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ÖFB-Krise

Clowns of the Stone Age

Teil 3 der Trilogie über Glanz und Elend des ÖFB. Wie der Verband mit dem Rauswurf Ruttensteiners seine Zukunft aufs Spiel setzt. Und die unrühmliche Rolle, die die Bundesliga dabei spielte.

von Martin Blumenau

Ein paar Tage nach den ungeheuerlichen Geschehnissen des Wochenendes, der Farce um die Ablöse des ÖFB-Sportchefs Willibald Ruttensteiner, lichten sich die Nebel.

Was übrig bleibt: die niederen Motive der Ruttensteiner-Killer aus den Landesverbänden, deren fortgesetzte Selbstzerstörung, ein konzeptloser und totalbeschädigter Sportchef-Nachfolger, ein Präsident ohne Land und Macht und eine Menge Lippenbekenntnisse über die Fortsetzung eines erfolgreichen Kurses. Denn die Ära Koller (die letzten 6 Jahre) war ebenso wie die Ära Ruttensteiner (die letzten 18 Jahre) eine beispiellose Erfolgsgeschichte voller landmarks, die sich selbst mit der Methodik Trump, dem kindlichen Herbeireden von archaisch-besseren Zeiten, nicht mehr wegfälschen lässt.

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Auch wenn das heftig versucht wurde und die Präsentation von alternativen Fakten die Hauptbeschäftigung all jener war, die den Umsturz innerhalb des ÖFB, diesen Rücksturz in die fußballerische Steinzeit zu verantworten haben.

Und so sind es derzeit die offensichtlich exklusiv Schuldigen, die neun Landespräsidenten, intellektuell wehrlose Machtmenschen, die als Säue durchs mediale Dorf getrieben werden. Mit dem moralischen Grundgefühl einer verdienten und längst fälligen Abreibung.

Eine Fraktion kam dabei bis dato aber glimpflich davon: die Bundesliga. Deren drei Vertreter im ÖFB-Präsidium hätten nämlich alles verhindern können. Die Stimmen der neun Landespräsidenten waren 5:4 aufgeteilt - es lag also am ÖFB-Präsidenten (der wiederholt zu schwach war, seine Verbündeten zu halten) und den drei Stimmen der Liga-Vertreter (die von Hans Rinner und Markus Kraetschmer verwaltet wurden), die den Ausschlag gaben.

Ihre Motive, sich auf die Seite der Ruttensteiner-Gegner zu schlagen, waren dem Vernehmen nach nicht minder niedere. Während fünf Länderfürsten Ruttensteiner rein persönlich für seine offensive Weit/Weltläufigkeit, seine mit wissenschaftlicher Hilfe erzielte Professionalisierung und seine Weigerung, sich weiter nur in ihren provinziellen Niederungen aufzuhalten, abstrafen wollten, war es für die Liga-Vertreter ein simpler Kuhhandel, der ihr Abstimmungsverhalten verursachte.

Die Liga braucht die Länder für Stufe 2 ihrer Reform...

Liga-Präsident Rinner konnte nicht an sich halten und gab Samstag in seiner Erklärung anlässlich der Schöttel-Präsentation einen deutlichen Hinweis darauf: Er erwähnte die (im Zusammenhang mit einer ÖFB-Entscheidung völlig bezugslose) Liga-Reform und die Notwendigkeit, sich in einem zweiten, noch anstehenden Schritt über die Schnittstelle zwischen 2. Liga und Regionalligen zu einigen. Verhandlungspartner dort werden die Landespräsidenten sein. Soll heißen: mit ihrem Stimmverhalten pro Schöttel hat sich die Liga (zumindest bei den mächtige Fürsten aus dem Osten und dem Westen) Entgegenkommen bei dieser bis dato von den Landesverbänden blockierten Entscheidung erkauft.

Für die Bundesliga ist eine Lösung dieses heiklen Problems wichtig. Wenn am Nadelöhr zwischen Profi- bzw Halbprofi- und Amateur-Fußball wie bisher unreguliertes Chaos herrscht, be-/verhindert das nicht nur die Infrastruktur-Initiative sondern auch die durch den Wartungserlass angestoßene Professionalisierung ihres Sports.

... und opferte dafür bereitwillig Ruttensteiner

Dafür allerdings den Sportdirektor zu opfern, der nicht nur den ÖFB, sondern den gesamten österreichischen Fußball prägte, oft die einzige zukunftsorientierte Stimme seiner Branche war, verrät eine höchst eingeschränkte Sicht auf die Zukunft der Liga.
Denn deren Stärke kommuniziert direkt mit der Qualität von Nationalmannschaften, Akademien und Trainerausbildung und ist indirekt auch von Sympathie/Medienwerten (Stichwort: Team-Hype 2014/15, Frauen-EM) abhängig.

Davon auszugehen, dass ein biederer Verwalter des Machbaren wie eben Peter Schöttel die Ruttensteiner-Konzepte weiterführen kann (wie es ganz offensichtlich sein Auftrag ist), ist, pardon my french, hirnrissig. Ohne permanent nötige Adaptionen, ohne internationale Weiterbildung und ohne die Befreiung vom heimischen Pfründe- und Seilschaftsdenken, das das Befrieden von Haberer-Interessen jeder Entwicklung vorzieht, sind auch die besten heutigen Konzepte morgen nichts mehr wert.

Nun ist Willi Ruttensteiner nicht nur an seiner „Kommunikation“, also dem fehlenden Antichambrieren der Landesfürsten, gescheitert: er war Vielen auch einfach zu mächtig. Chef des Teamchefs, Chef beim Nachwuchs und den Frauen, Chef der Trainerausbildung, Chef der Akademien und der Jugendliga war er sowieso, im sportlichen Bereich kam keiner am Sportdirektor vorbei. Und fast alles, was beim ÖFB unter seiner Ägide eingeführt wurde, nahm auch Einfluss auf den restlichen Profi-Fußball, also die Bundesliga. Und da wie dort mehrten sich die Stimmen, die den im persönlichen Umgang zwar freundlich-bestimmten, aber auch lehrerhaft-paternalistischen Ruttensteiner schon allein deshalb weghaben wollten, weil er sie durch seine Erfolge und nachhaltigen Weichenstellungen andauernd an ihre eigenen Schwächen, Unsicherheiten und Versäumnisse erinnerte.

Das kindliche Herbeireden archaisch-besserer Zeiten

Rein psychologisch haben sich die mächtigen Player im österreichischen Fußball also auch deshalb ihres Klassenprimus entledigt, weil sie sich dadurch selber wieder aufwerten, im Schnitt allesamt wieder besser werden. Auch eine Art Trump-Manöver, in jedem Fall reiner Selbstbetrug. Der sich durch das Ausplaudern aller Pläne samt lügenhafter Dementis schon im Vorfeld entlarvte.

Das Nivellieren nach unten wird ab jetzt Dauergast in allen ÖFB-Handlungen sein. Es beginnt mit einer Beschneidung der Agenden Schöttels, der für deutlich weniger zuständig sein wird, und setzt sich mit der ersten Aufgabe, der Teamchef-Suche fort.

Die ersten kolportierten Namen auf der Zehner-Liste sind an Armseligkeit kaum zu überbieten (sie haben allesamt bestenfalls Bundesliga-Level) und spotten in Hinblick auf das ursprüngliche Anforderungsprofil und der Notwendigkeit, dass jemand mit internationaler Klasse Spieler aus internationalen Klasse-Vereinen führt, jeder Beschreibung.

Das Nivellieren nach unten als Dauergast

Der Spitzenkandidat der Neos, Herr Strolz, nennt die Landeshauptleute gerne die „Fürsten der Finsternis“. Um dieses Bild auf die Landeschefs umzulegen: denen ist der Typ, der das Feuer bändigen konnte, so auf die Nerven gegangen, dass sie lieber auf den nächsten zufälligen Blitzeinschlag hoffen als sich weiter mit der Kultivierung der Feuerstelle beschäftigen zu wollen; ist auch viel zu wissenschaftlich...

Es sind diese Clowns of the Stone Age, es ist diese Ansammlung von Inkompetenz, Amoral, Seilschaftsdenken und Selbstsucht, es sind diese niederen Instinkte und Motive, es ist die populistische, intellektuellen- und wissenschafts-, ja bildungsfeindliche Grundstimmung in diesem Land, die aktuell Mehrheiten beschafft. Sowohl im Großen als auch im ÖFB. Und der Bundesliga. Und damit im österreichischen Fußball.

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