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Alex Cameron

Chris Rhodes

Der König der schmierigen Typen

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Der Synthpop des Australiers Alex Cameron und seines zweiten Albums „Forced Witness“ ist schwülstig, traurig, lustig, größenwahnsinnig und extrem tanzbar.

Von Katharina Seidler

Ein Mann sitzt alleine in einer Bar. Er trägt buntes Hemd und Goldkette unter seinem Sakko, er raucht, er fährt sich durchs fettige Haar und steigt auf die kleine Bühne vor den staubigen Samtvorhang. Ein paar Betrunkene prosten ihm zu, die Barbesitzerin wischt am Tresen herum, während er zusammengeschusterte Melodien aus dem Home-Keyboard abspielt und zum Mikrophon greift. Der Alleinunterhalter bewahrt Haltung, ein schmieriger, abgehalfterter Nick Cave, der gerne Bryan Ferry wäre, doch selbst nicht mehr ganz so sicher ist, ob er wirklich the man ist.

Soweit der stereotype Charakter namens Alex Cameron aus dem ersten Album des australischen Musikers Alex Cameron, „Jumping the shark“.“Jumping the Shark“ bedeutet „den Zenit überschreiten“, und folglich erzählt die Platte in acht kleinen Songs von gescheiterten Entertainern, abgesetzten TV-Hosts, Wannabe-Gigolos, Selbstmitleids-Königen mit Ambitionen.

Alex Cameron "Jumping the shark" Albumcover

Alex Cameron / Secretly Canadian

Alex Cameron: “Jumping the shark“, Secretly Canadian, 2016

„Scheitern als Chance“, das nennt Alex Cameron sinngemäß auf seiner Website als eine Art Motto für seine Kunst, und dementsprechend begegnet er seinen Charakteren mit Zärtlichkeit. „I ain’t half the man I wanted to be“, singt einer, als seine Freundin ihn bittet, die Dinge in die Hand zu nehmen, sich am Schluss aber lieber selbst die Axt schnappt und das „Business“ erledigt. Dazu: Lethargischer New Wave, billiger Elektropop mit warmer Crooner-Stimme und unverwechselbaren Dance-Moves.

Die auf früheren Pressebildern sichtbar aufgeklebten künstlichen Falten, die übertrieben ernsthaften Gesichtsausdrücke, die zu kurzen Jeans oder der selbstbewusste, aber etwas ungeschickte Hüftschwung, verwiesen auf ein Augenzwinkern, das für den Hörer nie so recht fassbar war. Ironisch war hier jedenfalls nichts gemeint, höchstens klischeehaft überspitzt, und doch scheint Humor der Schlüssel zu Alex Camerons Werk zu sein.

Alex Cameron

Cara Robbins

Alex Cameron und sein „friend & business partner“ Roy Molloy

Herausgekommen ist „Jumping the shark“ eigentlich bereits 2013. Auf Camerons Website fristete das Album jahrelang eine Existenz als Gratis-Download, bis es von der Indie-Labelinstanz Secretly Canadian entdeckt wurde und den Australier durch die Wiederveröffentlichung zum Labelkollegen von etwa ANOHNI, The War on Drugs oder Suuns machte. Es folgten Touren mit Unknown Mortal Orchestra, Mac de Marco und Angel Olsen, außerdem weltweite Internet-Aufmerksamkeit, euphorische Reviews und schließlich ein Anruf von Brandon Flowers.

Dieser verhandelt mit seiner Band The Killers seit bald fünf Alben brüchige oder weniger brüchige Konzepte von Männlichkeit. „I got gas in the tank, I got money in the bank, I got news for you baby, you’re looking at the man” heißt es in der aktuellen The Killers-Single namens, genau, “The Man”, die Lederjacke trotzt dem Motorrad-Wind.

Ganz so weit haben es Alex Camerons Figuren auf dem Album-Nachfolger „Forced Witness“ nicht gebracht. Das einsame Rampenlicht haben sie verlassen für einen ebensolchen Platz vor dem Heim-PC.

Alex Cameron "Forced Witness" Cover

Alex Cameron / Secretly Canadian

„Forced Witness“ von Alex Cameron ist bei Secretly Canadian erschienen.

„So I live with a deep regret, of all I do on the internet“, denn diese fragwürdigen Internet-Aktivitäten haben ihn seine große Liebe zu “Candy May“ gekostet, später auf der Platte wird es gar noch schmieriger. Der User „Studmuffin96“ wartet im gleichnamigen Song auf seine Geliebte, allerdings nicht etwa auf romantische Weise, sondern insofern, als sie bald endlich 17 und somit sexuell mündig wird. Der aktuelle Alex Cameron-Songcharakter ist größtenteils ein ziemliches Arschloch.

Die alten Jacketts hat er gegen eine engsitzende Jeansjacke ausgetauscht, die Latex-Gesichtsfalten sind verschwunden, der minimalistische Lo-Fi-Sound des Debüts ist einer glänzenden Pop-Ästhetik der allergrößten Gesten gewichen. Ausgiebig tobt sich Camerons „good friend and business partner“, so dessen allgemeine Vorstellung bei Konzerten, Roy Molloy auf dem Saxophon aus, dazu gibt es Soft Rock-Gitarren, Bongos, E-Pianos direkt aus den 80er Jahren. Die völlig ernsthafte Art und Weise, mit der Alex Cameron sich aus vergangenem Soft Pop und Classic Rock von Bruce Springsteen bis Duran Duran und, sagen wir, Dirty Dancing bedient, ist geradezu schamlos.

Dementsprechend haben sich viele Fans seiner ersten Platte, auf der die Verletzlichkeit unter der Macho-Fassade noch deutlich greifbarer war, von „Forced Witness“ abgewandt, und man kann es ihnen nicht verdenken. Gerade in der zelebrierten Glattheit und dem wissentlich falschen Schein findet sich allerdings ein Spiegel für eine durch das Internet abgestumpfte Gesellschaft. Camerons Figuren geben sich chauvinistisch, aber auch unsicher, Sexchat-süchtig, aber auch herzgebrochen über das Elend, das er sich selbst damit antun. Sie sind so lächerlich, dass es schon wieder ernst ist, und umgekehrt.

Alex Cameron feat. Angel Olsen: „Stranger’s Kiss“
...als FM4 Song zum Sonntag

Solche unbescheidenen Gesten, die „bloody knuckles“ gen Himmel strecken, sich auf die Brust schlagen, den Verlust von „Baby“ beweinen, wobei man sich doch nicht von den eigenen schlechten Angewohnheiten trennen kann, kommen Brandon Flowers gerade recht, der auf eigene Initiative hin bei zwei der Songs als Co-Komponist und Background-Sänger auftaucht. Auch das kalifornische Duo Foxygen schöpft mit derartiger Größenwahnsinnigkeit aus dem Archiv der Popmusik von Rock bis Glam, und folgerichtig wurde „Forced Witness“ von Foxygen-Hälfte Jonathan Rado mitproduziert.

Well it’s hard being a liar
I don’t know who’s supposed to be on my mind
’Cos I love my little darling
But I also love these women online

(“True Lies”)

Allzu naiv ist der Ich-Erzähler in dem Song “True Lies” nicht, denn er ahnt selbst, dass hinter den wunderschönen Augen seiner Internet-Bekanntschaft möglicherweise „some Nigerian guy“ stecken könnte. Davon will er nichts hören. Die Lügen sind so schön.

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