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FOTO: APA/ HERBERT NEUBAUER

interview

Welche Vor- und Nachteile hat die Mathematik-Zentralmatura?

Bundesschulsprecher Harald Zierfuß wägt nach dem katastrophalen Ergebnis der diesjährigen Mathematik-Zentralmatura die Vor- und Nachteile des Prüfungssystems ab

Von Rainer Springenschmid

Nächste Woche finden die sogenannten Kompensationsprüfungen für die heurige Mathematik-Matura statt. Die Kompensationsprüfungen sind mündliche Prüfungen, mit denen man versucht, ein „Nicht Genügend“ in der schriftlichen Matura noch gerade zu biegen.

18 Prozent, also fast jeder und jede Fünfte hat einen Fünfer bei der schriftlichen Mathematura. Vor allem an den BHS, also den berufsbildenden höheren Schulen ist die Mathe Matura deutlich schlechter ausgefallen als im Vorjahr.

Bundesschulsprecher Harald Zierfuß von der ÖVP-nahen Schülerunion erzählt im Interview davon, wie die Stimmung an den Schulen so kurz vor den Kompensationsprüfungen ist.

Wie ist es denn dir in der Mathematik Matura gegangen?

Ich bin ganz glücklich und zufrieden mit dem Ergebnis, aber natürlich ist Stimmung ein bissl gedrückt, wenn man weiß, dass es vielen Schülerinnen und Schülern nicht gut gegangen ist.

Wie ist denn die Stimmung an den Schulen?

Bundesschulsprecher 2018 Harald Zierfuß

Radio FM4

Harald Zierfuß

Wir erkennen ganz starke Schwankungen zwischen den Schulen. Es gibt Schulen, das ist es sehr, sehr gut ausgefallen, mit nur 1ern, 2ern und 3ern, und dann gibt’s wiederum Schulen, vor allem im BHS-Bereich, wo’s wirklich schlecht ausgefallen ist und die Mehrheit einen 4er oder 5er hat. Das heißt da sind die Stimmungen sehr unterschiedlich?

Woran kann denn das liegen? Wird an den BHS anders gearbeitet, wird da „falsch“ gearbeitet? Oder liegt’s wirklich an den Aufgaben?

Das ist sehr vielschichtig. Wenn man es jetzt wirklich auf die BHS beziehen möchte, gibt’s dort den Teil A, der für alle BHS gleich ist, und den Teil B, der spezifisch an die Schulform angepasst wird. Jetzt ist klar, wenn beim Teil A das Problem lag – was wir noch nicht wissen, weil die Gesamt-Evaluation noch nicht stattgefunden hat - dann wird’s wohl daran liegen, dass die BAfEPs (Bundesbildungsanstalten für Elementarpädagogik) ganz anders in Mathematik vorbereitet sind als die HTLs.

Mir haben gerade HAK-Schüler berichtet, es war ein großer Themenschwerpunkt bei dieser Matura Differenzieren und Integrieren und Anwendungsbeispiele davon, das machen die einfach nicht so viel. Für mich als AHS-Schüler ist das kein Problem, ich mach in der 7. Und 8. Klasse praktisch nichts anderes. Wenn ich das aber nicht ausreichend gemacht hab und nur am Rande des Unterrichts, dann wird das sicher ein Problem gewesen sein.

Ist das nun ein Fehler der LehrerInnen, oder liegt der Fehler im System?

Ich glaube, ganz pauschal kann man‘s nicht sagen, es ist gewissermaßen beides. Zum einen erkennen wir sehr viele Schulen, wo nicht ausreichend vorbereitet wurde, gerade jetzt Technologieeinsatz AHS, der zum ersten Mal verpflichtend war, da gibt’s Schulen, wie meine, wo man ab der 6. Mit dem Gerät arbeitet –

…“Gerät“ heißt Taschenrechner?

Ja, es ist ein Taschenrechner, der auch Grafik zeichnen kann, integrieren kann, differenzieren kann, oder auch GeoGebra war ja auch zulässig, sprich: mit dem Laptop arbeiten. Und wenn ich das anwenden kann, super, weil das hilft mir bei vielen Beispielen. Es erschwert aber natürlich auch die Beispiele und die Angaben, weil wenn ich das Gerät hab, ist es einfacher. Aber wenn ich erst in der Achten irgendwann in der Mitte beginne, damit zu arbeiten, eh klar, dann kann ich’s nicht anwenden können, und das merkt man auch bei den Ergebnissen.

Zentralmatura Symbolbild

APA/ HANS KLAUS TECHT

Wie kann man jetzt das Problem lösen? Es gibt ja die unterschiedlichsten Stimmen dazu. Die einen sagen, die Zentralmatura ist komplett zum schmeißen, die anderen fordern eine große Reform. Was hört man denn so aus den Reihen der Schülerinnen und Schüler?

Wir hatten dieses Jahr eine große Schüler-Befragung mit 30 000 TeilnehmerInnen in drei Tagen, also durchaus eine große Resonanz. Da hat man schon rauslesen können, dass man zufriedener ist als damals, weil man jetzt nicht mehr so viel herumbastelt. Ein großer Faktor bei der Matura ist immer die Unsicherheit und die Aufregung, das heißt ich bin froh, wenn man grundlegende Sachen dabei belässt, weil sonst hat man wieder die ganze Unsicherheit drinnen.

Ich glaube aber, dass man einiges anpassen muss. Zum einen im Unterricht vorher, dass alle gut vorbereitet sind, das ist ja die Grundthese der Zentralmatura, dass man in jeder Schulform, die maturaführend ist, nachher auch die Zentralmatura schaffen können muss. Zum anderen auch die Beispiele, die sind teilweise wahnsinnig textlastig. Wenn ich dann enorm viel Zeit brauche, um herauszulesen, was da jetzt am Ende wirklich gefordert ist von mir, weiß ich nicht, ob es da nur mathematisches Grundverständnis geht, oder schon in Richtung Deutschklausur geht, was ja eigentlich nicht die Aufgabe der Zentralmatura wäre. Ich glaub also, dass sehr oft Schüler aus dem Konzept gebracht wurden durch die Art der Beispiele.

Da ist man sehr lang vorbereitet worden auf einen gewissen Aufgabentyp, und wenn dann bei der Mathe-Matura war kommt, was wirklich Grundverständnis abprüft - da war ein Beispiel mit einem Krankenbett, das man in einen Lift hineinstellt, und es ging darum, ob man das Bett jetzt im Kreis drehen kann oder nicht. In Wirklichkeit nicht sonderlich schwer, man muss die Diagonale ausrechnen und danach schauen, ob die Diagonale sich überall ausgeht. Wenn ich jetzt aber eine Art Beispiel vor mir habe bei der Matura, wo ich naturgemäß aufgeregt bin, und dann auch noch irgendetwas was mich aus dem Konzept bringt, wenn ich bei der Matura die Nerven wegwerfe, dann ist das fatal, und das führt glaub ich auch zu den schlechten Ergebnissen, vor allem an den BHS.

Jetzt hat es ja sogar Vorwürfe gegeben, dass es Aufgaben gegeben hätte, die es darauf angelegt hätten, die Schülerinnen und Schüler aus dem Konzept zu bringen. Das klingt ein bisschen fies…

Naja, eine Matura hat ja nicht die Aufgabe, dass es jedeR schaffen muss. Eh klar, es ist das Ziel, dass die Vorbereitung ausreichend ist, aber es muss ein gewisses Niveau auch haben. Jedes Beispiel muss ich ja nicht schaffen, damit ich’s nachher geschafft habe, das heißt, bis zum Einser hin nach oben ist es natürlich auch anspruchsvoller. Man muss halt immer den richtigen Grad finden, wo’s gut passt und wo’s nicht mehr passt, das hat diesmal einfach nicht funktioniert. Wenn an den BHS 60% einen 4er oder 5er haben, dann war’s ganz einfach viel zu schwer. Es ist halt immer die Frage, inwieweit kann man das anpassen.

Es gibt sehr große Durchlaufssphasen, wo Beispiele getestet werden, ob das gut funktioniert, das war jetzt ganz einfach eine katastrophale Fehleinschätzung. Da bin ich sehr froh darüber, dass der Bildungsminister jetzt gesagt hat, er wird Konsequenzen, er wird evaluieren ziehen – das war eine Forderung von uns. Wenn man nach vier oder drei Jahren an den BHS noch immer nicht gründlich evaluiert hat, was da jetzt die Beispiele sind und wie man die besser machen kann, naja, jedes neue Auto muss nach drei Jahren zum Pickerl, ich glaub dann wär’s bei der Zentralmatura auch angebracht.

Ein wie hoher Prozentsatz an Durchfallenden wäre deiner Meinung nach „angemessen“?

Eh klar wünsch ich mir für jedeN, dass er/sie die Matura schafft, und ich glaub auch, dass das das Ziel sein muss. Was ich eigentlich sagen wollte damit ist, eine Matura kann nicht geschenkt sein. Dann wird sie nichts wert sein und dann habe ich genau den Effekt, den ich jetzt gerade habe, dass ich nach der Matura nach und nach auf der Uni Einschränkungen einführen muss. Also die Frage ist immer, was muss eine Matura leisten? Ist eine Matura ein Schulabschluss oder wirklich eine Prüfung, um danach eine Studienberechtigung zu haben? In diesem Spektrum bewegt sich das Ganze. Man wird wohl nie dorthin kommen, dass man 0% Durchfallrate hat, aber das Ziel ist natürlich, jeden Schüler dahin zu bringen, dass er eine angemessene Prüfung schaffen kann.

Der Direktor der HTL Mödling - Harald Hrdlicka im Matura- Prüfungssaal im Rahmen eines Fototermins anl. der Auslieferung der Zentralmaturafragen am Montag, 2. Mai 2016, in der HTL Mödling.

APA/ ROBERT JAEGER

Die Elternvertreter haben kritisiert, dass sie den Eindruck hätten, die Matura würde die SchülerInnen schikanieren, anstatt dass ihnen das Schulsystem beisteht, um die Reifeprüfung zu schaffen. Wie ist denn so allgemein das Feedback zur zentralmatura von SchülerInnen-Seite. Hat man eher den Eindruck, dass man sich an ein System anpassen muss, anstatt dem Lehrer gegenüber die Hochschulreife zu beweisen, oder sind die Leute eher froh, dass sie von der subjektiven Position einer Lehrperson ein bisschen wegkommen?

Ein neues System bringt immer Verunsicherung mit sich. Das haben wir auch gemerkt, weil der Start der Zentralmatura unter Schmied damals dann auch verschoben wurde zum Glück, weil es noch nicht ausgereift genug war. Mittlerweile ist das Feedback deutlich positiver, weil man einigermaßen weiß, wie’s funktioniert, und das hilft einem Schüler enorm. Ich glaub, ein plumper Umstieg zu dem, wie’s vorher war, würde zu gleichviel Verunsicherung führen wie vorher, weil dann weiß ich wieder nicht, wie’s ist. (…)

Die Frage ist in Wirklichkeit, was muss es leisten und wie ist es nachher perfekt. Ich glaube, eine (Zentral-)Matura wird immer bei Schülern gewissermaßen einen Unmut auslösen. Ja, ich muss dafür lernen und ja, es ist Druck. Im Endeffekt wird ich nicht drum herumkommen, irgendwie eine Prüfung zu haben, weil die Unis haben ganz einfach nicht unbegrenzt Platz, bzw. ich wird halt einfach beweisen müssen, auch für internationale Universitäten, dass ich ein gewisses Level erreicht habe.
Die Vorteile einer Zentralmatura sind klar: Ich hab für alle, zumindest Schulformen-intern, die gleichen Grundvoraussetzungen, die ich erreicht haben muss und bin wie gesagt nicht davon abhängig, was der Lehrer abprüft. Ich glaub, das schafft schon einmal deutlich mehr Fairness. Die Vorbereitung wiederum ist eine andere Frage. Das System muss dahingehend wachsen, dass es auch eine gute Vorbereitung für jeden gibt und dass es für jeden die Voraussetzung gibt, egal in welcher Schule ich war, die Matura zu schaffen.

Abgesehen von den zwei Kritikpunkten, dem Bewertungssystem und der Textlastigkeit, hört man auch, dass es den Anschein hat, dass der Weg zu einer Aufgabe gar nichts mehr zählt, sondern nur noch das Ergebnis. Es gibt kein Dazwischen mehr.

Ich glaub, man muss jedenfalls AHS und BHS getrennt sehen, weil die Maturas ja ganz unterschiedlich aufgebaut sind. Bei der AHS hab ich einen Teil 1, der überwiegend entscheidet, ob ich nachher positiv bin oder negativ, der Grundkompetenzen abfragt, und im 2. Teil geht es dann um angewandte Mathematik. In der BHS hab ich in beiden Teilen angewandte Mathematik.
Das sind also zwei verschiedene paar Schuhe. In der AHS gibt es sicher auch immer Unmut, wenn ich sag, ich hätte einen Zweier gehabt, wenn ich im Teil Eins einen Punkt mehr gehabt hätte, bin jetzt aber auf einem Fünfer, weil ich die erforderlichen Punkte in Teil 1 nicht hab. Das ist eine Konzeptionsfrage, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Die Grundthese ist, man braucht gewisse Grund-Kompetenzen, und wenn man die nicht kann, hat man nicht bestanden. (…)

Bei der BHS hab ich das Problem mit den verschiedenen Schulformen. Wenn ich zwanghaft probiere, die auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, dann wird ich den Schülern damit nichts Gutes tun, weil eh klar, der BAfEP-Schüler viel weniger Mathe hat als der HTL-Schüler, und vielleicht auch eine andere Grund-Begabung, weil ich im Regelfall auf die HTL gehe, wenn mir Mathe liegt. So ist das bei der Bewertung immer die Frage, ob wann gibt der Lehrer einen Punkt oder nicht? Es gibt sehr wohl auch Beispiele, wenn der Lösungsweg richtig war und das Ergebnis falsch, dann ist die volle Punktezahl zu geben. Aber es gibt auch auch welche, bei denen es nur heißt „komplett richtig“ oder „komplett falsch“ – da glaube ich auch nicht, dass das sinnvoll ist. Da ist die Frage, wie sich das weiterentwickelt.

Wäre es eine Lösung, wenn nicht nur die Prüfung selbst zählt, sondern beispielsweise die gesamte Arbeit der letzten Schuljahre? Würde das nicht den Druck ein bisschen rausnehmen aus diesem einen Termin?

Die Matura baut in Österreich auf drei Säulen auf, AHS-spezifisch mit der VWA, der schriftlichen und der mündlichen Matura, BHS-spezifisch dann mit der Diplomarbeit, der schriftlichen und der mündlichen Prüfung. Das heißt, man hat nicht einen Prüfungstrag, sondern ein paar.

Ob jetzt nur die Prüfungen ausschlaggebend sein sollen oder nicht, da wird man bei Schülern Unterschiedlichstes hören. Der, der sagt: Mein Lehrer behandelt mich immer unfair und sagt ich arbeite nicht mit und mache die Hausübung nicht, was hat das mit meinem Können zu tun? Der wird ganz klar sagen, die Prüfung soll allein zählen, weil er davon profitiert. Der Schüler, der Prüfungsangst hat, wird wiederum sagen: Ich hab immer alles gut gemacht, ich schneide halt nur bei der Prüfung einfach schlechter ab, weil ich nervös bin – warum zählt nur das und alles vorher nicht?

Ein allgemeines Stimmungsbild ist da ganz schwer auszumachen. (…) Ich glaube, das System komplett umzustellen, würde jetzt wieder zu großen Verunsicherungen führen. Ich würde darauf plädieren, in den Grundfesten bei dem zu bleiben, was man hat, und aber schaut, wie kann man es adaptieren. Ist der Teil A in der BHS gerade gut, so wie er ist? Bereiten die Schulen gut darauf vor? Wie muss man an der Art der Aufgabenstellung arbeiten, damit es danach fairer und schaffbarer wird und man wirklich nur mehr abprüft, ob man Mathematik verstanden hat oder nicht? Das werden die großen Ziele sein, die man sich stecken muss, damit nachher die Zentralmatura ein endgültiger Erfolg wird.

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