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Der Künstlerroman „Leinsee“

Die Literaturwelt hat neue Farben bekommen: Wolkengrau, Gottweiß, Regentageblau, Teichgrün und viele mehr. Sie betiteln die Kapitel des Debütromans der Berlinerin Anne Reinecke.

Von Gersin Livia Paya

Anne Reinecke wollte schon als junges Mädchen Schriftstellerin werden. Im FM4-Gespräch erzählt sie, dass sie aber „darauf warten musste, reifer zu werden, und vor allem bis sich Geschichten formen, die zu erzählen es sich lohnt“.

Viele Jahre lang hat Anne Reinecke Reife gesammelt, um dann fünf Jahre an ihrer ersten Erzählung zu schreiben. Jede Sekunde davon hat sich gelohnt. Für ihren Erstlingsroman „Leinsee“ bekam sie nicht nur ein Stipendium, sondern wurde auch für den diesjährigen Debütpreis der „LitCologne“ nominiert.

Anne Reinecke

Alberto Venzago / Diogenes Verlag

Anne Reinecke

Es sei kein autobiografischer Roman und weit weg von ihrem privaten Leben", sagt Reinecke. Ihr abgeschlossenes Kunstgeschichte-Studium fließt dennoch stark in das Buch mit ein. Dies macht sich vor allem an der Betitelung der Abschnitte bemerkbar. Jede Kapitelüberschrift bekommt eine Farbe; das Anfangskapitel heißt etwa: „Kanarienvogelgelb und silbern“. Genauer gesagt ist dies die Farbe des Erbrochenen des Protagonisten Karl, das in der silbernen ICE-Kloschüssel landet.

Für Anne Reinecke ist der Kern des Buches „die Beziehung zwischen Karl und Tanja, und wie die beiden parallel zueinander erwachsen werden und aneinander hochziehen.“ Lachend fügt sie hinzu, dass das der „rote Faden“ des Buches sein, wohlwissend, dass für sie dieser Ausdruck auch die Stärke der roten Farbe ausmacht.

Karl ist noch keine 30 Jahre alt und hat sich als Künstler in Berlin etabliert, allerdings mit falschen Nachnamen. Er wollte sich nicht als „Der Sohn“ des Glamourpaares der deutschen Kunstszene einen Namen machen. Ada und August Stiegenhauer haben Karl mit zehn Jahren ins Internat abgeschoben und nun, mit Ende zwanzig, muss er in sein Elternhaus zurückkehren - für ihn Grund genug, im Zug dorthin zu kotzen. Sein Vater ist mittlerweile tot, seine Mutter schwer krank. Karl wird schnell wieder zum Kind. Er befreundet sich mit einem kleinen Mädchen, Tanja, die sich heimlich im Kirschbaum des Eltern-Gartens versteckt und so wie alles im Roman auch mit ihrem Geruch, einem sanften Basilikum-Duft, liebevoll gezeichnet wird.

Karl lag und lauschte. Es war ein gutes Geräusch, fand er. Ansonsten war es still. Ansonsten war es dunkel.

Cover "Leinsee"

Diogenes Verlag

„Leinsee“ von Anne Reinecke ist bei Diogenes erschienen.

Karl hat eine ehrliche, aber vor allem traurige Art, oder vielmehr ist er ehrlich traurig. Diese melancholische Grundstimmung macht ihn sympathisch, wenngleich er pausenlos trinkt und raucht und mit seiner Liebe zu der achtjährigen Tanja ein großes Rätsel aufwirft. Auch für die Autorin selbst löst sich dieses Rätsel nicht auf.

Sie sieht das Buch „wie einen Film vor sich“. Vielleicht ist es sogar das perfekte Skript für einen Film, denn die Autorin erzählt diese bewegende Geschichte des Erwachsenwerdens äußerst bildhaft.

Der Trailer zum Buch

Im Interview beschreibt Reinecke den Film-Trailer zum Buch, den sie schon beim Schreiben im Kopf hatte:

Da ist natürlich die Anfangsszene vom Zug drin (Kotz-Szene), dann das Kaffeetrinken unterm Kirschbaum, dann kommt die Stelle wo Tanja aus dem See steigt und vielleicht noch ein bisschen was vom Ende: Berlin und das Tempelhofer-Feld und die große Verzweiflung. Und darunter liegt ‚The Passenger‘ von Iggy Pop!

„Leinsee“ ist ein Buch, das perfekt zur Farbe der Bäume passt. Ein Roman, der humorvoll Liebe und Trauer beschreibt. Die erste Träne kullert bereits im dritten Kapitel, und zwar aus Empathie. Auch die ruft diese Erzählung hervor.

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