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The Smile in Wien

Nikolaus Ostermann

The Smile live im Wiener Gasometer

2/3 von Radiohead haben mit kongenialem Schlagzeuger-Kollegen Tom Skinner ihr gemeinsames Projekt The Smile live in Wien vorgestellt, nur wenige Tage nach dem Release ihres Debütalbums „A light for attracting attention“. Großer Abend.

Von Katharina Seidler

There is a Smile of Love 
And there is a Smile of Deceit 
And there is a Smile of Smiles
In which these two Smiles meet

Diese Zeilen stammen von William Blake, und die Stimme des Schauspielers Cillian Murphy, wie das Internet dankenswerterweise enthüllt, trägt das Gedicht „The Smile“, nach dem die gleichnamige Band allerdings angeblich nicht benannt ist, zu Beginn des Abends durch die ovale Halle des Gasometers.

Zuvor hat der US-amerikanische Musiker Robert Stillman als Supportact die Stimmung im Raum mit einem fordernden Soloset an Saxophon und Loopstation mit einer Mischung aus Free- und, sagen wir: Post-Jazz?, entsprechend aufgeraut. Die einstündige Verzögerung durch den vorab anders kommunizierten Timetable treibt die Hitze und Anspannung im Saal langsam in die Höhe. So viele Vorteile das Gasometer auch hat: angenehme Größe, okaye Sicht auf die Bands von überall, genügend Bars und WCs, meistens irgendwie „stimmiger“ Sound (Aufschrei in 3 - 2 - 1) — gemütlich abhängen kann man hier nicht.

The Smile in Wien

Nikolaus Ostermann

Die Entladung folgt aber sowieso bald. Gelassen spazieren Thom Yorke, Jonny Greenwood und Tom Skinner irgendwann endlich auf die Bühne; ihr Smile in diesem Moment vor allem ein entspanntes Grinsen. Das Klavier hebt dennoch melancholisch an: „My eyes are open wide and now I see you“ - Bass und Schlagzeug setzen ein, ein Aufatmen geht durch die Menge und der Opener-Song des Abends, „Pana-Vision“, spannt genau jenen Bogen zwischen den Polen unheilsam und wunderschön-tröstlich, der die Songs des neuen The Smile-Albums sowie allgemein Radioheads in der Spätphase ausmacht. Es erklingt an diesem Abend in voller Länge, nur die Trackliste ist in ihrer Reihenfolge durchgerüttelt.

The Smile in Wien

Nikolaus Ostermann

„What’s up?“ sagt Thom Yorke nonchalant, als er für den folgenden Song, „The Smoke“, vom Klavier an die Gitarre wechselt. Schon nach diesen wenigen Minuten offenbart sich hier die Essenz von The Smile, die, wenn man ehrlich ist, auf Platte schon sehr nach der Stammband klingen: Radiohead ohne die Hits. So extrem ausgecheckt, rhythmisch elaboriert, songwriterisch gefinkelt hier alles angelegt ist, so locker und eigentlich scheinbar spontan groovt und atmet alles bei The Smile.

The Smile in Wien

Nikolaus Ostermann

Man spürt, dass diese Songs, egal wie lange sie davor in Skizzen schon existiert haben mögen, in gemeinsamen Jamsessions entstanden und ausgearbeitet worden sind. Und mit ebendieser Spielfreude werden sie an diesem Abend aus der Hüfte geschüttelt. Weil Yorke, Greenwood und Neo-Bandkollege Skinner (sehr empfehlenswert auch dessen Stammband, die Jazz-Aktivisten Sons of Kemet) aber keine stumpfen Dudes, sondern an ihrer Umwelt und Politik interessierte Denker sind, trägt ihre Musik das Unbehagen an der Gegenwart selbstverständlich in ihrer DNA. Aus diesem Kontrast speist sich die Platte „A light for attracting attention“ - a Smile of Smiles in which these two Smiles meet, im William Blakeschen Sinne, sozusagen.

The Smile in Wien

Nikolaus Ostermann

Auf eigentümliche Weise entsteht so in der großen Gasometerhalle so etwas wie Intimität. Auf der Bühne stehen drei (nagut, zwei) der größten alternativen Popstars der Welt (einer davon, Jonny Greenwood, ist beispielsweise zweifach oscarnominiert, Stand Mai 2022), aber gleichzeitig musizieren hier drei Freunde miteinander und arbeiten sich spielend an der Welt ab. Die Live-Darbietung ist im Prinzip genau das, was die Smile-Songs brauchen. Erlebnis Großkonzerte: Es ist sauheiß und man sieht nichts, ein Bier kostet 6€, vor dir tanzt einer, der sich auf einem Seeed-Konzert glaubt, und dennoch gibt es kein NFT der Welt, das einem dieses Gefühl vermitteln kann.

We don’t need to fight
Look towards the light
Grab it in with both hands
What you know is right
(…)
We are all the same
(„The Same“)

Die grundlegende Lockerheit von The Smile, wohl das größte Unterscheidungsmerkmal zu Radiohead, bei gleichzeitiger Einblendung der Außenwelt und größtmöglicher musikalischer Komplexität, offenbart sich beispielsweise in der Mitte des Sets bei „The Same“ - auf dem Album als Opener an prominente Stelle gesetzt - als die Band das Publikum zum Mitklatschen motiviert. Ja, wirklich. Es ist natürlich beinahe unmöglich, denn der Herzschlag des Tracks scheint klopfend unablässig zu mutieren, und dennoch unterstreicht das gemeinsame Scheitern hervorragend das Flehen nach Gleichheit und Brüderlichkeit in den Lyrics: „You’re going down, People in the streets, please, we are one, the same“. Thom Yorke lächelt und schnippst, Tom Skinner hat das Schlagzeug für eine Weile zugunsten von Synthesizern und Rhythmuskasteln verlassen und leitet das Publikum von Zeit zu Zeit klatschend zurück in den Takt.

The Smile in Wien

Nikolaus Ostermann

Vor dem Lichtgewitter der Leuchtstoffröhren am Bühnenhintergrund, ein Trick, den man aus Radiohead-Zeiten bereits kennt, spielt die Band ihr erst vor wenigen Tagen erschienenes gemeinsames Debütalbum (klingt seltsam in diesem Zusammenhang, aber bitte) in seiner Gesamtheit, und kehrt außerdem nach 30-sekündiger Klatschorgie (wem wollen sie etwas vormachen?) für ein ganz besonderes Dreierpack an Zugaben zurück. Als wären die Smile-Songs nicht ohnehin noch frisch genug, beginnt der Zugabenblock mit einer überhaupt komplett neuen Nummer, geschrieben und erstmals aufgeführt erst am Vortag beim Tourauftakt in Zagreb. „A friend of a friend“ handle, so Thom Yorke in unverschämt lässigem Zehntagesbart, von Freunderlwirtschaft und Korruption: „Ich weiß ja nicht, wie das in eurem Land so ist….“. Die Zugaben, nach „Friend of a friend“ und „Just Eyes and Mouth“ abgerundet durch „Feeling pulled apart by horses“ aus seinem Solo-Werk, geraten zum ordentlichen Highlight eines bereits sehr guten Konzerts.

The Smile in Wien

Nikolaus Ostermann

„Don’t bore us, get to the chorus“, nimmt Yorke einige zu erwartende Kritik der Verfechter des Radiohead-Frühwerks im Text von „Open the floodgates“ zwar vorweg, aber das fast völlige Fehlen von solchen Choruses im bisherigen und offenbar täglich wachsenden Werk der Band The Smile trägt nur zu ihrem Charme bei, der sich wie gesagt vor allem live offenbart. Im Auto am Heimweg probieren, den Smile-Ohrwurm aus dem Kopf nachzusingen: Tschk-tschk-tztztztztz, dazu Handbewegungen und angespannte Halsmuskeln. Großer Abend.

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