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Elle Fanning in "the beguiled"

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Leidenschaft in der Light-Variante

„The Beguiled“, zu deutsch „Die Verführten“, versucht einen abgründigen 70ies-Klassiker auf zeitgemäße Weise neu zu interpretieren.

von Christian Fuchs

Die 1970er Jahre waren zweifellos ein unverschämtes Kinojahrzehnt. Beeinflusst von den diversen Befreiungsbewegungen der Sixties schien plötzlich fast alles erlaubt: Sex, Gewalt und gesellschaftliche Tabubrüche gehörten beinahe zum filmischen Alltag. Regisseure aus allen Richtungen, auch solche aus der kommerziellen und konservativen Ecke, gingen plötzlich Wagnisse ein. Eine Dekade lang, bevor George Lucas und Steven Spielberg mit ihren kalkulierten Blockbustern die sehr konträren 80er einleiteten, ging es auf der Leinwand rund.

In unserer kulturell übersensiblen Gegenwart fühlen sich manche 70er-Filme steinzeitlich an, vulgär, sexistisch, politisch höchst unkorrekt. Aber gleichzeitig lässt sich nicht leugnen, dass diese Streifen eine obsessive, primitive Energie ausstrahlen, die das gegenwärtige Kino brav und bieder wirken lässt. Es ist daher alles andere als leicht für aktuelle Filmemacher, ein Remake von einem Film aus dieser Ära zu machen, ohne dabei in irgendeiner Weise zu verlieren.

Szenenbilder von "the beguiled"

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Verschwitzter Südstaaten-Fiebertraum

Die grundsätzlich großartige Sofia Coppola, der wir melancholische Meisterstücke wie „Lost In Translation“ verdanken, hat es dennoch versucht. „The Beguiled“ heißt ihr neuer Film, auf deutsch „Die Verführten“, der auf einem gleichnamigen Psychothriller aus 1971 basiert. „Betrogen“ lautete bei uns der Verleihtitel dieses ziemlich exzentrischen Werks, das lange nur unter Fans von Clint Eastwood als Geheimtipp herumgereicht wurde.

Der spätere Hollywood-Star war damals einem breiteren Publikum bloß als wortkarger Italowesternheld bekannt, erst als knallharter Cop „Dirty Harry“ gelang ihm danach der große Durchbruch. Ausgerechnet der Regisseur dieses Krimierfolgs, der Actionspezialist Don Siegel, steht auch hinter dem bizarren Südstaatendrama „The Beguiled“ und verhandelt darin auf schleichend verstörende Weise Geschlechterverhältnisse.

Szenenbilder von "the beguiled"

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Clint Eastwood spielt in der Adaption eines Southern-Gothic-Romans einen schwer verwundeten Soldaten im amerikanischen Bürgerkrieg. Eine 12-Jährige findet den Yankee-Offizier beim Pilzsuchen im Wald und hilft ihm in ein naheliegendes Mädcheninternat. Die Ankunft des feindlichen Soldaten lässt unter den jungen Südstaaten-Frauen die Stimmung hochkochen. Nach einiger Zeit weicht aber die Angst und der Mann wird für die Schülerinnen und die ältere Internatsleiterin (Geraldine Page) zur Projektionsfläche für Gefühle und Begierden.

Don Siegel, sonst eher nur für solide Genreware bekannt, lässt im Regiestuhl den abgründigen Künstler aus sich heraus. "The Beguiled“ fasziniert als verschwitzter Südstaaten-Fiebertraum, voller unterdrücktem Sex, Machismo, Blut. Auch vor deutlichen Inzestanspielungen macht der Film nicht halt, dazu traut sich Siegel auch stilistisch einiges, mit zahlreichen Flashbacks, psychedelisch anmutenden Überblendungen und gespenstischer Marschmusik, die zusätzlich für Gänsehaut sorgt.

Szenenbilder von "the beguiled"

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Schönes Schmachten ohne Substanz

Sofia Coppola, bekannt für ihre traumwandlerischen Filmfantasien, entschärft die Vorlage extrem. Leider bis zu einem Punkt, wo in dem Ensembledrama nur mehr wenig Dramatisches zu finden ist. Schon in der Eröffnungssequenz unterscheidet sich der Tonfall auf essentielle Weise: Muss man beim Aufeinandertreffen von Clint Eastwood und der jüngsten Schülerin unweigerlich an Rotkäppchen und den bösen Wolf denken, liegt in der Neuversion zwar auch der Flair eines Märchenfilms in der Luft. Aber ohne den Hauch der Gefahr. Denn von Colin Farrell als Corporal McBurney geht keine wirkliche Bedrohung aus.

Man will sich in weiterer Folge in den sorgfältig komponierten Bildern, die oft nur von Kerzenschein erhellt sind, fallen lassen, möchte die schwülstige Atmosphäre in dem abgeschirmten Pensionat genießen. Aber Sofia Coppola macht es einem nicht leicht, selten entwickelt ihre Neudeutung von „The Beguiled“ irgendeine Art von Sog. Vielleicht hat die Trägheit des Films auch mit dem beinahe Verzicht auf Musik zu tun, treiben doch sonst sorgfältig ausgewählte Popsongs die tollen Arbeiten der Regisseurin an.

Szenenbild aus "the beguiled"

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„The Beguiled“ läuft seit 29. Juni 2017 in den österreichischen Kinos. Das Filmcasinoin Wien zeigt am 30.06 und am 7.7 um 22:30 „The Beguiled“ aus dem Jahr 1971

Weder fantastische Schauspielerinnen wie Elle Fanning, Nicole Kidman oder Kirsten Dunst können „The Beguiled“ letztlich aus dem Absturz in die gepflegte Fadesse retten noch die gruseligen Wendungen der Story. Auch in Coppolas Version spitzt sich die Atmosphäre in dem isolierten Haus zu, genießt der Soldat sein Dasein als Hahn im Korb, bis zu einer fatalen Nacht, in der die Ereignisse eskalieren. Ein skrupelloser Manipulator wie Clint Eastwood ist Colin Farrell aber nicht und Nicole Kidman steht eher für eisige Logik als jene Besessenheit, die den früheren Film durchzog.

Sie wolle im Gegensatz zum Original die Frauenperspektive zeigen, erklärt Sofia Coppola in Interviews ihren Ansatz. Trotzdem ist „The Beguiled“ kein pointiert feministischer Film geworden. Am Ende bleibt ein unentschlossenes Werk zurück, voll toller Darstellerinnen, die in schönsten Südstatten-Settings dahinschmachten. Don Siegels Streifen mag mit der Figur einer afroamerikanischen Sklavin anecken, mit inzestuösen Rückblenden und kontroverse Küssen irritieren, fesselt aber gerade deswegen durchgehend. Die 2017er Version steht bloß für Leidenschaft in der Light-Variante, für viel Stil und wenig Substanz – 1:0 für die Vergangenheit also.

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