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Spion in spitzen Hosen

Britische Spione im feinen Zwirn gegen Julianne Moore als Drogenbaronin. „Kingsman: The Golden Circle“ vermengt herrlich Unsinn, Wahnsinn, Satire und Action. Wäre da bloß nicht diese eine Sex-Szene.

Von Pia Reiser

Da stehen sie sich eines Nachts auf einem Gehsteig in London gegenüber: Der stoppelglatzige Schnösel-turnded Hitman und Eggsy, der frühere Problemjugendliche mit Goldschmuck und Polyester-Trainingsanzügen, der nun genagelte Schuhe und Anzüge aus der Saville Row trägt. Das britische Klassensystem, ohnehin fester Teil der Popkultur, ist auch ein wichtiger Baustein der „Kingsman“-Filme.

Im ersten Teil „Kingsman: The Secret Service“ wurde Gary „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) vom chav zum gent, im Grunde eine Variation des „Pygmalion“-Motivs: Änderung der Sprache, Kleidung und Verhalten, um der Klasse zu entkommen, in die man geboren wurde. Nach Absolvierung der Spion-Ausbildung ist der supersmarte Eggsy nun Teil der geheimen Organisation „Kingsman“, quasi ein secret secret service.

Zur Ausstattung gehören Schirme, die auch High-Tech-Schilder sind, Handgranaten, die sich als Klappfeuerzeuge tarnen und giftigen Pfeilspitzen in Oxford-Schuhen. Klingt alles nach James Bond, doch Upper-Class-007 hat weitaus weniger Einfluss auf die „Kingsman“ als Harry Palmer. Den Spion aus der Arbeiterklasse hat - mit Hornbrillen und in zweireihigen Anzügen steckend - Michael Caine in den Sechziger Jahren gespielt und Eggsy ist im Grunde eine zeitgeistige Variation von Harry Palmer. Eggsy ist - um das Ganze auf die Spitze zu treiben - mit einer schwedischen Kronprinzessin liiert. Von blue collar zu blue blood, das ist die britische Version des amerikanischen „Alles ist möglich“-Kalenderspruchs „Vom Tellerwäscher zum Millionär“.

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Harry Palmer und Eggsy haben das Klassensystem ausgehebelt - und beide sehen dabei sehr gut aus. Die Kleidung der Figuren in beiden „Kingsman“-Filmen ist so essentiell für den Look der Filme, dass es naheliegend war, eine Kollektion bestehend aus Sakkos, Mänteln und Acessoires in den Handel zu bringen. Während es also Überschneidungen in den Kleiderkästen der Spione Palmer und Unwin gibt, so bewegen sich die beide in ihrem feinen Zwirn durch völlig unterschiedliche Filme. „The Ipcress File“ verwurzelt einen Spionage-Thriller im Kitchen Sink Drama, „Kingsman: The Golden Circle“ nimmt Versatzstücke des Spionagefilms (und -klischees) und dreht die Überhöhungs-, Gewalt- und Referenzregler auf Anschlag.

Channing Tatum und Halle Berry

Centfox

Und à propos Anschlag: In einer einzigen Nacht werden alle „Kingsman“-Mitglieder ausgelöscht, alle außer Eggsy und IT-Wizard Merlin (Mark Strong). Laut „Doomsday Protocol“ ruft das das amerikanische Äquivalent der Kingsman auf den Plan, die amerikanischen Statesmen. Cowboyhuttragende, Kautabak-spuckende Männer - und Halle Berry. Gemeinsam muss man sich den wahnsinnigen Plänen der Drogenbaronin Poppy Adams (Julianne Moore) stellen.

Poppy kontrolliert nicht nur den Drogen-Weltmakt, sie hat auch Elton John entführt und dreht unfolgsame Mitarbeiter durch den Fleischwolf. „Kingsman: The Golden Circle“ ist eine hochexplosive und fantastisch unterhaltsame Mischung aus Wahnsinn und Unsinn. Satire und Gewalt treffen aufeinander, während Elton John im Vogelkostüm durchs Bild läuft. Und doch schlägt ein Herz in diesem irren Spektakel.

Julianne Moore

Centfox

„Kingsman: The Golden Circle“ ist trotz all der Referenzen und Komik keine Agentenfilm-Parodie, der Film hat eine ganz eigene Tonalität. Ultrabrutal, quietschbunt, schrill und ironiegetränkt. State of the Art-Kneipenschlägereien treffen auf Kommentar zur gängigen Drogenpolitik. Save lives, legalize, sagt Poppy Adams und mokiert sich über die Akzeptanz von Nikotin- und Alkoholkonsum und die Kriminalisierung von Drogen. Inmitten all der Explosionen, Verfolgungsjagden und Elton John im Hühnerkostüm schreibt sich der Film eine Kritik am war on drugs auf seine Fahnen. Immer noch Zweifel? Pedro Pascal mit Schnauzer. Mark Strong singt „Country Roads“, was wollt ihr denn noch mehr?

Mehr Frauenfiguren. Und bessere Frauenfiguren. Aus dem Protest über die umstrittenen Sex-Szene in „Kingsman: The Secret Service“ haben Matthew Vaughn und seine Drehbuchautoren nur bedingt gelernt. Zwar macht Eggsy zunächst etwas, das noch nie ein Spion im Film gemacht hat: Er ruft seine Freundin an, bevor er sich mit einer Frau aus beruflichen Gründen einlässt. Dann aber liefert der Film eine Kamerafahrt zwischen die Beine, in den Slip und in ihren Körper hinein. Falls Laura Mulvey das mal sieht, muss sie sich eine Steigerung von male gaze einfallen lassen. Taron Egerton vermutet, Regisseur Matthew Vaughn will in jedem Film ein Schock-Element drinhaben, etwas, worüber garantiert geredet wird. Die Szene ist halt nicht wirklich schockierend, als vielmehr einfach deppert. Und bringt den Film kurz tatsächlich aus der Balance.

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