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Daniel Kehlmann über „Tyll“ und ein paar Hofnarrenfragen

„Ich hab doch gesagt, ich schreib nie wieder einen historischen Roman. Das hat mich auch eine Weile abgehalten. Und dann dachte ich: ‚Ja, was soll schon passieren? Sie werden mich nicht einsperren, wenn ich meine Ankündigung breche.‘“

von Zita Bereuter

Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Europa ist verwüstet. Dörfer und Städte sind verbrannt. In den gerodeten Wäldern lauern Wölfe. Es herrscht Hungersnot. Die Leute sind ebenso gottesfürchtig wie abergläubisch. Die Ordnung ist zerfallen, Hysterie und Schrecken dominieren. „Man erlebt sowas nicht gerne, aber es ist gut zum Erzählen“ sagt Daniel Kehlmann. Aber es sei auch die Zeit, in der die deutsche Sprache und die deutsche Literatur zu sich kamen. Und schöne und ergreifende Musik geschrieben wurde.

In diese Zeit des Umbruchs, in der auch erste Anzeichen der Aufklärung durchscheinen, lässt er Tyll Uhlenspiegel auftauchen. Dessen Vater ist ein einfacher Müller, der sich aber auch mit Zeichen, Magie und Wissenschaft beschäftigt und bald als Hexer gehängt wird.

Tyll flieht mit seiner schwesterlichen Freundin Nele. Sie treffen auf Gaukler, das kleine Volk und Adelige, auf Soldaten und Kleriker. In unterschiedlichen Rollen lässt Kehlmann Tyll Uhlenspiegel auftreten. Unter anderem als Hofnarren für den Winterkönig, der weder Macht noch Geld, nur seinen Titel und eben einen Hofnarren hat.

Geschickt wechselt er zwischen Realität und Fiktion. „Das alles sei wahr, sagt er, sogar das Erfundene sei wahr“, Liest man an einer Stelle.

Buchcover von "Tyll"

Rowohlt

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt 2017

Tyll mit Ypsylon, „weil das die alte Fassung im Volksbuch ist“. „Das Y zeigt, dass ein bisschen was anderes gemeint ist.“

Daniel Kehlmann springt in den Kapiteln durch Raum und Zeit und lässt unterschiedliche Figuren erzählen. „Man muss das auf ein paar Tage im Leben von ein paar konkreten Menschen herunterkonzentrieren. Dann ist die große Frage – wer sind diese Menschen und was sind diese Tage? Das war die eigentliche Arbeit, die mich jahrelang beschäftigt und eigentlich fast wahnsinnig gemacht hat – weil ich ja eigentlich alle Freiheit hatte. Das war nicht wie bei Gauß und Humboldt, wo ich gewusst habe, im Wesentlichen folgt die Geschichte den Lebensgeschichten von Gauß und Humboldt. Ich werde viel erfinden, aber es gibt immer eine Art Schiene, an der ich entlang fahren kann. Aber in dem Fall gab es das nicht. Ich hatte vollkommene Freiheit und es gibt nichts, was so schwer zu bewältigen ist, als Erzähler, wie vollkommene Freiheit."

Fast fünf Jahre hat Daniel Kehlmann an dem Roman „Tyll“ gearbeitet. „Ich hab mich dann manchmal wirklich in Sackgassen der Recherche verloren. Also die Hexenprozesse haben mich so beschäftigt, dass ich praktisch ein Jahr kaum was anders gelesen habe. Und auch nichts anderes geschrieben habe als diesen Hexenprozess.“

Die intensive Beschäftigung mit dem 30-jährigen Krieg wirkt bei Daniel Kehlmann noch nach. „Ich erlebe jetzt - das klingt albern, aber ich meine es ernst - das Wassertrinken anders. Sauberes Wasser zur Verfügung zu haben, war während des Großteils der Menschheitsgeschichte keine Option. Leute mussten Dünnbier oder Milch trinken. Oder schmutziges Wasser und wurden dann krank. Das bleibt schon bei einem.“

Der fast 500-seitige Roman hat etwas von Tylls Auftritten: Man ist schnell vom spannenden Inhalt gefesselt, staunt über die geschickten Verstrickungen, lacht über gelungene Dialoge, ist über Details verblüfft, freut sich an der starken Sprache und möchte am Ende in die Hände klatschen und um Zugaben rufen.

Daniel Kehlmann vor dem FM4 Studio

Radio FM4

Daniel Kehlmann, geb. 1975 in München, hat mit seinem historischen Roman „Die Vermessung der Welt“ einen der erfolgreichsten Romane der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur geschrieben.

Was hat dich als Jugendlicher narrisch gemacht?
Fast alles. Ich war als Jugendlicher ständig wütend über praktisch alles und jedes. Die Frage ist eher, was mich nicht narrisch gemacht hat.

Was macht dich jetzt narrisch?
Immer noch sehr viel. Gestern bin ich mit dem Flugzeug gekommen und die Flugbegleiterin hat die Leute immer in der dritten Person angesprochen: „Was möchte der Herr trinken? Was möchte die Dame trinken?" Ich weiß gar nicht warum, aber das hat mich wahnsinnig gemacht. Also so Kleinigkeiten. Ich ärger mich ununterbrochen über Kleinigkeiten und will das dann dauernd mit Personen um mich herum thematisieren und merk natürlich, die interessiert das gerade überhaupt nicht.

Wann hast du dich zuletzt zum Narren gemacht?
Gestern im Flugzeug, als ich versuchte, von meiner mitreisenden Theateragentin Zustimmung zu kriegen zu dem Umstand, dass es doch unerträglich ist, in der dritten Person angesprochen zu werden. Sie hat gesagt: ‚Lass mich doch in Ruhe.‘

Wen hättest du gern für dich als Hofnarr?
Der beste Narr im Augenblick – die zwei besten - sind Jon Stewart und Stephen Colbert. Am allerbesten sind sie, wenn sie zusammen auftreten. Aber das sind so wunderbare, geniale Menschen, dass es mir selbst als Gedankenexperiment vermessen vorkommt, sie mir als meine Hofnarren zu denken.

Bei wem wärst du gerne Hofnarr?
Ich würd sehr gern mal Donald Trump wirklich ganz, ganz furchtbar beleidigen. Das wär wirklich schön, dafür mal persönlich die Chance zu haben. Das wäre sehr befriedigend.

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