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Suspiria

Amazon Studios

Surprise, Surprise, „Suspiria“

Mit seinem Remake des Horror-Klassikers „Suspiria“ hat Regisseur Luca Guadagnino („Call be my your name“) überraschend eigenwillige und leise Vision abgeliefert, den Kultfilm von Dario Argento neu zu interpretieren. „Suspiria“ lehrt weniger das Fürchten. Vielmehr verschaut man sich in eine hoch ästhetische und erzählerische Präzision mit einem Quäntchen Feminismus.

Von Petra Erdmann

Klassische Studios finanzieren nur noch selten Autoren-Genrefilme, schon gar keine mit Avantgarde-Appeal. Mit dem neuen „Suspiria“ hat jetzt aber der Online-Plattform-Gigant Amazon seinen ersten Horrorfilm produziert.

Die fiebertraumartige Gewaltorgie, die Regisseur Dario Argento in seinem Original von 1977 am weiblichen Körper durchexerziert hat, bringt ihm bis heute Minuspunkte bei Feministinnen ein. Da verstümmeln Hexen, als Leiterinnen einer Ballettschule in Freiburg getarnt, ihre Tanzstudentinnen. Aus diesen grellen blutigen Ritualen gelingt der amerikanischen Hauptfigur Suzy Bannion (Jessica Harper) die Flucht. Im neuen „Suspiria“ findet Suzy (jetzt eine knochenharte Dakota Johnson) in ihren exzessiven Tanzperformances ein anderes, emanzipatorisches Ende. So viel sei verraten.

Madame Blanc (Tilda Swinton) choreographiert mit dem spirituellen Stück „Volk“ ein mörderisches Folterinstrument, das ihre untertänigen Schülerinnen, darunter auch Chloë Grace Moretz, in den Wahnsinn treibt. Blutig verrenkte Mädchenkörper in geheimen Räumen verwandeln einander durch den Tanz in ekstatische Untote. Auch damit ist Luca Guadagnino wenig auf Schock aus. Die dezent eingesetzten CGI-Effekte unterstützen vielmehr seinen alptraumhaften, ungemütlichen Realismus.

Filmstill aus "Suspiria"

Amazon Studios

Guadagnino lädt die rituellen Gewalttaten mit vielschichtigen politischen Untertönen auf. Im Inneren eines mysteriösen Gebäudes, das die Tanzkompanie beherbergt, tobt ein sinisterer Machtkampf unter Hexen und ihren Anhängerinnen. Die exzentrischen Hexen hat Luca Guadagnino u.a. mit den großen Filmschauspielerinnen des deutschen Kinos der 70er Jahre besetzt. Die fantastische Angela Winkler („Die verlorene Ehe der Katharina Blum“) oder Ingrid Caven erscheinen wie Wiedergängerinnen des radikalen Kinos von Rainer Werner Fassbinder. Ihm hat Guadagnino mit seinem „Suspiria“ eine offensichtliche Hommage erwiesen und gleich den Handlungsort ins Berlin von 1977 versetzt.

In den Berliner Straßen skandieren lautstark Demonstranten für die Gefangenenrechte der RAF-Mitglieder. Der deutsche Staat reagiert gewaltsam, während sich die einzig männliche Hauptfigur im Film mit seiner Vergangenheit in der NS-Zeit quält. Den Psychoanalytiker Dr. Klemperer spielt - bis zur Unkenntlich alt geschminkt - Tilda Swinton. Swinton hatte dies noch bei Weltpremiere von „Suspiria“ bei den Filmfestspielen von Venedig bestritten. Dort hatte sich auch Luca Guadagnino auf der Pressekonferenz als „Stalker von den besten Regisseuren“ geoutet. „Mit 15 Jahren habe ich Dario Argento durch die Scheiben eines Restaurants minutenlang angestarrt“, gesteht Guadagnino, „so sehr, dass es ihm schon unangenehm wurde.“

Ein zurückhaltender Thom Yorke ist neben dem Regisseur gesessen. Stunden nachdem man „Suspiria“ gesehen hat, hallt seine gespenstische Engelsstimme immer noch nach. Der erste Filmscore des Radiohead-Frontman könnte gegensätzlicher als die Nerven aufreibende Originalmusik der italienischen Progressive-Rocker Goblin von 1977 nicht klingen.

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