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Demonstration gegen Antisemitismus in der Labour-Partei

APA/AFP/Tolga AKMEN

ROBERT ROTIFER

Rote Rüben

Ein Versuch, die heiße Kartoffel des Antisemitismus in Jeremy Corbyns Labour Party zu packen. Via Edward I, Churchill, Boris Johnson und Viktor Orban.

Von Robert Rotifer

Nie hab ich einen Text länger vor mir hergeschoben als diesen hier.
Die Anlässe, ihn anzugehen, kamen ebenso regelmäßig, wie dann immer wieder was dazwischen kam bzw. schon wieder was dran komplizierter wurde (oder war ich nur zu feig oder zu faul oder beides?), und jetzt muss er schnell raus, bevor die da den Dritten Weltkrieg anfangen (Ironie-Emoji dazudenken, bitte).

Also: Die neu entflammte Debatte über Antisemitismus in Jeremy Corbyns Labour Party und ihre Nachbeben und historischen Hintergründe dürfen in diesem Blog nicht unerwähnt bleiben. Ich warne schon, es wird komplex, aber wie gesagt, da müssen wir durch.

Manche werden den kuriosen Höhepunkt der Geschichte vor einer Woche mitbekommen haben: Der Chef der Labour Party (Jeremy Corbyn) besucht zu Pessach den Sederabend einer linken jüdischen Gruppe namens Jewdas und wird darob als „verantwortungslos und gefährlich" bezeichnet. Corbyn necke damit wissentlich den „Mainstream der jüdischen Community“, tweetete der übrigens nichtjüdische Labour-Abgeordnete John Woodcock.

Worauf sein jüdischer Parteigenosse Jon Lansman konterte: „Es ist bitter zuzusehen, wie nichtjüdische Labour-Parlamentarier sich einmengen und entscheiden, wer ein guter Jude ist und wer nicht. Das ist nicht, wie man den Antisemitismus löst. So erreichen wir nicht, dass die jüdische Gemeinschaft sich in unserer Partei willkommen fühlt.“

Um die Verwirrung perfekt zu machen: Lansman ist seinerseits Chef genau jener linken Tendenz in der Labour Party (Momentum), die von Woodcock und anderen aus dem sogenannt „zentristischen“ Flügel derselben Labour Party der Duldung und Verharmlosung des Antisemitismus beschuldigt wird.

Soweit der von außen wohl kaum mehr nachvollziehbare Status Quo im Leben einer wieder einmal in Selbstzerfleischung begriffenen britischen Opposition (nachzulesen in Schlagabtauschform in diesem Politik-Tagebuch des Guardian vom 3. April). Der Weg zu dieser absurden Situation lässt sich - gerade noch - entwirren, und man kann einiges dabei lernen.

Protest am Parliament Square

Vermutlich hat sich das ja auch nach Österreich herumgesprochen, vor circa zwei Wochen fand in London am Parliament Square eine vom Board of Deputies of British Jews, dem Jewish Leadership Council und einigen Labour-Abgeordneten unterstützte Demo gegen Antisemitismus in der Labour Party statt. Manche derer, die bei dieser Kundgebung sprachen, wie zum Beispiel die Parlamentariern Luciana Berger, sind seit Jahren die Zielscheibe antisemitischer Angriffe, insbesondere in sozialen Medien. Und selbst wenn diese von allen politischen Seiten kommen, sind sie im Falle der eigenen Seite logischerweise noch verletzender.

So wie der Protest gegen Antisemitismus in der Labour Party in den Medien dargestellt wurde, wirkte er allerdings frustrierend abstrakt. Corbyn, hieß es da immer wieder, solle was gegen Antisemitismus tun, aber ohne sichtbare konkrete Evidenz des Problems. Stattdessen zeigte man Bilder von Leuten, die „Shame!“ rufen und sehr allgemeine Plakate mit Slogans wie „Dayenu – Enough is enough“ in die Luft reckten.

Prompt verbreitete sich unter Corbynistas die Auslegung, bei dieser Demonstration handle sich bloß um einen weiteren plumpen Versuch des Establishments, wieder einmal ihre vom Medienmainstream ständig attackierte Lichtgestalt zu beschädigen. Schließlich war Corbyn erst einen Monat davor von denselben Medien zu Unrecht als Sowjetspion verleumdet worden.

Hatten wir es also wieder mit einem konzertierten Komplott gegen die Labour-Linke zu tun? Und wenn diese mutmaßliche Schmierenkampagne von der Corbyn-feindlichen Presse und der blairistischen Fraktion in Labour ausging, waren all die demonstrierenden Jüdinnen und Juden dann bloß deren williges Werkzeug? Wie weit ist es von diesem Gedanken bis zur antisemitischen These, es handle sich um eine jüdische Verschwörung? Und andersherum gefragt: Wie weit ist es von der berechtigten Sorge um die Provokation eines solchen Backlash bis zum Ruf nach der (Selbst-)Zensur eines legitimen Protests?

Der verfolgte Mauermaler

Jenseits der Allgemeinplätze kristallisierte sich in der Berichterstattung ein Fall heraus, der direkt auf Corbyn persönlich zurückwies: Das Auftauchen eines Kommentars, den er im Jahr 2012 unter dem Facebook-Post eines Graffiti-“Künstlers“ namens Mear One hinterlassen hatte. Der Mauerbemaler hatte sich darin über die Entfernung einer seiner Wandmalereien beschwert. Corbyn tröstete ihn, er befände sich damit in guter Gesellschaft, habe doch „Rockerfeller“ auch einst eine Wandmalerei von „Diego Viera“ zerstören lassen. Er meinte damit John D. Rockefeller Jr. bzw. Diego Riveras 1932 im Rockefeller Center in New York aufgebrachte, wegen einer von den Auftraggebern unerwünschten Abbildung Lenins zerstörte Wandmalerei. Die Tatsache, dass Corbyn sich bei den Namen vertat, zeigt, dass er sich beim Verfassen seines Kommentars nicht viel Zeit nahm. Das reicht allerdings nicht wirklich als Entschuldigung, auch wenn man nur einen schnellen Blick auf das dem FB-Post beigefügte Bild wirft: Da sitzen ein paar alte Männer rund um ein Monopoly-Brett, ein paar davon sehen aus wie die klassische Stürmer-Karikatur des reichen Juden, unter dem Spielbrett kauern die nackten und dunkelhäutigen Figuren der Unterdrückten, über ihnen schwebt das alles sehende Freimaurer-/Illuminaten-Pyramidenauge, beliebt bei Antisemit_innen als Symbol der jüdischen Weltverschwörung. Okay, letzteres muss nicht jede_r wissen, wie ich in einer unrepräsentativen schnellen Privatumfrage feststellen konnte, aber von jemand in Corbyns Position und mit seiner Vorgeschichte als politischer Mensch sollte man sich erwarten, dass da was klingelt.

Müßig das zu bestreiten, schließlich sagte Corbyn selbst am 21. März: „Ich bedauere aufrichtig, dass ich das Bild, das ich kommentiert habe und dessen Inhalte zutiefst verstörend und antisemitisch sind, nicht genauer angesehen habe. Die Verteidigung der Redefreiheit kann nicht als Rechtfertigung für die Förderung des Antisemitismus in irgendeiner Form verwendet werden. Das ist eine Ansicht, die ich immer vertreten habe.” Trotz dieser verbalen Distanzierung wurde dem Labour-Chef immer noch vorgehalten, „keine Taten“ gegen den angeblich wachsenden Antisemitismus in seiner Partei zu setzen.

Das zu verstehen verlangt wiederum die Vorgeschichte zur Vorgeschichte, und zwar aus dem Frühling 2016, als die Parlamentsabgeordnete Naz Shah und der Londoner Ex-Bürgermeister Ken Livingstone sich in antisemitischen Ausritten ergingen. Shah hatte, ebenfalls auf FB, eine Verlegung Israels in die USA als „Problemlösung“ angeboten. Livingstone verteidigte sie in einem Interview mit der Verschwörungstheorie, Hitler sei ein Zionist gewesen. Ich schrieb damals einen Blog darüber mit folgenden Schlusssätzen: „Zumindest innerhalb der Labour Party haben die Fälle Shah und Livingstone (sowie jener der Ex-Kandidatin Vicky Kirby, die sich auf Twitter über die ‚großen Nasen‘ von Juden mokierte) im Verlauf des heutigen Tages zu ein paar schwer überfälligen, leidenschaftlichen Grundsatzerklärungen gegen Antisemitismus geführt.
Mehr als ein - möglicher - Anfang ist das allerdings noch nicht.”

Was auf jenen Anfang folgte, war ein Report zum Thema Antisemitismus in der Labour Party, erstellt von Shami Chakrabarti. Dessen Erkenntnisse sowie die Kritik dazu sind in der betreffenden Wikipedia-Seite ziemlich ausgewogen dargestellt, man sollte allerdings hinzufügen:

Der darin zitierte Vorwurf, Chakrabarti sei damals von Jeremy Corbyn ins House of Lords befördert worden, weil sie für ihn seine Partei weißgewaschen habe, ist reichlich absurd. War sie als Leiterin der britischen Bürgerrechtsorganisation Liberty doch über lange Jahre, vom Irak-Krieg bis zum Ende der Ära Cameron, die einflussreichste öffentliche Stimme für die vom rechten Boulevard attackierten Menschenrechte, ihre Berufung ins House of Lords somit eine der verdientesten je gewesen. Nicht viel weniger absurd allerdings, dass Corbyn nicht auf die Idee kam, einen Juden bzw. einen Jüdin mit diesem Report zu beauftragen. Dachte er etwa, es wäre „neutraler“ so?

In jedem Fall fiel die Veröffentlichung des Reports dann in die Woche nach dem Brexit-Referendum, als die Parlamentsfraktion gegen Corbyn revoltierte. Den darauf folgenden Machtkampf um die Labour-Führung sollte er für sich entscheiden, aber alles andere war erst einmal vergessen. Ken Livingstone wurde nie aus der Partei ausgeschlossen, sondern bloß suspendiert, Shah wiederum nach einer ausgiebigen Entschuldigung wieder in die Parlamentsfraktion aufgenommen. Die Empfehlungen des Chakrabarti-Reports blieben indes unerfüllt.

Soweit also zu den fehlenden Taten. Ein Vorwurf, mit dem übrigens auch der eingangs erwähnte Corbyn-Verbündete und Momentum-Chef Jon Lansman übereinstimmte: Die Labour Party brauche ein “weitreichendes Ausbildungsprogramm zum Thema Antisemitismus", sagte er, "Wir haben alle die Tragweite des Problems begriffen. Ich denke, wir sind alle der Leute müde, die behaupten, das sei nur eine Hetzkampagne. Das ist es nicht.”

Antirassistischer Antisemitismus?

Fragt sich, wo dieser Antisemitismus ausgerechnet in einer Partei mit einer antirassistischen Tradition wie jener der Labour Party eigentlich herkommt? Im Großbritannien des Jahres 2018 fällt die Antwort darauf vielschichtig aus.

1) Ganz wichtig ist zunächst einmal die Anerkennung des britischen Judenhasses per se: Es fällt mir schwer, jenen Labour-verbundenen britischen FB- oder Twitter-Freund_innen zu glauben, die behaupten, sie hätten in ihrer Partei noch nie Antisemitismus erlebt. Das würde bedeuten, dass ihre Partei eine wundersam reine, von allen kulturellen Prägungen unbelastete Spezies von Ausnahmebriten darstellt. Der Antisemitismus hat in Großbritannien nämlich genauso tiefe Wurzeln wie überall sonst in Europa.
1290 ließ King Edward 1. die Juden per Edikt aus England vertreiben, erst im 17. Jahrhundert durften sie sich unter Oliver Cromwell wieder dort sesshaft machen.

Die Tatsache, dass es im modernen Großbritannien im Unterschied zu Nazi-Deutschland und den von ihm besetzten Ländern (aber auch in anderer Form in Italien oder Stalins Sowjetunion) in moderner Zeit keine organisierte Judenverfolgung gab, wird gern so interpretiert, als gäbe es hier keinen „ernsthaften“ Antisemitismus. Das ist nicht nur ein Irrtum, sondern macht die Briten in dieser Hinsicht auch tendenziell sehr unselbstkritisch. Auch Jeremy Corbyn scheint etwa zu glauben, die von ihm gern ins Treffen geführte Teilnahme seiner Eltern an der Battle of Cable Street, bei der die Londoner Proletarier die Schwarzhemden des Faschisten Oswald Mosley erfolgreich aus dem East End vertrieben, mache ihn per se immun gegen jeden Antisemitismus.

Dem ist natürlich nicht so. Aber es ist trotzdem wert sich zu erinnern, dass es die Arbeiterbewegung war, die damals den aktiven Widerstand gegen das Aufkommen des Faschismus in Großbritannien leistete, während weite Teile der feinen Gesellschaft, bis hin zum Königshaus, es durchaus für schick hielten, mit Herrn Hitler zu flirten.

2) Was Großbritannien im Allgemeinen ebenfalls unkritisch, die britische Linke dagegen umso kritischer sieht, ist die Geschichte des Empire und der brutalen Unterdrückung und Ausbeutung seiner Kolonien.

In diesem Zusammenhang wird etwa auch die Balfour Declaration, in der die Briten den Juden Europas 1917 eine „nationale Heimat“ in Palästina zusprachen, als ein Akt kolonialer Willkür betrachtet. Schließlich wurde dieser Beschluss über die Köpfe einer unter britischem Mandat stehenden palästinensischen Gesellschaft hinweg gefasst. Und deshalb ging Jeremy Corbyn auch letzten Oktober nicht zum Gala-Dinner zur Feier des 100. Jubiläums der Deklaration in London, siehe dazu auch Michael Segalovs Kommentar im Independent, der so nie in einem deutschsprachigen Mainstream-Medium erscheinen würde: „Es ist nicht antisemitisch von Jeremy Corbyn, nicht die Hundertjahrfeier der Balfour Declaration zu begehen - es ist vernünftig“, schrieb Segalov, „Ohne Zweifel wird dieses Festdiner Schauplatz nostalgischer Zelebrierungen des Imperialismus sein, die die Rolle Britanniens in einem internationalen Konflikt ignorieren, der so viele Leben gekostet hat.“

Der historische Kontext ist im postimperialen britischen Fall tatsächlich ein vollkommen anderer als der in Deutschland oder Österreich, und somit steht dort auch nicht der Nazismus, sondern das im Namen des British Empire begangene Unrecht im Zentrum der Vergangenheitsbewältigung.
Das entschuldigt freilich noch lange nicht, dass Teile der britischen Linken tatsächlich gern unter anti-imperialistischem Denkmantel ihren tief verwurzelten Antisemitismus (siehe Punkt 1) auf Israel projizieren. Die von Jeremy Corbyn positiv kommentierte Wandmalerei ist ein geradezu klassisches Beispiel einer „linken“ Verbindung von Antisemitismus und Antirassismus: Mit dem Stereotyp der reichen Juden in der Rolle der alten weißen Männer, die eine dunkelhäutige Bevölkerung unterdrücken. Ein Phänomen, dessen diametrale Umkehrung bei der Rechten – mit Israel in der Rolle als weißes Bollwerk gegen die unzivilisierten Araber – übrigens ebenfalls zu beobachten ist.

Daher ist es sowohl ein linker Irrtum zu glauben, ein Bekenntnis zum Antirassismus schließe den Antisemitismus aus, als auch ein rechter Irrtum, so zu tun, als gelte die Unterstützung von Israel automatisch als Befreiung vom Vorwurf des Antisemitismus.

3) Hochproblematisch wird die antiimperialistische Haltung der britischen Linken dort, wo Kritik an der Siedlungs- oder Besetzungspolitik einer rechten israelischen Regierung sich als „Anti-Israel“ (im Unterschied etwa zu Kritik an der israelischen Regierung) manifestiert und Jüd_innen schon einmal salopp abschätzig „Zio“ genannt werden. Die Herkunft dieser Spielart des „linken“ Antisemitismus hat teils auch andere als die oben beschriebenen, britisch-christlichen Wurzeln. Unbestreitbar hat Labour als natürliche politische Heimat der Einwanderer-Communities zum Teil auch den Antisemitismus moslemischer Länder mitimportiert, siehe das Beispiel der erwähnten Naz Shah.

Churchill und die „mythische und mysteriöse Rasse“

Immer wieder erzählen Jüd_innen in der Labour Party, dass ihre Genoss_innen von ihnen im Speziellen ein Bekenntnis zur Israel-Kritik zu erwarten scheinen.
Dieses typische Verhaltensmuster, nachdem ein Jude sich erst als ein „guter“ Jude beweisen muss, ist allerdings keineswegs auf die Linke beschränkt. Ganz im Gegenteil.

Wer im Vergleich dazu das Verhältnis der britischen Konservativen zu den Juden erkunden will, kann sich als Grundsatztext einen Artikel aus dem Illustrated Sunday Herald vom 8. Februar 1920, geschrieben von niemand Geringerem als Winston Churchill zu Gemüte führen. Sein Titel Zionism versus Bolshevism sagt schon einiges. Churchill beschreibt die Juden darin als eine „mystische und mysteriöse Rasse“, die zu den „höchsten Manifestationen sowohl des Göttlichen als auch des Diabolischen“ erwählt sei.

Dementsprechend teilt er die Juden in Gute und Böse auf.
Gut: die assimilierten „nationalen Juden“ und die Zionisten: „Wenn, wie es wohl passieren mag“, schreibt Churchill 1920, „in unserer Lebenszeit am Ufer des Jordan unter dem Schutz der britischen Krone ein jüdischer Staat geschaffen werden sollte, der drei oder vier Millionen Juden beinhaltet, dann wäre ein Ereignis in der Weltgeschichte geschehen, das aus jeder Sicht wohltätig und besonders in Harmonie zu den wahrhaftigsten Interessen des Britischen Empire stehen würde.“

Böse dagegen „die internationalen Juden“:
„Die Angehörigen dieser zwielichtigen Vereinigung sind zumeist Männer, die unter den unglücklichen Bevölkerungen von Ländern aufgezogen wurden, wo Juden aufgrund ihrer Rasse verfolgt werden. Die meisten, wenn nicht alle von ihnen, haben den Glauben ihrer Vorväter aufgegeben und sich in ihrem Geist von allen spirituellen Hoffnungen auf die nächste Welt verabschiedet. Diese Bewegung von Juden ist keine neue. Von den Tagen von Spartacus-Weishaupt bis zu denen von Karl Marx und hinunter bis zu Trotzki (Russland), Bela Kun (Ungarn), Rosa Luxemburg (Deutschland) und Emma Goldman (Vereinigte Staaten) ist diese weltweite Verschwörung zum Sturz der Zivilisation und der Neuerrichtung einer Gesellschaft auf der Basis einer Entwicklungshemmung, eines neidigen Böswillens und unmöglicher Gleichheit stetig angewachsen. Sie spielte, wie eine moderne Autorin, Mrs. Webster, es so eindrücklich dargestellt hat, eine definitiv erkennbare Rolle in der Tragödie der Französischen Revolution. Sie war der Hauptquell jeder subversiven Bewegung während des 19. Jahrhunderts; Und jetzt endlich hat diese Bande außergewöhnlicher Persönlichkeiten aus der Unterwelt der großen Städte von Europa und Amerika das russische Volk beim Haar seiner Köpfe gepackt und ist praktisch zu den unumstrittenen Meistern dieses enormen Reichs geworden.“

Churchill schreibt weiter über den erstaunlich überproportionalen Anteil an „terroristischen Juden“, und endet schließlich mit einem Absatz über die „Pflicht loyaler Juden“:
„Es ist in diesen Umständen besonders wichtig, dass die nationalen Juden, die loyal zu dem Land sind, das sie angenommen hat, sich bei jeder Gelegenheit hervortun, so wie viele in England das bereits getan haben, und in jedem Maße eine prominente Rolle zur Bekämpfung der bolschewistischen Verschwörung einnehmen. Auf diese Weise werden sie es schaffen, die Ehre des jüdischen Namens zu rehabilitieren und der ganzen Welt klarzumachen, dass die bolschewistische Bewegung keine jüdische Bewegung ist, sondern von der großen Masse der jüdischen Rasse vehement abgelehnt wird.“

Womit wir wieder beim Sederabend der Jüdinnen und Juden von Jewdas angelangt sind, an dem letzte Woche Jeremy Corbyn als Gast teilnahm. Diese hysterische Reaktion der britischen Medien („Sie hielten eine rote Rübe in die Luft und schrien: ‚Fuck capitalism!’“, titelte die Daily Mail) und schockierend weiter Teile der zentristischen Labour-Fraktion über Corbyns Verbrüderung mit der falschen, weil radikalen, nicht salonfähigen, sprich „unloyalen“ Art von Jüdinnen und Juden: Ich kann gar nicht anders, als sie im Lichte Churchills fast hundert Jahre alter, vor Judenfeindlichkeit und Judenangst triefender Worte zu sehen.

Solche Selbstentlarvungen kommen zustande, wenn Menschen den Vorwurf des Antisemitismus erheben, die ihn selbst tief in sich tragen.

Wie sich bei näherer Betrachtung des Twitter-Feeds von Jewdas herausstellt, handelt es sich bei denen keineswegs um die Dämon_innen, vor denen uns Churchill und der heutige Mainstream warnen, sondern um eine mit sarkastischem (ja doch, jüdischem!) Humor, aber auch – ob man mit ihnen einig ist oder nicht – mit einigem politischem Scharfsinn gesegnete Gruppe.

Eine Gruppe, die übrigens auch Jeremy Corbyns alten Verbündeten Ken Livingstone per Photoshop zum Mond geschossen hat.

Ein paar Kostproben ihrer Tweets:

Wirklich empfehlen kann ich die jüngste Episode des Podcast Agitpod, in der der linke Journalist und Autor Owen Jones („Chavs“, „The Establishment“) mit der Guardian-Journalistin Ellie Mae O’Hagan, dem erwähnten Michael Segalov, dem Autor und Komiker David Schneider und der Jewdas-Aktivistin Annie Cohen das Thema erörtert.

Noch eine Bemerkung schließlich zur Empörung über den Antisemitismus in der Labour Party: Wenn auch nur irgendeine Spur davon zwischen den Zeilen der herzhaften Gratulation Boris Johnsons zum Wahlsieg von Viktor Orban zu lesen gewesen wäre...

Das Board of Deputies of British Jews hatte übrigens einen auffällig anderen Standpunkt dazu:

„Wir sind sehr betroffen über manche der Botschaften im Kern von Viktor Orbans Wahlkampf, einschließlich seiner Kommentare über ’moslemische Eroberer‘ und seiner Bezeichnung von Einwander_innen als ‚Gift’“, sagte Chief Executive Gillian Merron, „Es gab auch besorgniserregende, antisemitische Untertöne in der unerbittlichen Kampagne, die Fidesz gegen George Soros geführt hat. In einer Rede beschrieb Orban seine Gegner mit Worten, die klassische antijüdische Klischees widerspiegeln, als er sagte: ’Wir bekämpfen einen Feind, der anders ist als wir. Nicht offen, sondern versteckt. Nicht geradlinig, sondern gerissen. Nicht ehrlich, sondern niederträchtig. Diese Leute sind nicht national, sondern international, sie glauben nicht an Arbeit, sondern spekulieren mit Geld, sie haben kein Heimatland, aber glauben, dass die ganze Welt ihnen gehört.’
Herr Orban hat bei diesen Wahlen ein bedeutendes Mandat gewonnen. Wir können nur hoffen, dass er vorhat, sich von dieser entzweienden Kampagne auf eine Weise zu lösen, die alle Gemeinschaften Ungarns vereint, einschließlich der Roma, der Moslems und der Juden.“

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