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Hardcore Continuum

Beim letzten Tag des diesjährigen Donaufestivals in Krems war noch einmal alles möglich. Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Freie Musik, Metal, Erschöpfung.

von Philipp L’heritier

Wo die Linien sich verwirren, wollen wir uns berühren. Ok. Am Samstag, dem letzten, sechsten Tag des diesjährigen Donaufestivals, war noch einmal gut der Strom in der Luft greifbar. Schon am frühen Abend waren die Menschen, viele Menschen, vor der Kremser Minoritenkirche ein bisschen unruhig. Man tuschelte, man murmelte, munkelte.

Für den letzten Tag ist dem Donaufestival noch einmal ein Spezialbooking geglückt, das man ohne große Mühe als symptomatisch für das gesamte Festival lesen kann. Alle Kanäle offen.

Die Band, das Konzept, namens This is not This Heat hatte sich eingefunden. Mitte der 70er als Trio unter dem Namen This Heat gegründet, ziemlich viel erfunden und kaputt gemacht, verdreht und neu geformt, in musikalischer Hinsicht.

Nach dem Tod von Gründungsmitglied Gareth Williams in den Nuller-Jahren führen die beiden verbleibenden Musiker Charles Hayward und Charles Bullen mit wechselnden - mal fixer, mal loser - Gastmusikern das kaum zu überschätzende Projekt This Heat unter neuem Namen weiter.

Weiche Zäune

Beim Donaufestival bedeutet This is not This Heat sechs Menschen, unter anderem mit im Boot sind Mastermind Charles Haywards Tochter oder Menschen von der sehr guten englischen Prog-Pop-Band Grumbling Fur. Auf der Bühne zu sehen: Neben Haywards Schlagzeug ein zweites Schlagzeug. Synthesizer, Gitarren, Charles Bullen mit Gitarre, zudem Bratsche, ein Pioneer-CD-Player, eine Klarinette.

This is not this heat

david visnjic

Charles Hayward, This is not This Heat

Üblicherweise wird This Heat eine Postpunk-Band genannt. Da lachen This Heat nur. Für Hayward, Bullen und Williams war schon der Begriff zu eng. Ambient, Krautrock, ausfransender Folk, Free Jazz, Musique Concrète, Noise, Punk, Sperrmüllgerümpel, Minimal Music und Dub – bei This Heat kommt alles in den Topf.

Und so haben This Heat alle beeinflusst. Black Dice und das Animal Collective, Radiohead, Massive Attack und das LCD Soundsystem. Und die, die wissen wollen, was geht.

Live ist das kaum weniger als eine Erleuchtung. Das Konzert gestaltete sich als eine Art Greatest Hits des schmalen Werks – zwei offizielle Alben, eine EP – der Band. Anfänglich noch etwas verhalten und zahm, genau richtig, als eine Art Blaupause für Postrock, in einer Art, dass auch die große Band Tortoise weinen muss, dann zunehmend wilder, ekstatischer. Beim Überhit „Makeshift Swahili“ ging ein Jauchzen durch den Raum.

Bilder vom Donaufestival, Krems

David Visnjic

This is not This Heat

Brüche, Risse, Reibung, dann monumentale Monotonie, Gleiten, Groove. Der Name This is not This Heat ist eine freche Untertreibung.

Schwarzer Schein

Im Stadtsaal auf dem Hauptgelände des Donaufestival später dann ein Act, der den Begriff „Verachtung durch Publikum“ im Raum plastisch erfahrbar machte: Deafheaven – eine vielgehasste Band. Poser, matte Provokateure, Verwässerer der reinen Lehre. Es gab aber auch Moshpit.

Die Gruppe aus Sand Franciso ist gemeinhin dafür bekannt, das Gekreische und die Raserei von Black Metal mit dem schönen Hall, den zärtelnden Melodien und dem süßen Rauschen von so genanntem Shoegaze zu überlagern. „Blackgaze“ hat das dann mal jemand genannt, die Band selbst, wie das so ist, mag den Begriff natürlich nicht leiden.

Die vage, formelhafte Umschreibung stimmt aber schon. Zum Grundrezept kommen lange, lange instrumentale, sphärische Passagen, die die Musik von Deafheaven Richtung Postrock schieben. „Sunbather“ hat das Durchbruchsalbum von Deafheaven geheißen, das dazugehörige Plattencover ist blassfleischrosa: Sonnenbaden und die Farbe Rosa – das liebe Spielen mit den alten Metal-Signifiern.

Bilder vom Donaufestival, Krems

David Visnjic

Deafheaven

In der Live-Darbietung kann man sehen, dass Deafheaven gleichermaßen wie ein reinigender Stromschlag als auch fast schon ambientöse Heilmassage funktionieren können. Dynamische Verschiebungen, Laut/Leise, Laut/Leise, man muss hier keine Lieder erkennen.

Gut die erste Hälfte des Sets machen Stücke vom aktuellen Album „New Bermuda“, die zweite Songs von „Sunbather“. In der Mitte steht ein beispielhaftes Stück: Eine geil in die Welt geschrieene Coverversion der Nummer „Cody“ der schottischen Postrock-Fleischhauer Mogwai. „Cody“ heißt das Lied – das steht für „Come on Die Young“.

So kann man diese Band verstehen. Todessehnsüchtige Romantik mit ironisierender Brechung, Schmerz, Zerstörung und die herzliche Versöhnung. Eine unsympathische Kackband mit guter Musik und geilem Konzert.

Letzte Erlösung

Danach durfte noch einmal die Elektronik surren. Einmal streng, klinisch und wunderbar bei der englischen Musikerin Klara Lewis, die 2016 ein fantastisches, zweites Album beim Wiener Label Editions Mego veröffentlicht hat, das andere mal doomig, sakral, gemein gemeint bei Ben Frost. Einmal noch zittern und wabern.

Bilder vom Donaufestival, Krems

David Visnjic

Klara Lewis

Am Ende half in der Festivalzentrale der deutsche Produzent, Sänger und Schlagerconnaisseur Justus Köhncke mit einem DJ-Set durch die Nacht. Discoid, ohne Mangel an Glam.

Der Grad der herrlichen Entgleisung auf, vor und neben dem Dancefloor war dergestalt, dass es nicht nur nicht etwas unangemessen, sondern genau so wie es war, gut und richtig war, dass Köhncke nicht wenige Stücke, die unter seiner eigenen Urheberschaft entstanden sind, aus den CD-Playern kitzelte. Eines hieß zum Beispiel „From: Disco to: Disco“, ein anderes: „Was ist Musik?“. So kann es funktionieren. Zwischen den Orten, das Donaufestival stellt die Verbindung her.

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