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Peter Ily Huemer hat eine Dokumentation über die Kultband „Chuzpe“ gemacht und mit uns darüber gesprochen.

Von Christoph Sepin

Es ist eines der ikonischsten Bilder der Wiener Untergrundbewegung: Ein schwarz angezogener Punkrocker, der durch die Straßen der Stadt spaziert. Auf seiner Lederjacke vier Wörter geschrieben: „Wien du tote Stadt“. Aus dieser Tristesse entstand in den 70ern eine der wichtigsten Bands der österreichischen Punkszene: Chuzpe.

Wenn man über die Entstehung der Punkmusik in Österreich spricht, kommt man an der Gruppe aus Wien, die von vielen als allererste Punkband des Landes gesehen wird, nicht vorbei. Das dachte sich auch der Filmemacher Peter Ily Huemer, dessen schlicht nach der Band benannte Dokumentation über Chuzpe jetzt in die Kinos kommt. Aber: „Chuzpe“ ist keine einfache Doku über die Band, sondern fokussiert sich auf die Geschichte der Stadt, der Subkultur und darauf wie das eben damals so war.

In seiner Dokumentation setzt sich Huemer nicht nur mit Bandmitgliedern von Chuzpe zusammen, sondern auch mit anderen wichtigen Akteuren und Akteurinnen der damaligen Szene und lässt sie zu Wort kommen. Geschichten werden über eine Zeit erzählt, als es gerade mal fünf Punks in der Stadt gegeben hat, als man zum ersten Mal Musik von Bands wie den Sex Pistols oder den Ramones gehört und bemerkt hat: Moment, da ist was im Entstehen. Da gibt es einen Ausweg aus der Langeweile. Dazwischen gibt’s Archivaufnahmen von Chuzpe und ihrer Musik.

„Chuzpe“ von Peter Ily Huemer ist ab dieser Woche in den Kinos. Das große Auftaktscreening mit Konzert findet am Freitag, 29. September, im Gartenbaukino in Wien statt.

Ohne zu viel Nostalgie wird erklärt, warum sich das denn alles musikkulturell so entwickelt hat, wie es heute ist. Was besonders für Leute interessant ist, die damals noch nicht dabei gewesen sind, als das Ganze so richtig losgegangen ist. Und Wien seinen Ruf als tote Stadt endgültig ablegen konnte.

Peter Ily Huemer über Chuzpe

Wie ist man denn auf die Idee gekommen einen Film über Chuzpe zu machen?

Peter Ily Huemer: Es ist eigentlich aus einem lustigen Abend mit dem Stefan Wildner entstanden (Anm.: Keyboarder und Sänger in Chuzpe). Wir sind zusammengesessen - es war schon spät - und uns ist irgendwann die Parallelität der Geschichte von Chuzpe mit der Geschichte der Szene aufgefallen. Beginnend mit dem Punk, mit dem Frühpunk, also von den Ramones beeinflusst. Dann die Sex Pistols und The Clash-Phase und dann ging das in den New Wave über. Im New Wave hatten Chuzpe dann auch ihren größten Hit, haben - das kann man sich heute gar nicht vorstellen - die Wiener Stadthalle ausverkauft. Und dann ist das sofort wie eine Sternschnuppe verglüht. Was uns auch aufgefallen ist, ist, dass es nichts gibt über die Zeit. Und diesem weißen Fleck auf der Landkarte, dem wollten wir uns annehmen. Wir wollten das nicht von außen machen, also in der klassischen Dokuform, mit Voice-Overs und Erklärungen und Stimmen, die das dem Unkundigen erklären, sondern sehr authentisch - also von unten - erzählen.

Der Film hinterlässt den Eindruck, dass die Geschichte der Band als Sprungbrett verwendet wird, um dieses größere Konzept von diesem „Wien du tote Stadt“ näherzubringen. Dass mal in Wien wirklich wenig los war.

Peter Ily Huemer: Wir wollten genau da rein. Die Trostlosigkeit dieses 70er Jahre-Wiens kann man sich aus heutiger Perspektive kaum mehr vorstellen. Aber wie es oft so ist: Aus dieser Trostlosigkeit, aus diesem Status Quo ist dann als Reaktion darauf was entstanden. Das war am Anfang nur Energie und natürlich ein Bauchgefühl, eine Reaktion auf das was war. Das war genau die Absicht des Films, Chuzpe als Sprungbrett zu benutzen, die Geschichte der Band, um in die Zeit einzutauchen.

Was war denn der Moment, wo man damals bemerkt hat, dass sich da was ändert?

Peter Ily Huemer: Es ist relativ flott gegangen. Also es gab ja nicht einmal ein Lokal, wo man hingehen konnte. Kann man sich kaum vorstellen. Man hat sich bei U-Bahn-Stationen getroffen, in Ermangelung von Lokalen. Ich würde sagen Anfang der 80er. Mit dem New Wave, der aus der Punk-Bewegung rauskam ist viel entstanden, was dann auch außerhalb der Musikszene passiert ist. Es war in der Mode spürbar, Helmut Lang kommt aus der Szene. Die Öffnung ist in den 80ern passiert und die wurde dann auch nicht mehr rückgängig gemacht. Ich weiß nicht ob es stimmt, dafür bin ich noch zu jung, aber die 68er sind in Wien nicht passiert. Und die 78er dann interessanterweise doch.

Bei so einem Projekt ist es auch schwierig nicht in die Nostalgie abzudriften. Wie hat man sich da heranbewegt, damit das nicht passiert ist?

Peter Ily Huemer: Das war uns von Anfang an wichtig, da nichts Verklärendes abzuliefern, sondern etwas Widersprüchliches. Weil die Szene an sich ja voller Widersprüche war und die wollten wir auch nicht zukleistern, sondern die wollten wir darstellen. Oder so zeigen wie sie waren. Es gab dann auch Leute, die meinten, der Film sei nicht optimistisch oder positiv genug. Das finde ich nicht. Es ist ein Mosaik, das sich zusammensetzt. Wir geben ja sehr wenig Hinweise, die dem Zuschauer helfen, das kartographisch aufzuarbeiten. Die Information kommt durch die Äußerungen der Protagonisten. Und die setzt sich dann zusammen, immer schärfer, bis nicht nur ein Bild, sondern eine ganze Zeit spürbar, sichtbar, begreifbar wird.

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