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Filmstills aus "Phantom Thread"

Universal

FILM

Ein Geschenk für das Kino

Mit „Phantom Thread - Der seidene Faden“ präsentiert Paul Thomas Anderson ein weiteres Meisterwerk. Neben Daniel Day-Lewis in seiner letzten Rolle begeistert in dem Beziehungsdrama auch Shootingstar Vicky Krieps.

Von Christian Fuchs

Es gibt verzweifelt um Aufmerksamkeit ringende Kritiker, die führen seit Jahren einen sarkastischen Feldzug gegen Paul Thomas Anderson. Dermaßen prätentiös erscheinen ihnen die ambitionierten Filme des US-Regisseurs, dass sie einen britischen Namensvetter gegen ihn ins Spiel bringen. Paul W.S. Anderson, der Mann hinter der „Resident Evil“ Reihe, sei mit seinen hektisch geschnittenen Videospielverfilmungen tatsächlich der wahre Visionär. Im Gegensatz zum angeblich pseudoseriösen Amerikaner stehe der Brite nämlich für ungeniert vulgäres Popkino.

So grotesk dieser Vergleich ist, in einem Punkt haben die Gegner von PT Anderson recht: Von leicht zugänglicher Gefälligkeit hat sich der Filmemacher, der seine Karriere mit der grellen Pornoindustrie-Saga „Boogie Nights“ begonnen hat, wirklich verabschiedet. Und zwar ganz bewusst.

Das archaische Aufsteigerepos „There Will Be Blood“ steht für diesen Schnitt in Andersons Schaffen. Bei dem Sektendrama „The Master“ verzichtet der Regisseur dann noch mehr auf die plakativen Verpackungen des Gegenwartskinos. Es sind Filme, die sich bisweilen bewusst sperrig auf die Suche nach der conditio humana machen, ohne Rücksicht auf niedrige Aufmerksamkeitsspannen. Mit der psychedelischen Thomas-Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“, einer bewusst ins Leere laufenden Stoner-Comedy, stellte Anderson zuletzt sogar die Geduld einfleischter Fans auf die Probe. Inklusive dem Schreiber dieser Zeilen.

Filmstills aus "Phantom Thread"

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Geradlinig und radikal zugleich

Aber egal, was man über Paul Thomas Andersons letzten Film denkt, sein neuer Streifen ist über jeden Zweifel erhaben. Der mittlerweile 47-jährige Kalifornier hat mit „Phantom Thread“, bei uns „Der seidene Faden“ betitelt, ein Meisterwerk geschaffen, das ihn in eine Liga mit legendären Regiekünstlern des früheren Hollywood wie Orson Welles oder Stanley Kubrick katapultiert. Findet Anderson doch einerseits zu einer narrativen Geradlinigkeit zurück, die man schon lange nicht mehr bei ihm erwartet hätte. Und auf der anderen Seite bleibt er der radikalen Ambivalenz seiner späteren Filme durchaus treu.

„Phantom Thread“ führt uns ins Reich von Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis), der im London der 50er Jahre edelste Kleider für die Damen der feinen Gesellschaft entwirft. Der exzentrische Modedesigner, machen die ersten Szenen klar, lebt ganz abgeschirmt, nur für seine Arbeit. Einzig seine Schwester (Lesley Manville), die außerdem die Firma managt, leistet dem alternden Sonderling Gesellschaft. Bis zu dem Tag, an dem Reynolds bei einem einsamen Frühstück am Land die junge Kellnerin Alma (Vicky Krieps) beobachtet. Die bescheiden wirkende Schönheit fasziniert ihn augenblicklich.

Eine schrullige Dinnereinladung folgt und bald danach eine private Anprobe in Reynolds Atelier. Alma, eine deutsche Migrantin, fühlt sich seltsam angezogen von der abgeschirmten Welt des noblen Kleidermachers. Der obsessive Mann vereinnahmt die zuerst zurückhaltende Frau schnell. Aber was sich zwischen dem ungleichen Paar entwickelt, sieht nur nach außen nach einer Beziehung aus. Für Reynolds ist Alma anscheinend bloß eine Quelle der Inspiration, ein ideales Modell, ein Aufputz bei Events.

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Berauschende Bilder, orchestraler Soundtrack

Die Story von „Phantom Thread“ mag sich vorab etwas steif und verstaubt anhören, wie eine Liebesschnulze aus einer längst vergangenen Ära. Aber der Film entwickelt einen hypnotischen Sog. Paul Thomas Anderson stellt allmählich alle Klischees über einen strengen Maestro und seine schüchterne Muse auf den Kopf. Irgendwann ändert sich die Dynamik der Kräfte zwischen Reynolds und Alma. Die sanfte Geliebte will keine genügsame Anziehpuppe mehr sein.

Statt eine konventionelle Auseinandersetzung der Geschlechter zu präsentieren, verstört Anderson aber in der Filmmitte mit einem bizarren Twist. Die Geschichte einer Emanzipation, die gleichzeitig ein akribisches Portrait der Modeszene der 50er Jahre ist, mutiert zur nachtschwarzen Romanze mit einem Hauch von Alfred Hitchcock. Euphorie, Melancholie und konstante Anspannung wechseln sich ab.

Aber es ist natürlich nicht nur der Inhalt, der fesselt, wir reden schließlich von einem Film von Paul Thomas Anderson, der diesmal auch selbst hinter der Kamera gestanden ist. Die exquisiten 35mm Bilder berauschen, vor allem übertrifft sich aber wieder Johnny Greenwood von Radiohead selbst, dessen orchestraler Soundtrack an große Hollywood-Klassiker erinnert. Dass Daniel Day-Lewis in jener Rolle begeistert, die angeblich seinen Abschied vom Schauspiel markiert, war zu erwarten. Aber Vicky Krieps als Alma ist als Kontrapart zum strengen Reynolds ebenso sensationell. Die junge Schauspielerin aus Luxemburg erobert sich ihren Platz in dieser Altmänner-Erzählung und vereinnahmt ebenso die Leinwand.

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Ein Herz für stille Momente

Es ist das Unausgesproche, das in der Luft liegende Mysterium, das „Phantom Thread“ so besonders macht. Während gerade in vielen gefeierten Indiestreifen alles psychologisch ausbuchstabiert wird und Gefühlsausbrüche drehbuchgerecht inszeniert sind, lässt Paul Thomas Anderson vieles offen.

Auch Vicky Krieps schwärmt beim FM4-Interview in Berlin von dieser geheimnisvollen Aura des Films. „Ich glaube, uns Schauspielern selbst war auch nicht immer alles klar beim Dreh. Dieses Geheimnis, das den Zuschauer beschäftigt, gab es auch am Set und es war unabgesprochen klar, dass wir uns alle auf dieses Geheimnis einlassen, ihm Raum geben. Dass heißt, Dinge unausgesprochen und unerklärt lassen - und trotzdem die Szene spielen.“

Vicky Krieps erzählt von dem Londoner Set überhaupt wie von einem sakralen Ort, wo nur vorsichtig geflüstert wurde. „Heilig“, dieses Wort fällt mehrmals im Gespräch mit ihr. Und es ist ein Begriff, der die schnoddrigen Gegner der Kirche von PT Anderson wahrscheinlich auf die Palme bringt. Aber in einer Zeit, wo plakative Dramaturgie regiert, das Ende des Kinos beschworen wird und die Verwendung von 35mm Filmmaterial beinahe dekadent anmutet, scheint ein verschrobener Film wie „Der seidene Faden“ fast schon wie eine kleine heilige Kostbarkeit.

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„Das denke ich jedes Mal, wenn ich jemandem sage, er soll den Film kucken“, nickt Krieps zustimmend und lächelt. „Er erinnert einen, wie wichtig es ist, dass wir Geschichten erzählen. Und dass wir sie richtig erzählen, dass wir dem Zuschauer zutrauen, dass er sie versteht, dass er sich emotional darauf einlassen kann, dass wir dem Zuschauer ein Herz zutrauen. Das ist doch, als ob wir nicht mehr dran glauben, dass Menschen Herzen haben. Aber natürlich haben wir ein Herz für 35mm, wir haben auch ein Herz für komplizierte Figuren, wir haben auch ein Herz für stille Momente, die oft übersehen werden.“ Ein besseres Fazit lässt sich zu „Phantom Thread“ nicht formulieren, einem Film, der eindeutig ein Geschenk für das Kino geworden ist.

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