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Samoa

Valerie Kattenfeld

Weltreiseblog

Sonntags auf Samoa

Willkommen am anderen Ende der Welt. Hier, wo die Tage beginnen.

Von Valerie Kattenfeld

Der zweite Kontinentswechsel meiner Weltreise ist eine physische und geistige Herausforderung. Völlig verschnupft fliege ich am Mittwoch um 23:59 in Buenos Aires weg und komme nach fünfzehn Stunden am Freitag um fünf Uhr Früh in Auckland an. Moment. Freitag? Es braucht eine Weile sowie technisches Hilfswerkzeug in Form eines eines Kaffeebechers, der die Weltkugel darstellt und einem Zuckerpäckchen als Sonne, bis ich das am Flughafen in Auckland ausgetüftelt habe. Trotz meines übermüdet-verpeilten Zustandes möchte ich verstehen, warum ich einen Tag meines Lebens soeben komplett verflogen habe. Dabei ist es ganz logisch: Als ich in Südamerika gestartet bin, war Neuseeland schon mit dem halben Donnerstag durch. Willkommen am anderen Ende der Welt. Hier, wo die Tage beginnen.

Nach zehn Stunden Wartezeit und einem weiteren vier Stunden-Flug bin ich auf der pazifischen Insel Samoa angekommen. Schwüle schlägt mir entgegen. Jetzt nur noch den Rucksack vom Band nehmen, ins Taxi steigen, mich ins Bett fallen lassen. Endlich.

Am nächsten Tag erkunde ich Apia, die Hauptstadt der Insel. Als Spaziergängerin werde ich zur potentiellen Einnahmequelle für sämtliche Taxifahrer - offenbar ein beliebter Beruf unter den 200.000 Insel-Einwohnern. „Taxi, Taxi! Miss, do you need a taxi? Where are you going?“. Alle paar Meter wiederhole ich mein „No, thank you.“ Leicht genervt, muss ich zugeben. Gibt es hier genug Touristen für all die Taxifahrer? Ich habe nicht den Eindruck.

Am Flohmarkt komme ich ins Gespräch mit einer jungen Frau namens Ronna. Der Stand gehört der Schwester ihres Freundes Sio. Ronna hat im Moment nichts zu tun, deshalb hängt sie hier herum, wie sie sagt. Sie lebt mit ihrem Freund, der als Koch arbeitet. Sie würde gerne die Ausbildung zur Mechanikerin in Neuseeland machen, aber dafür reicht das Geld nicht. Ich frage Ronna, ob sie mir ein Restaurant empfehlen kann und prompt nimmt sie mich mit zum Markt. Nach zwei Stunden Spazieren gehen und vielen Naschereien nennt sie mich Schwester und lädt mich für den nächsten Tag zum Essen ein.

Samoa

Valerie Kattenfeld

Es ist Sonntag. Auf dem Weg zu Ronnas Haus sehe ich ein Klassenzimmer. Die Schülerinnen und Schüler sind in festliches Weiß gekleidet. Meine Neugier lässt mich zu ihnen hereinschneien. Ich erfahre, dass aufgrund der Trennung von Staat und Kirche der Religionsunterricht auf Samoa nicht in der Schule stattfindet. Sondern direkt am Sonntag vor der Messe.

99% der Menschen auf Samoa sind christlich. Sie unterteilen sich in viele Untergruppen wie Congregational Christian Church, die römisch - katholische Kirche oder die Assembly of God. Und es ist nicht unüblich, dass die Zugehörigkeit im Laufe eines Lebens einige Male gewechselt wird.

Nachdem ich zeitig aufgebrochen bin, habe ich noch eine halbe Stunde, um mich mit Leafo, Tasi, Evolini, Moana und den anderen Kids in die Kirche zu setzen. Das Violett des Altars bietet einen schönen Kontrast zu den perlenbestickten weißen Kleidern meiner Sitznachbarinnen. Überall um mich wird mit blattförmigen Strohfächern gewedelt. Man sieht dieses Utensil sehr oft auf Samoa; auch als Dekoration am Altar.

Samoa

Valerie Kattenfeld

Zu Mittag bin ich in dem bescheidenen Holzhaus angekommen, wo Ronna mit ihrem Freund Sio und dessen Bruder lebt. Im Wohn/Esszimmer duftet es herrlich. Ich darf an der Spitze Platz nehmen und es wird aufgetischt, was die Platte hält: Lamm und Rindsuppe mit Kürbis und Reis und ein spinatartiges Gemüse, Maniok-ähnliches Taro, Reis und geröstete Würstchen mit Zwiebel. Das Lamm ist zart und hat eine würzige Kruste. Das Blattgemüse kommt in langen Streifen und ich wickle es wie Spaghetti um meine Gabel. Ich koste von jedem ein bisschen etwas. Neben mir steht Rose, eine der größeren Nichten von Ronna und wedelt mir Luft zu. Auf Samoa essen die Familienältesten zuerst, die Kinder sind danach an der Reihe. Es ist mir unangenehm, so bedient zu werden. Als ich satt bin, stehe ich auf und übernehme das Fächern. „You don’t have to do this. You are the guest.“ werde ich getadelt. Ich möchte aber. Ich möchte etwas zurück geben.

Samoa

Valerie Kattenfeld

Als hätte mir jemand die Müdigkeit auf die Lider geschrieben, wird das große Bett im Wohnzimmer für mich vorbereitet und eine Räucherspirale angezündet, um die Moskitos zu vertreiben. Binnen Minuten bin ich in der Nachmittagshitze weggedöst. Als ich verklebt aufwache, setzt sich Ronna zu mir und fragt, ob ich duschen möchte. Ich nicke glücklich.

Dann machen wir uns zurecht für die Kirche. Ronna borgt mir ein elegantes langes Kleid und ich trage feierlich meinen Christian Dior Lippenstift auf. Ich weiß, dass es eine Band geben wird. Sios kleiner Bruder ist der Bassist.

Auf Samoa ist der Sonntag zweigeteilt: am Vormittag wird der heilige Gottesdienst abgehalten und am Nachmittag geht es ums Lobpreisen. Auf der ganzen Insel gibt es alle paar Meter Gemeinschaftszentren, in denen unter anderem Zeremonien abgehalten werden. Es sind überdachte Flächen mit vielen kleinen Säulen an den Seiten, jederzeit zugänglich. Meistens sind sie unmöbliert, manchmal gibt es Teppiche oder Stühle. Diese Gebäude werden ebenso für Zusammentreffen der Gemeinschaft genutzt, für politische Entscheidungsfindung, Diskussionen, als Spielplatz für Kinder. Es ist das typische Element im Straßenbild Samoas.

Samoa

Valerie Kattenfeld

Als Ronna und ich fein zurechtgemacht zur Lobpreis-Zeremonie kommen, sind wir ein paar Minuten zu spät. Schon von der Straße hören wir Bass und Schlagzeug. Würde ich es nicht besser wissen, würde ich ein Popkonzert vermuten. Als wir den Raum betreten, mache ich vorne eine komplette Band aus. Keyboard, Gitarre, mehrere Sängerinnen und Sänger. Obwohl Ronna und ich uns in eine der hinteren Reihen setzen, bleibt meine Anwesenheit nicht unentdeckt. „We welcome our special guest today“ sagt der Prediger mehrmals und zwinkert mir zu.

Die Texte der Songs werden auf eine Leinwand projiziert, damit alle mitsingen können. „Way maker, miracle worker, promise keeper, light in the darkness, my god... that is who you are“. Die Melodie ist derart eingängig, dass sie mich noch tagelang als Ohrwurm begleitet. Genau wie die anderen um mich herum kann ich nicht still stehen. Zöpfe fliegen, Wampen wabbeln, Schweiß wird von der Stirn gewischt und Arme gegen den Himmel gestreckt. Sämtliche Strohblattfächer sind auf Hochbetrieb.

Auch ich bin römisch-katholisch erzogen worden, aber diese Art von Gottesdienst ist mir neu. Es berührt mich, wie offen ich empfangen werde. Ich mag Situationen, in denen ich die einzige Touristin bin. Ronna strahlt mich von der Seite an. Ich bin ihr dankbar, dass sie mich einfach so mitnimmt in ihr Leben. So unverfänglich und selbstverständlich. Wie ist sie mir innerhalb von vierundzwanzig Stunden so vertraut geworden? Vielleicht, denke ich, ist das ein Reisephänomen. Wenn man weiß, man hat nur drei Tage miteinander oder eine Woche, dann lässt man Vorsichtsmaßnahmen und Anfangsgeplänkel beiseite. Und holt sich von Anfang an das Beste. Könnte es nicht immer so sein?

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