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Filmstill aus "Die Migrantigen"

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Sind „Die Migrantigen“ misslungen?

Für den Literaten, Essayisten und Psychoanalytiker Sama Maani wäre die Komödie ein nützliches Mittel um herrschende Identitätszuschreibungen und –konstrukte auseinanderzunehmen. Gerade in Verwechslungskomödien wird nämlich unser Alltagsbewusstsein dekonstruiert.

Von Lukas Tagwerker

In unserem Alltagsbewusstsein - so Psychoanalytiker Sama Maani - gehen wir davon aus, dass es einerseits eine „innere Wahrheit“ gibt: das, was ich fühle und denke, in gewisser Weise auch meine „innere authentische Identität“. Und dann gibt es auf der anderen Seite den äußeren Augenschein, also, das, was ich gerade nach außen vorspiele, wie ich mich nach außen hin gebe.

Ausländer sein ist wie Hollywood!

Irgendwas mit Migrationshintergrund? Nein, Arman T. Riahis „Die Migrantigen“ ist die lustigste österreichische Komödie (ohne Hader in der Hauptrolle) seit Langem. Gescheit und mit Liebe zum Detail. (Jan Hestmann über „Die Migrantigen“)

Im Alltagsbewusstsein ist das Innere „das Wahre“ und die Rollen, die ich im Alltag spiele, da bin ich nur eine Art Schauspieler. Die Komödie zeige uns, dass es genau umgekehrt ist oder sein kann.

In der Komödie „Green Card“ z.B. spielt Gerard Depardieu einen Komponisten in New York. Um seinen Aufenthalt in den USA zu sichern, geht er eine Scheinehe mit einer Amerikanerin ein, die wiederum einen Ehemann braucht um eine Wohnung zu bekommen. „Natürlich verlieben sie sich dann wirklich. Dieses Muster der Komödie zeigt, dass, wenn ich eine Rolle spiele, sich das auch massiv auswirken kann auf mein sogenanntes ‚Inneres‘. Identität bricht nicht aus dem Inneren hervor, oder aus den Tiefen der Geschichte, sondern wird oft von außen zugeschrieben und dann angenommen.“ sagt Sama Maani.

Der Essayist Maani sieht diese Möglichkeiten der Komödie beim Film „Die Migrantigen“ zwar in Ansätzen vorhanden, aber überhaupt nicht ausgeschöpft.

Rassistische Stereotype vom „Fremden“ in der „sozialen Hängematte“, der von „unserem Steuergeld“ lebt, werden zwar ironisch angespielt bzw. überaffirmiert, der Film verabsäume es aber diese Fantasien, auch Fantasien über Kriminalität wirklich auszuschöpfen.

Hauptdarsteller des Films "Die Migrantigen"

Golden Girls Filmproduktion

„Die Migrantigen“, so Maani, sei als Bearbeitung aktueller Migrations- und Identitätsdebatten gründlich und fundamental misslungen, weil das diese Debatten beherrschende Thema, der Islam, im Film völlig ausgespart bleibt und mit keiner Silbe* erwähnt wird. „Früher gab es Ausländer. Jetzt gibt es keine Ausländer mehr, es gibt nur mehr Moslems,“ zitiert Maani eine verkürzte Zusammenfassung der Debatten seit den 90er Jahren.

Wenn Rassisten früher gesagt haben „die Türken machen uns Probleme“ hätten sie damit gemeint „Die Türken machen uns Probleme weil sie Türken sind“. Heute würden die gleichen Leute sagen „Die Türken machen uns Probleme weil sie Moslems sind.“

Was ist da passiert?

Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften würde mit dem Islam eine „volle Identität“ zugeschrieben. „Wir haben dann das Gefühl, dass dieser Islam so eine Art Natureigenschaft von Menschen ist, die aus diesen Ländern kommen.“

Sama Maani

Sama Maani

Sama Maani ist in Graz geboren, lebt und arbeitet als Schriftsteller und Psychoanalytiker in Wien.

Empirische Studien belegen hingegen, dass sich beispielsweise 50% der aus dem Iran nach Deutschland Zugewanderten nicht als Moslems definieren, und von den übrigen 50% sich weitere Gruppen zwar als Moslems aber nicht als „gläubig“ bzw. „religiös“ definieren.

„Wir schreiben bestimmten Individuen eine bestimmte Identität zu. Diese Menschen werden aus dem Diskurs als einzelne Menschen vollkommen eliminiert. Was anstelle dieser Menschen erscheint ist ‚der Islam‘. Das geht so weit, dass das Individuum verschwindet und ‚der Islam‘ stellvertretend zu einer Art Individuum wird. Dann ist es nur logisch, dass, wenn jemand etwas Kritisches über den Islam sagt, dass dann die Wohlmeinenden das Gefühl haben, das sei rassistisch und damit unmöglich. Damit wird jegliche Diskussion beendet. Das Fatale an diesem ganzen Identitätsdiskurs ist, dass nicht nur die Rassisten und die Rechten diese ‚volle Identität‘ den vermeintlichen oder tatsächlichen Moslems zuschreiben, sondern, dass auch wir Wohlmeinenden, wir Weltoffenen, wir Linke, wir Liberale - ohne es zu bemerken - die Identitätskoordinaten der Rechten völlig übernehmen und in unserem Diskurs selbst rassistisch werden“, so der Literat und Analytiker Sama Maani.

Alle diese Identitäsvorgaben, diese Ideologie der ‚vollen Identität‘ könnte die Komödie durchschauen und entlarven. „Die Migrantigen“ - so Maani - tut das aber nicht.

*Edit - In einer Szene im Film wird der Islam doch erwähnt: am Kebab-Stand geht es darum, ob die Migrantigen wissen, was „halal“ bedeutet.

FM4 Auf Laut - Was macht man so als Ausländer?

Mit dem Kinofilm „Die Migrantigen“ hat Regisseur Arman T.Riahi eine beißende Satire auf vorherrschende Identitätsdiskurse vorgelegt. Zwei Bohemiens aus dem Kreativprekariat müssen ihren Migrationshintergrund in den Vordergrund spielen, um den Mainstream-Blick auf „die Anderen“ zu bedienen.

„Das Drama unserer Figuren ist, dass sie zu integriert sind.“ sagt Riahi. Gibt es in einer Übererfüllung von Integrationsanforderungen so etwas wie Identitätsverlust? Wie können „die Migrantigen“ sich von Klischees befreien? Und wieviel Selbstverarschung verträgt die eigene inszenierte „realness“?

Elisabeth Scharang diskutiert mit Arman T.Riahi und den Hauptdarstellern und Co-Drehbuchautoren Faris Rahoma und Aleksandar Petrović.

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