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Nate Parker in "The Birth of a Nation"

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Moralisch ein gordischer Knoten

Wie „The Birth of a Nation“ von einer Oscarhoffnung zum Flop wurde. Rassismus, Sexismus, „rape culture“ und „white privilege“ wurden in der öffentlichen Diskussion zu einem moralischen gordischen Knoten.

Von Pia Reiser

Als im Jänner 2016 „The Birth of a Nation“ am Sundance Festival gefeiert wird - mit einer Standing Ovation, bevor noch irgendjemand den Film gesehen hat, scheint das Historiendrama ein Zeitgeist-Doppeljackpot zu sein. Ein Film von einem schwarzen Regisseur über einen Sklavenaufstand im Jahr 1831 ist zu diesem Zeitpunkt eine hoffnungsvolle, euphorische Antwort auf den #oscarssowhite-Skandal. Nate Parkers Film über einen schwarzen Freiheitskämpfer, der noch nicht Eingang in alle Geschichtsbücher gefunden hat, trifft auch den Nerv der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Es ist die Rede davon, dass dies der Film ist, der 2017 bei den Oscars abräumen wird, unterstützt vom Narrativ des Regisseurs, der jahrelang um die Finanzierung kämpft, um dann den Film in Personalunion als Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent auf die Beine zu stellen und einen Rekorddeal mit Fox Searchlight Pictures abschließt. Der Underdog, der für seine Mühen und Leidenschaft belohnt wird, das ist eine Geschichte, an der Hollywood nicht nur auf der Leinwand einen Narren gefressen hat.

Nate Parker und Armie Hammer in "The Birth of a Nation"

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Den Titel für seinen Film hat Parker von D.W. Griffiths rassistischem Machwerk aus dem Jahr 1915 entlehnt. Das brennende Kreuz als mächtiges wie furchteinflößendes Symbol übernimmt der damals neugegründete Ku Klux Klan aus diesem Film.

Ein Film ist immer mehr als ein Film und in diesem Moment der Festival-Euphorie wird über die Schwächen des Films großzügig hinweggesehen und das bigger picture in die Feuilletons gepinselt. The Brilliance of ‘Birth of a Nation’ Is Bigger Than the Movie, schreibt IndieWire und zitiert aus der Rede, die „Birth of a Nation“-Regisseur Nate Parker vor dem ersten Screenings seines Regiedebüts hält: „Justice cannot sleep forever“.

Blickt man später zurück auf diese Worte, kann man nicht umhin, schmerzhaft-ironisch fast eine Art Prophezeiung darin zu sehen. Denn schon bald wird niemand mehr wirklich über den Film „The Birth of a Nation“ sprechen, sondern nur noch über die Vergangenheit von Regisseur und Hauptdarsteller Nate Parker.

Die Trennung von Werk und Autor

Parker und sein Studienkollege Jean Celestin werden 1999 wegen Vergewaltigung angeklagt. Parker wird freigesprochen, Celestin zu sechs Monaten verurteilt. Die Frau, die Parker und Celestin vorwirft, mit ihr Sex gehabt zu haben, während sie nicht bei Bewusstsein war, begeht 2012 Selbstmord. Der Fall ist bekannt, Parker wurde im Zuge seiner Laufbahn als Schauspieler immer wieder auf den Fall angesprochen. Richtig interessant wurde das Ganze aber für die Presse erst, als „The Birth of a Nation“ zu einem Film wurde, der viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Weil das Drama einen schwarzen Freiheitskämpfer und - wie „Django Unchained“ - eine schwarze Figur auf die Leinwand bringt, die mit der traditionellen Darstellung des Sklaven bricht. Quentin Tarantino nutzte die Überhöhung und den Transfer des Themas in einen Spaghettiwestern-Mantel, Nate Parker stützt sich auf eine wahre Begebenheit, um nicht nur Schmerz und Demütigung darzustellen, sondern vor allem Wut. Wenn eine Gruppe schwarzer Männer, mit blutigen Gewändern und zum Himmel gestreckten Waffen einer - viel größeren - Gruppe weißer Männer entgegenstürmt, dann ist das ein kathartischer Kinomoment, den „The Birth of a Nation“ mitreißend in Szene setzt.

Doch so sehr die Trennung von Autor und Werk - oder von juristischer Person und Künstler - essentiell ist, so schwer fällt das bei diesem Film. Nat Turner wird als Laienprediger auf Plantagen eingesetzt, um potentiell ungehorsame Sklaven mit Worten aus der Bibel gefügig zu machen. Turner wird also Teil des perfiden und entsetzlichen Systems Sklaverei. Der Ekel über das System und wie er - und die Religion - seinen Teil dazu beitragen, das System am Laufen zu halten, zeichnet sich langsam in Turners Gesicht. Zum Rebellen, der Rache schwört, wird er aber erst, als seine Frau und die Frau eines Freundes vergewaltigt wird. Sexuelle Gewalt war für die schwarzen Frauen, die ihrer Freiheit beraubt auf den Plantagen arbeiten mussten, grauenhafter Alltag. Die Vergewaltigungen als Zündfunke für Nat Turners Rebellion sind aber erfunden - von den Drehbuchautoren Nate Parker und Jean Celestin, die 1999 wegen eben einem solchen Verbrechen gemeinsam vor Gericht gestanden sind.

An der Stelle verstrickt sich der Film auf fast unlösbare Weise mit der Geschichte seines Regisseurs. Nicht nur fällt da die Trennung von Werk und Autor wirklich schwer, (vor allem da Parker sich selbst auch die Hauptrolle gegeben hat), der Fall wird zu einem moralisch schier unlösbaren gordischen Knoten. Zu einem Fall, in dem es keine Grautöne mehr gibt: Man ist entweder für Parker oder gegen ihn, man ist also, weiter zugespitzt, entweder für die Anliegen der Frauen oder die der Schwarzen.

In Talk Shows wird diskutiert, ob „Black America“ hinter Parker und seinem Film stehen müsse. Das American Film Institute sagt ein Screening von „The Birth of a Nation“ mit anschließendem Q&A mit Parker ab. Von Oscars redet schon längst niemand mehr. Noch mehr Interviews werden abgesagt und PR-Experten für Parker engagiert, eine Einladung von Oprah Winfrey in ihrer Show über den Fall zu sprechen, lehnt Parker ab. Deadline veröffentlicht das Transkript eines Telefonats zwischen Parker und der Frau, die später Anklage erhob.

Szenenbilder aus "the birth of a nation"

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„While I maintain my innocence that the encounter was unambiguously consensual, there are things more important than the law“, schreibt Parker auf Facebook. "There is morality; no one who calls himself a man of faith should even be in that situation. As a 36-year-old father of daughters and person of faith, I look back on that time as a teenager and can say without hesitation that I should have used more wisdom.”

Jeder Talk Show Host, jeder Reporter versucht Parker eine Entschuldigung zu entlocken. Der tief religiöse Parker redet in Interviews gern und viel von Gott, doch er zeigt keine Reue. „I was falsely accused… I was proven innocent and I’m not going to apologize for that“, so Parker. Die Diskussion über den Film wird durch die Tatsache, dass Parker Nat Turner stellenweise Jesus-gleich inszeniert, nicht vereinfacht.

White Privilege

Für Fox Searchlight wird die Pressetour zu einem Versuch der Schadensbegrenzung, von der Oscarhoffnung wird „The Birth of a Nation“ zum Flop. Musiker und Aktivist Harry Belafonte beklagt, dass die Geschichte um Nat Turner untergehe - und, dass es sich bei Nate Parker ja nicht um jemanden handelt, der der Justiz entkommen ist. Sondern um einen Mann, der von einem Gericht freigesprochen worden ist. Belafonte wirft auch die Frage in den Raum, wie der Fall wohl aussähe, wäre Parker weiß.

Schauspieler Casey Affleck wurden 2010 von Kolleginnen sexuelle Übergriffe vorgeworfen, seinem Oscar für „Manchester by the Sea“ stand das nicht im Weg. Roman Polanski wird 1977 unter anderem wegen "Vergewaltigung unter Verwendung betäubender Mittel“ einer 13-Jährigen angeklagt, er verlässt die USA und setzt seine Karriere als Regisseur fort. Die Liste der (weißen) Männer im Showbusiness, deren Gewalt gegen Frauen sich kaum negativ auf ihre Karriere oder die Wahrnehmung ihrer öffentlichen Persona ausgewirkt hat, ist lang. Es fällt also auf, dass „The Birth of a Nation“ in der Öffentlichkeit nun als Film eines Vergewaltigers gesehen wird, während „Annie Hall“ und „Rosemary’s Baby“ als Filme von Meisterregisseuren gelten.

Empathie unmöglich

Dennoch ist Empathie mit Parker, der sich auch homophob geäußert hat, quasi unmöglich, und wie die grandiose Roxane Gay in einem Text für die „New York Times“ schreibt: „It is my gut instinct to believe the victim because there is nothing at all to be gained by going public with a rape accusation except the humiliations of the justice system and public scorn.“

„The Birth of a Nation“ startet am 14. April in den österreichischen Kinos.

Gay wird sich „The Birth of a Nation“ nicht ansehen, weil sie nicht zwischen Autor und Werk trennen kann und will, schreibt sie. Das ist in ihrem Fall auch nicht weiter tragisch, weil „The Birth of a Nation“ nicht das Filmwunder ist, das am Sundance Festival herbeigeschrieben wurde (Ein Fall von „Ideology trumps aesthetics“, so Bret Easton Ellis). Das ist im Falle von Gay aber auch deswegen nicht weiter tragisch, weil sie als schwarze Professorin und Autorin weiß, wer Nat Turner ist.

Szenenbilder aus "the birth of a nation"

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Für viele andere aber könnte der Film eine Geschichtslücke füllen, er ist ein Kontrapunkt zur weißen Geschichtsschreibung, und in Sachen Repräsentation schwarzer Figuren im Film ist die Wucht des Films - trotz seiner zahlreichen Mängel in Bezug auf die Frauenfiguren und einer Überlaldenheit an Symbolen an der Grenze zum Kitsch - nicht zu unterschätzen.

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