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Menschenmenge auf dem Wiener Heldenplatz, 15. März 1938

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Der „Anschluss“ in absurden Szenen

Éric Vuillard hat mit „Die Tagesordnung“ ein fast durchaus gelungenes und unterhaltsames Panorama des „Anschlusses“ vorgelegt und damit den Prix Goncourt gewonnen. Vom Buch bleibt dennoch der Eindruck eines Etikettenschwindels zurück.

Von Simon Welebil

Die De-Facto-Annexion Österreichs durch NS-Deutschland, besser bekannt als „Anschluss“, im März 1938 ist heuer 80 Jahre her. Dass uns in diesem Gedenkjahr massenweise Jubiläumspublikationen erwarten würden, in denen uns Kurt Schuschnigg, Bundeskanzler Österreichs, Diktator des Ständestaats, entgegenblickt, war abzusehen, dass Éric Vuillards Buch „Die Tagesordnung“ sich inhaltlich und zeitlich in diese Publikationen einreihen würde, hingegen weniger.

Der französische Schriftsteller Éric Vuillard hat eine ganz besondere Art, sich historischen Ereignissen zu widmen. Er nimmt ein paar Momente heraus, die seinem Publikum meist unbekannt sind - etwa Besprechungen oder Konferenzen - beschreibt und kommentiert sie und setzt sie dann wie Szenen eines Films neu zusammen, was bei ihm unter „rhapsodische Erzählung“ firmiert.

Eric Vuillard mit seinem Buch "L'ordre du jour"

APA/AFP/ERIC FEFERBERG

In seinem Romanerstling „Conquistadores“ hat er das anhand der Eroberung des Inkareiches durch die Spanier gemacht, danach unter anderem auch zur Französischen Revolution oder zum Ersten Weltkrieg. Sein aktuelles Buch „Die Tagesordnung“ sollte eigentlich die Vorgeschichte zum Zweiten Weltkrieg erzählen, aber bei den Recherchen ist Vuillard dann über ein Gespräch gestolpert, das seinem Buch einen anderen Fokus gegeben hat, die „harte Unterredung“, wie sie Kurt Schuschnigg später in einem Interview bezeichnen sollte, zwischen ihm selbst und Adolf Hitler.

Absurde Szenen im Berghof

Adolf Hitler hatte Schuschnigg am 12. Februar 1938 auf seinen Berghof in Berchtesgaden zitiert, hart war die Unterredung nur von einer Seite und sie endet mit einem Ultimatum und quasi dem Ende des eigenständigen österreichischen Staates.

Schuschnigg hat das einzige Zeugnis dieser Unterredung Jahre später niedergeschrieben. Als Vuillard das Protokoll der Hilflosigkeit entdeckt, macht er es nicht nur zum zentralen Kapitel von „Die Tagesordnung“. Fast filmisch beschreibt er die Demütigung Schuschniggs durch Hitler am Obersalzberg: Blick aus dem Raum auf das Panorama; abrupter Schwenk auf den aufbrausenden Hitler; Close Up auf den sich windenden Schuschnigg; Schuss/Gegenschuss aus Untersicht/Aufsicht; Detailaufnahme schwitzender Hände; Zoom aus dem Fenster... Dazu Kommentare und Metaphern, wie die des an seinen guten Willen „wie an einen schlaffen Rettungsring“ sich klammernden Schuschnigg, die den schon in seinen eigenen Erinnerungen schwach und unterwürfig wirkenden Kanzler immer noch mehr ins Lächerliche ziehen.

In den Tagen nach dem Ultimatum fängt sich Schuschnigg wieder etwas, fasst sich ein Herz und ruft die Volksabstimmung über ein unabhängiges Österreich aus - Vuillard sieht ihn ihm einen Kartenspieler mit aussichtslosem Blatt:

„In diesem Augenblick spielt Schuschnigg, der kleine österreichische Diktator, seine letzte Karte aus. Oh, dabei musste er doch nur zu gut wissen, dass es in jeder Partie ein kritisches Stadium gibt, jenseits dessen man sich unmöglich wieder berappeln kann; man kann nur noch zusehen, wie wie der Gegner mit vollen Händen seine Trümpfe ausspielt und die Stiche einheimst: Damen, Könige, alles, was man nicht rechtzeitig abgelegt und fiebrig auf der Hand behalten hat, in der Hoffnung, es nicht zu verlieren."

Mehr als genug Stoff für einen Roman

Èric Vuillard findet im „Anschluss“, der darauf folgt, noch mehr als genug Material für sein Buchprojekt. Für jede Station bis zu Hitlers Auftritt am Wiener Heldenplatz pickt sich Vuillard eine interessante Beobachtung heraus: einen Panzerstau beim Einmarsch der Wehrmacht, ein Abendessen des deutschen Außenministers Ribbentrop beim englischen Premierminister, ein abgehörtes, aber inszeniertes Telefonat von Reichsmarschall Göring etc. Mit fast sarkastischen Anmerkungen, Einschüben, Querverweisen und sogar Quellenkritik gelingt es ihm, sogenannte große Geschichte von ihrem Gewicht zu befreien und Propagandabilder zu dekonstruieren. Manchmal setzt Vuillard dabei allerdings auch zu viel auf den Unterhaltungseffekt und driftet in den Kitsch ab.

Buchcover von Éric Vuillards "Die Tagesordnung"

Matthes & Seitz

„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard ist in der Übersetzung von Nicola Denis bei Matthes & Seitz erschienen.

Am meisten kann man Vuillard aber vorwerfen, dass er sich von manchen Entdeckungen seiner historischen Recherchen nicht trennen konnte. Die Anfangs- und Schlusskapitel, in denen es um die Verwicklung von deutschen Wirtschaftskapitänen mit den Nazis geht, hätte sich Vuillard etwa für ein anderes Buch aufheben können. Sein fast durchaus gelungenes und unterhaltsames Panorama zum „Anschluss“ wird dadurch ziemlich unrund. Die Klammer funktioniert nicht.

Doch wahrscheinlich lässt sich ein Buch über den „Anschluss Österreichs“ international schwerer vermarkten als ein Buch über die „Vorgeschichte zum Zweiten Weltkrieg“. Auf dem Cover sowohl der Originalausgabe als auch der deutschen Übersetzung prangt jedenfalls der deutsche Großindustrielle Gustav Krupp, im Klappentext kann man von den Hinterzimmern der Macht lesen und dass Vuillard die „Mechanismen des Aufstiegs der Nationalsozialisten“ seziert. Das kommt eher einem Etikettenschwindel gleich.

Die Kritik hat ihm das nachgesehen, wohl auch, weil sie mit den Ereignissen des „Anschlusses“ etwas international eher Unbekanntes serviert bekommen hat, das nicht wie bei uns alle 10 Jahre groß aufbereitet wird. In Frankreich hat Vuillard jedenfalls 2017 für „Die Tagesordnung“ den bedeutendsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt verliehen bekommen.

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