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Zola Jesus

Zola Jesus

Back In The Woods

Zola Jesus nennt ihr neues Album „Okovi“. Auf Russisch bedeutet das ‚Ketten‘ oder ‚Fesseln‘. Die russischstämmige Amerikanerin deutet damit an, dass kein Mensch wirklich frei ist. „Okovi“ ist ein großes, sturzflutartiges Album.

Von Eva Umbauer

Eine Platte wie ein Wolkenbruch oder ein reißender Fluss, wie die ‚Sintflut‘ manchmal gar. Ein Album, in dem es um den Tod geht, um Verluste, um Depressionen, um das nicht frei Sein, aber auch um die Rückkehr in die Wälder und die damit verbundene Freude.

Zola Jesus ist jetzt mit wilden Tieren befreundet - mit Bären und mit einer Gruppe Truthühnern. Das erzählt sie jedenfalls in Interviews, die sie zu ihrem neuen Album gibt. Obwohl die Truthühner nicht besonders großen Respekt vor ihr haben, wie Nika Roza Danilova, dich auch Nicole Hummel heißt, erzählt. Dabei versteht sie sich mit den Bären im Wald hinter ihrem Haus, das sie auf dem großen, elterlichen Grundstück errichten ließ, wirklich gut, am Fenster stehend, die Tiere beobachtend.

Die wilden Truthühner schreien und streiten ziemlich viel. Das geht Zola Jesus schon mal auf die Nerven. Die Bären, es sind sieben oder acht, sind hingegen friedlichere Tiere. Meist kommen sie um fünf Uhr morgens aus dem Wald getrabt und speisen dezent vom Apfelbaum und naschen von den Himbeerbüschen, die Zola Jesus ihr Eigen nennt. Bei soviel ursprünglicher, nordamerikanischer Landromantik könnte man fast meinen, unsere liebste Dark-Pop/Industrial/Synth-Rockerin Zola Jesus ist nun zum Hippie-Folk-Mädchen mutiert, aber weit gefehlt, wenn schon Folk, dann in einer zarten Ambient-Anleihe an Russland, beim Song „Doma“.

Zola Jesus ist zwar aus Seattle - früher lebte sie in Los Angeles - zurück auf jener Erde, auf der sie aufgewachsen ist, im US-Bundesstaat Wisconsin im Mittleren Westen, wo ihre Eltern ein Haus und ein Stück Land besitzen, das direkt am großen Wald liegt. Auch das letzte Album von Zola Jesus, „Taiga“, hatte einen Bezug zu dieser Gegend, ist Taiga doch die Bezeichnung für die nördlichste Waldgegend der Welt. Fichten, Kiefern, Tannen und Lärchen gibt es in diesem Wald, aber auch Birken oder Espen. Mit der neuen Platte hat sie die Rückkehr komplett vollzogen.

Zola Jesus

Sacred Bones Records

Als Zola Jesus ein Kind war, ging ihr Vater in den Wald jagen. Rund um das Haus der Familie waren Spuren der Jagd zu sehen, wie Zola Jesus einmal in einem FM4-Interview erzählte. Tierschädel mit aufgerissenen Augen waren zum Trocknen aufgespießt oder dicke Felle in der Sonne ausgelegt. Das hat etwas Dunkles, Mystisches, das auch in der Musik von Zola Jesus trotz aller Urbanität - Nika ist etwa ausgebildete Opernsängerin und liebt die Musik des klassischen Komponisten Gustav Mahler - immer auch herüberkam. Das Dunkle, von dem das neue Album der US-Musikerin handelt, ist hingegen weniger romantisch. Da geht es schließlich auch um Depressionen.

Ihre Depressionen sind so stark geworden, dass Zola Jesus Medikamente dagegen nimmt, wie sie in Interviews zu ihrem neuen Album erzählt. Nicht dass sie das grundsätzlich ohne Wenn und Aber jedem und jeder empfehlen würde, aber sie fand für sich diese Entscheidung die richtige, damit das Denken in der Endlosschleife aufhört und wieder andere Gedanken zulässt.

Depressionen können Menschen wahrlich in Ketten legen. Da wären wir also beim Titel vom neuen Album von Zola Jesus. „Okovi“ heißt es, was in slawischen Sprachen soviel wie ‚Fesseln‘ oder ‚Ketten‘ bedeutet. Die Eltern von Nika Roza Danilova sind Amerikaner, aber väterlicherseits mit russisch-ukrainisch-deutschen und müttlerlicherseits slowenischen Wurzeln.

Existenzielles Trauma

Es waren also Depressionen, die das neue Album von Zola Jesus inspirierten, aber auch die mehrmaligen Suizidversuche eines befreundeten Menschen sowie die Krebsdiagnose, die wiederum jemand anderer in ihrem Freundeskreis erhielt - ‚unheilbar‘, so die Diagnose. Nika Roza Danilova musste Songs schreiben, es ging nicht anders. Alles, was sie als Künstlerin bisher gemacht hatte, was ihr internationale Albumveröffentlichungen und Tourneen gebracht hatten, war plötzlich weit weg in der Vergangenheit. Und doch hat Zola Jesus dann soviel davon auch ‚herübergerettet‘ auf ihr neues Album. Von allem ein wenig aus der Vergangenheit, könnte man sagen, aber unter diesen neuen, erst sehr bedrückenden Umständen.

Zola Jesus: „I feel like I’ve never been able to fully make a statement because I’m always using my records as an opportunity to try and get better in certain areas. But now I feel like I’m getting to the point where I am fluent in all of these things, and I can finally use music as a means to communicate what I want to communicate.“

Ihre stets selbstbewussten und souveränen Streicher-Arrangements etwa bekommen nun bei den neuen Songs eine weitere Bedeutung. In „Witness“ singt Zola Jesus von einem Messer und tiefen, tiefen Wunden - die sich jemand zugefügt hat. Das Orchester in all seiner Eleganz ist von großer Schönheit auf einem dunklen Song wie „Witness“, während die elektronischen Beats alles zusammenhalten, damit man nicht vom Pfad abkommt und stürzt, irgendwo tief hinab, während der Regen auf einen sturzflutartig niederprasselt, und der reißende Fluss einen fortspült, obwohl es hinten nun doch wieder licht wird.

Ende des Tunnels

Ein Licht am Ende ihres Tunnels fand Nika Roza Danilova dann auch nach ihrer Rückkehr nach Wisconsin. Dort in der Einsamkeit, etwa eine halbe Autostunde entfernt von einer Kleinstadt, kann Nika schließlich auch schon mal nachts in den Wald spazieren und Opernstücke singen, ohne dass der Sheriff kommt und sie verhaftet. Ja, und Internet gibt es neuerdings bei ihrer Familie im Wald auch. Warum also nicht wieder dort wohnen? Und so nennt Zola Jesus das erste Stück auf ihrem neuen Album dann auch „Doma“; wieder ein russisches Wort - es bedeutet ‚Zuhause‘.

Leaving home doesn’t mean you lose your roots. Going back doesn’t mean you forget where you’ve been.

Aber auch um Serienmörder geht es am neuen Album von Zola Jesus. Zola ist nicht die erste in der Popmusik, die sich dieses Themas annimmt, vor ihr taten das ja schon Siouxsie & The Banshees oder Neil Young, genauso wie die Beastie Boys, Elliott Smith oder Lana Del Rey, um nur ein paar wenige zu nennen. Der Song „Soak“ ist aus der Perspektive des Opfers eines ‚serial killers‘ geschrieben. Das Opfer weiß, dass es durch seinen Mörder sterben wird, also beschließt es selbst zu sterben. Zola Jesus als Horrorfilm-Regisseurin?

Zola Jesus: „Since moving back to Wisconsin, I got really into true crime. We’ve got Jeffrey Dahmer and Ed Gein and I felt interested in their stories. I started reading about a lot of serial killers, and it insidiously made its way into me and my music. It fed my anxiety pretty masochistically. Like, ’Do you have extreme anxiety? How about you read about serial killers nonstop? ’But in reading these stories, I started thinking a lot about the victim and what it must feel like - those moments when you know you’re not going to come out of a situation alive, and that someone has just blindly decided to take your life without even having a valid reason.“

Wenn dir Zola Jesus gefällt, entdecke die Musik von Ian Curtis, Swans, Lydia Lunch oder Diamanda Galas.

Zola Jesus spielt am 21. November 2017 im Fluc in Wien.

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