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Heyne / Randomhouse

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Skandinavische Misanthropie

Der norwegische Autor Matias Faldbakken legt nach seiner skandalträchtigen Trilogie rund um „Cocka Hola Company“ mit „The Hills“ einen ruhigeren Roman über eine konservative Schein-Idylle vor.

Von Boris Jordan

2003 war es die Sensation: Der norwegische Autor Matias Faldbakken hat mit den Schelmenromanen „Cocka Hola Company“, „Macht und Rebel“ und „Unfun“ (zusammen als „skandinavische Misanthropie“ bezeichnet) den Literaturmarkt erobert, vor allem in Deutschland. Das Konzept der Bücher war klar an Skandalautoren wie Bret Easton Ellis oder Michel Houellebecq orientiert: Durch Drastik, absurde Wendungen und Tabubrüche sollte eine satte und durch wenig aus der Ruhe zu bringende Gesellschaft in ihrer Gleichgültigkeit und Verkommenheit portraitiert werden, kapitalistische Logik und „anything goes“ der modernen liberalen Gesellschaften durch gezielte Grenzüberschreitung aus einer Lethargie gerissen werden. Das Versprechen von Konsumglück und Zivilisation ist ein dünner Film der Gutartigkeit, der auf einer im Herzen verkommenen, egoistischen und gewalttätigen Gesellschaft liegt.

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Heyne / Randomhouse

„The Hills“ von Matias Faldbakken ist in der Übersetzung von Maximilian Stadler bei Heyne/Randomhouse erschienen.

Hier kann man einen Blick ins Buch werfen.

Hauptsächlich erreiche Faldbakken dies durch die allerleichteste der Übungen, den Tabubruch entlang der Grenzen von PC und Minderheitenschutz. So tummelten sich professionelle Drogenhändler und Prostituierte, Waisenkinder und psychisch Kranke, „Behinderte“, Kleinwüchsige und Neonazis und überboten sich in Zynismus, Rücksichtslosigkeit und fröhlicher Menschenverachtung. Explizite Sex- und Gewaltszenen wurden rasant aneinander montiert und in launigem Plauderton damit gerechtfertigt, dass Nihilismus ohnehin die Hauptideologie unserer „Post-alles“-Zeit sein würde.

Die radikale, zynische und Tabubrechend-um-sich-schlagende Amoralität der Hauptfiguren der „Cocka Hola Company“, die Bullying, Gewalt und die Verachtung der Schwächeren als nicen Lifestyle pflegten, war fast nur möglich in der von Rationalität und Sicherheit eingekuschelten, konsensualen norwegischen Fahrradmonarchie. Dieses Modell hatte, wie ein Kollege festgestellt hat, in der Katastrophe von Utøya ein Ende gefunden. Anders Behring Breivik hätte als neidischer „Übermenschen“-Irrer und rationalisierender Triebtäter gut in die „skandinavische Misanthropie“ gepasst, seine schreckliche Handlung erfüllte sich wie eine blutig-reale Vollendung der Gedankenexperimente aus Faldbakkens Romanen.

Nun ist Matias Faldbakken zurück. Und der Roman „The Hills“ über ein Café in Oslo ist so weit wie nur irgend möglich von diesem Karussell von halbverdauten Achtziger-Ideologemen entfernt. „The Hills“ ist vor allem eines: Alt. Und ruhig.

Das Hotel

Das „Hills“ ist eine Art konservative Idylle, ein Ort von Bildung, Stil und Klassenbewusstsein: Erlesene, mit Patina überzogene Einrichtung, handegefertigtes Tafelsilber und moderne Kunst, Klaviermusik von einem schrulligen Beethoven-Lookalike gespielt. Das Ambiente ist klassisch, die Gastronomie hochwertig, die Belegschaft auf Kompetenz, Stil und Diskretion bedacht, die Gäste Stammgäste aus den besten Kreisen.

Der Ich-Erzähler ist der Oberkellner, eine Art Hohepriester der Bewahrung des Guten, Wertigen und Alten. Er arbeitet konstant, ruhig und diskret, er errät die Wünsche der Stammgäste, bevor sie selbst sie wissen, er agiert stets sowohl konservativ wie antizipierend. Er kennt seinen Platz in dieser Welt der Hierarchien und füllt ihn von ganzem Herzen aus, stets bemüht, keine individuellen Regungen oder Zweifel zu haben, geschweige denn, sie zu zeigen:

„Jeden Tag vollbringen erwachsene Menschen extreme Taten, aber ich nicht. Ich warte. Ich bin zu Diensten. Ich bewege mich im Raum umher und nehme Bestellungen auf, schenke ein und räume ab. Im Hills können die Menschen mit einem traditionsreichen Umfeld verschmelzen. Sie sollen sich willkommen fühlen, aber nicht so zu Hause, dass sie vergessen wo sie sind.“

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Heyne / Randomhouse

Das Milieu

Die Stammkundschaft, deren Bedürfnisse zu kennen die Hauptfigur als einzigen Lebensinhalt preist, sind sämtlich Männer voller Stil und Weltläufigkeit. Eine Gruppe, angeführt von einem distinguierten Herren, den sie „das Schwein“ nennen, ist bürgerlich und um geschmackliche Distinktion bemüht. Die andere Gruppe ist hedonistisch-künstlerisch veranlagt und pflegt den wohlgeordneten Exzess der Boheme. Sie essen und trinken teuer, sind makellos in Kleidung und Benehmen, reden gebildet und unverbindlich über Kunst, Mode und Lebensart, stets beobachtet vom Oberkellner, der ihre bloße Existenz für den Beweis der Überlegenheit des Bewährten, von Hand Gefertigten und Elitären über alles Niedrige, Egalitäre oder Zufällige hält. Diese beiden Gruppen entspinnen eine Intrige, bei der ein seltenes Kunstwerk eine Rolle spielt.

Der Oberkellner hat nur einen Freund, Edgar, der ihm als eine Art „Gewissen“ dient, einen leicht ironischen Philosophen, der mit seiner Tochter Anna ins Hills kommt und sich gerne über die Gespreiztheit des Millieus und den Anachronismus dieses Mikrokosmos lustig macht.

Mathias Faldbakken

Ivar Kvaal

Matias Faldbakken

In diese seltsame Fin de Siecle-Welt bricht ein moderner Fremdkörper ein, in Gestalt der unkonventionellen und lebensfrohen Kundin, der er den Namen „Kindfrau“ gibt. Die stolziert herum, bandelt mit den Reichen und Schönen an, trinkt vierfache Espressi und nimmt die Gänge in verkehrter Reihenfolge ein. Sie bewegt sich in seinem Lokal und in seiner Welt unbekümmert und voller Schönheit, als wäre sie dort hinein geboren. Und sie lässt sich von den Reichen und Gelangweilten in ihre Geschäfte einbinden. Und auch die sind fasziniert, selbst Edgar verliert seine Distanz.

Nun ist es um den Oberkellner geschehen. Ihre Natürlichkeit ist ihm Rätsel und Begehren zugleich. Er beginnt, Fehler zu machen, er wird fahrig und unkonzentriert, verwechselt Tische, rennt mit einem Kohlkopf im Lokal herum, verletzt sich bei Ungeschicktheiten und zeigt sich von Alltäglichkeiten überfordert. Die heile Welt droht zu einem Chaos zu werden.

Es passiert nicht viel in den zwei Tagen im The Hills und dennoch passiert dort alles. Haben die Figuren der Cocka Hola Company schonungslos und größenwahnsinnig alles ausagiert, zerreißt es den Oberkellner des Hills beim Versuch, möglichst alles Störende zu verstecken, zu ignorieren oder zu unterdrücken. Was sich dort in rasanter Handlung und Körperlichkeit ergoss, findet hier in Andeutungen statt. Die Leere und Zwanghaftigkeit der Figuren ist zwischen die Zeilen über Calvados und Bœuf Bourguignon gebaut, die Motive im Dunkeln, wo sie hingehören. Wie in „Mysterien“ von dem norwegischen Modernisten (und fanatischen Reaktionär) Knut Hamsun wird die so souverän und kontrolliert wirkende Hauptfigur von untergründigen Dämonen zu den irrationalsten Handlungen verleitet, die sein Glück verhindern oder verunmöglichen, das er – womöglich - der unbedingt zu bewahrenden Fassade zu früh und zu vollendet zu opfern bereit war.

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