geschuldet: es gibt die eine Anne Frank nicht. Anne Frank ist eine für Hörspiel, Theater, Film, Oper, Graphic Novel adaptierte Figur, je nach Kultur, Zeit, persönlicher Geschichte derer, die Anne Frank bearbeiten, unterschiedlich.
Sie ist mittlerweile eine populärkulturelle Ikone, ein Symbol für Millionen umgebrachter Kinder. Dank der Überlieferung ihres Tagebuchs ist ihr persönliches Schicksal fassbar. Aber das Schicksal der Millionen bleibt dennoch unbegreiflich.

Übrigens gibt es nicht viele Fotographien von Anne Frank und eigentlich nur eine Bekannte, nämlich jene, auf der sie an einem Schreibtisch sitzt, die Arme zwischen sich und ein Heft gelegt und nach oben in die Kamera lächelt. Vielleicht hatte sie just an diesem Tag und nur an diesem Tag, als das Foto entstand, eine Spange seitlich rechts in den Haaren.

Aber nun endlich zu Folman und Polonsky.

Cover graphic diary Das TAgebuch der Anne Frank

S. Fischer Verlag GmbH

Große Bedenken

Als der Anne Frank Fonds in Basel Ari Folman vor fünf Jahren den Vorschlag machte, „Das Tagebuch der Anne Frank“ als Animationsfilm und Graphic Diary umzusetzen, hatte er, wie er im Nachwort schreibt, „große Bedenken“ aus den Originaltexten auszuwählen, den Originaltext zu verdichten, aus ihm Dialoge abzuleiten, kurz gefasst: zu interpretieren und zu erfinden. Aus dem nun vorliegenden Ergebnis zu schließen, nutzte er die Überwindung der großen Bedenken schließlich dafür, ausgesprochen beherzt ans Werk zu gehen.

Aus dreißig Seiten des Originaltextes sollten in der graphischen Version zehn Seiten werden, sämtliche Dialoge sind klarerweise frei erfunden, sich wiederholende Einträge zur einseitigen und reduzierten Diät im Hinterhaus oder zu Vergleichen mit ihrer älteren Schwester Margot sind auf eine Seite zusammengefasst und die für Folman und Polonsky inhaltlich oder poetisch besonders wertvollen Tagebucheinträge sind ganzseitig abgedruckt und kaum bebildert.

Viel Interessantes

Im Mai 1944 schreibt Anne Frank, sie sei oft niedergeschlagen gewesen, aber nie verzweifelt. „Ich betrachte dieses Verstecken als ein gefährliches Abenteuer, das romantisch und interessant ist.“ Sie führt weiters aus, dass sie vorhabe, später ein anderes Leben zu führen als normale Hausfrauen, so wie sie ja bereits als Mädchen ein anderes Leben führe. Anne Frank hatte vor, Journalistin und Schriftstellerin zu werden und für die künftigen Abenteuer schien ihr das Versteck im Hinterhaus als „passender Anfang mit viel Interessantem“.

Diesem Eintrag ist eine ganze Seite des Comics gewidmet. Man sieht darunter eine erwachsene Anne Frank – vor sich eine Schreibmaschine und eine Tasse schwarzen Kaffee am dunklen Holztisch, sie hält eine Hornbrille in der Hand, ernst und keck zugleich schaut sie einem direkt in die Augen. Eine Intellektuelle mit Humor – so stellen sich Ari Folman und David Polonsky die Erwachsene vor.

„Das Tagebuch der Anne Frank“ in der Umsetzung von Ari Folman und David Polonsky ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Schon die jugendliche Anne Frank ist bei ihnen äusserst selbstbewusst. In ihren Zeichnungen setzen sie den Galgenhumor um, ihren frechen Witz und ihre bissigen Kommentare in Bezug auf die anderen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, die Phasen der Verzweiflung werden zu traumartigen Bildern, die Gefühlsturbulenzen der Pubertierenden sind realistisch dargestellt.

Einzelseite aus dem Graphic Diary Anne Frank

S. Fischer Verlag GmbH

Ari Folman und David Polonsky begegnen dieser Anne Frank auf Augenhöhe, nicht als Märtyrerin, nicht als dem bekanntesten Opfer des Holocaust, sondern als Mädchen, das aufgrund seiner Jugend nicht den geringsten Zweifel an seiner Zukunft hegt. So ist es noch ein bisschen schwerer, den letzten Eintrag am 1. August 1944 als das Ende zu akzeptieren.

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